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Diakonie registriert wachsende Armut

"Die Situation hat sich zweifellos zugespitzt"

Landkreis (crs). Als Leiter des Diakonischen Werkes in Rinteln ist Sozialarbeiter Martin Barwich täglich hautnah mit sozialen Problemen konfrontiert. Er registriert wachsende Armut: Immer mehr Menschen nehmen die Sozialberatung in Anspruch.

veröffentlicht am 27.10.2006 um 00:00 Uhr

Martin Barwich

Hat Armut ein Gesicht, kann man Menschen Armut ansehen? Leider ja. Es fällt im Gegenteil eher auf, wenn man jemandem nicht ansieht, dass er Hartz IV bezieht. Viele Bedürftige sind ungepflegt, laufen in Turnschuhen und Trainingshose herum. Aus Ihrer täglichen Erfahrung heraus: Hat sich das Armutsproblem in Deutschland verschärft? Die Situation hat sich zweifellos zugespitzt. Wir merken das in unserer Sozialberatung. Es gibt deutlich mehr Nachfragen nachÜberbrückungshilfen in akuter Not oder aber nach rechtlicher Beratung. Ist die Lage seit Einführung der Hartz IV-Gesetzgebung noch schwieriger geworden? Ohne Zweifel. Wer Hartz IV bezieht, ist arm. Einmalige Beihilfen sind weggefallen, und der Eckregelsatz von 345 Euro für Alleinstehende ist zu niedrig. Da führt selbst die kleinste unvorhergesehene Situation dazu, dass man kein Essen mehr kaufen kann. Wo gehen die Hartz IV-Gesetze an der Wirklichkeit vorbei? Der Regelsatz ist nicht wissenschaftlichüberprüft, sondern eine reine Kostenrechnung. Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe als Grundlage ist ein untaugliches Instrument: Hier hat man sich an den Ausgaben der untersten 20 Prozent orientiert, dabei außer Acht gelassen, dass eine Alleinerziehende mit fünf Kindern ganz andere Bedürfnisse hat als die vielen Senioren, und dann noch vermeintliche Luxusgüter herausgekürzt - völlig unangemessen. Wenn ein Leistungsbezieher sich auch nur ein bisschen auskennt, müsste er eigentlich nur noch klagen. Was würden Sie ändern? Sinnvoll wäre ein Regelsatz von 500 Euro plus angemessene Miete. Da hat man noch einen gesunden Abstand zu Geringverdienern. Generell sehe ich eine immer größere Einseitigkeit: Während das Kapital Steuergeschenke bekommt, wird über Kürzungen bei Hartz IV nachgedacht. Absurd. Ist Armut auch eine Bildungsfrage? Ganz bestimmt. Zwar gibt es auch gut ausgebildete Leute, die Hartz IV beziehen, aber betroffen sind vor allem die Geringqualifizierten. Die fehlende Bildung ist neben der finanziellen Misere und einer gewissen Ghetto-Bildung Hauptindikator für die viel zitierte "Unterschicht". Ein weiteres Problem: Viele Leute sind konsumabhängig, beziehen Hartz IV und haben zugleich ein topaktuelles Handy. Wird Armut "vererbt"? Oder haben Kinder aus armen Familien eine Chance auf eine Zukunft? Nur mit sehr viel Glück, unter sehr günstigen Begleitumständen, mit Hilfe von außen. Kinder aus armen Familien haben sehr viel auszuhalten.

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