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Informationsabend der Philologen / Kritik an der "Eigenverantwortlichen Schule"

"Die Schule wird entprofessionalisiert"

Stadthagen (han). DieÄnderungen im niedersächsischen Schulgesetz sind das Thema einer Informationsveranstaltung in der "Alten Polizei" gewesen. Gastgeber war der Philologen-Ortsverband Stadthagen. Der Geschäftsführer des Philologenverbands Niedersachsen Roland Neßler ging in seinem Referat vor allem auf die Folgender Gesetzesänderung für Schule und Unterricht ein.

veröffentlicht am 30.01.2007 um 00:00 Uhr

Regularien und unnötig komplexe Rechtsvorschriften hätten, so Neßler, so sehr überhand genommen, dass sich Lehrer kaum noch auf ihre Kernaufgabe, den Unterricht, konzentrieren könnten. Als Beispiel führte Neßler die Versetzungsordnung an: "Die Zeit, in der einfach und professionell über eine Versetzung entschieden wurde, ist vorbei". Vor allem die "Reformeuphorie" der Bildungspolitiker binde die Lehrer so stark ein, dass Unterricht zweitrangig werde. Das gelte besonders für die Entwicklungen, die unter dem Schlagwort "Eigenverantwortliche Schule" subsumiert würden: "Wenn Lehrer von 14 bis 17 Uhr in Konferenzen und Ausschüssen sitzen, fehlt die Zeit zur Vorbereitung des Unterrichts und zum Korrigieren von Arbeiten", sagte Neßler. Durch das neue Schulgesetz ergäben sich, so der Philologe, vor allem drei Änderungen: 1. Der Gesamtkonferenz, die sich in der Mehrheit aus Lehrern zusammensetzt, seien in erheblichem Maße Kompetenzen entzogen worden. 2. Demgegenüber habe der Schulvorstand "immense" Entscheidungsbefugnisse erhalten. Der Schulvorstand bestehe zur Hälfte aus Lehrern und zu je einem Viertel aus Schülern und Eltern. 3. Aufgaben und Funktion des Schulleiters seien in beträchtlichem Umfang erweitert worden. Vor allem die Kompetenzerweiterung des Schulvorstandes zu ungunsten der Gesamtkonferenz betrachtet Neßler als problematisch: "Wir entfernen uns von dem, was professionell ist". Der Schulvorstand habe nicht die fachliche Kompetenz, um eine Schule gut zu leiten. Neßler wählte zur Verdeutlichung die Metapher eines Krankenhauses, in der es dem Pflegepersonal gestattet sei, Patienten zu operieren. Auch sei es bedenklich, dem Schulleiter zusätzliche Aufgabenfelder zu übertragen, da dies zu einer Überforderung des Betreffenden führen könne: "Es gibt heutzutage kaum noch jemanden, der Schulleiter werden möchte", so der Pädagoge. Des Weiteren kritisierte Neßler die Rahmenrichtlinien, die es für einige Schulfächer gebe: "Wir vermitteln zum Teil Banalität." Man müsse sich stattdessen auf exemplarische Gegenstände des Lernens konzentrieren. Als Beispiel für den Deutschunterricht führte Neßler den "Faust" von Goethe an. Darüber hinaus lehnte Neßler die Vorstellung ab, dass Lehrer ihren Aufgaben ausschließlich im Schulgebäude nachgehen sollten. "Lehrer können ihr Arbeitspensum nur im häuslichen Arbeitszimmer erledigen. Dort ist der Arbeitsplatz sinnvoll und funktional", so der Referent. Außerdem gab Neßler mit Blick auf den Lehrermangel in naturwissenschaftlichen Schulfächern zu bedenken, dass sich die geringere Besoldung der niedersächsischen Lehrer nachteilig auswirken könne, da sich naturwissenschaftliche Lehrkräfte verstärkt in anderen Bundesländern um eine Anstellung bemühen würden.

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