weather-image
14°
Von Johann Wolfgang von Goethe bis Walt Disney: Die Hamelner Legende beschäftigte immer wieder kreative Köpfe

Die Rattenfängersage – als Gedicht, Drama und Cartoon

Die Sage vom Rattenfänger von Hameln gehört zu den weltbekannten Geschichten und Legenden. Entsprechend zahlreich und vielfältig sind ihre künstlerischen Interpretationen. Im Jahr 1556 erschien der Bericht über den „Bunting“, der 130 Kinder aus der Stadt an der Weser entführt haben soll, erstmals gedruckt. Doch hatte das noch keinen großen Nachhall. In Hameln war die Geschichte vom Rattenfänger zwar bekannt, aber bei den maßgeblichen Bürgern nicht beliebt – schließlich stellte die den Rat und den Bürgermeister der Stadt als betrügerische Leute an den Pranger.

veröffentlicht am 07.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.07.2009 um 17:42 Uhr

270_008_4134593_hm404_0807.jpg

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Es dauerte bis zum Jahr 1749, ehe die Sage ein zweites Mal in einem Druckwerk Erwähnung fand. Aber nicht etwa in Hameln erschien die Geschichte, sondern in einem auf Französisch geschriebenen Buch des Abtes Augustin Calmet vom Kloster Senonn in Lothringen. Das Buch wurde wegen seines großen Erfolges bereits im Jahr 1751 ins Deutsche übersetzt und unter dem Titel „Von Erscheinungen der Geisteren“ in Augsburg verlegt. Es handelte von vielerlei Spuk- und Hexengeschichten und enthielt auch die Rattenfängerlegende. Dem Rattenfänger unterstellte der Abt, er sei mit dem Teufel im Bunde gewesen, denn nur so habe er die Ratten ersäufen können und „so viele unschuldige Kinder aus Rach gegen ihre Väter auf solche Weise zugrund“ gerichtet.

Johann Wolfgang von Goethe widmete der unheimlichen Sagengestalt, wahrscheinlich im Jahr 1791, eine 1803 gedruckte Ballade, in der er Hameln als „altberühmte Stadt“ würdigte. Und auch Gustav Freytag, ein heute kaum noch gelesener Dichter des 19. Jahrhunderts, beehrte die Sagengestalt im Jahr 1844 bei einer Vorstellung zugunsten der notleidenden schlesischen Weber mit einem Gedicht.

Der jüdische Schriftsteller Sedan befasste sich im Jahr 1951 in einem in der hebräischen Schrift des Alten Testaments verfassten Aufsatz mit der Hamelner Sagengestalt und bezeichnete den Rattenfänger als „unseren Bruder“. Der Rattenfänger habe das Schicksal der Juden in unseren Landen geteilt, schrieb Sedan: „Er kam, von Osten her, in die Stadt, um sich durch ihre Befreiung von einer Rattenplage vielleicht die Anwartschaft auf seine Niederlassung zu erwerben. Aber man lohnte ihm mit schnödem Undank.“ Ebenso wie es vom Rattenfänger erzählt wird, habe man die Israeliten beschuldigt, Christenkinder entführt und ermordet zu haben.

270_008_4134591_hm402_0807.jpg
270_008_4134590_hm401_0807.jpg

„El Flautista de Hamelin“

Im Rattenfängerzimmer des derzeit im Umbau befindlichen Hamelner Heimatmuseums lagen neben den deutschen Bearbeitungen der Geschichte auch diejenigen anderer Nationen aus. Am zahlreichsten seien die englischen Ausgaben, daneben gebe es auch Kinderbücher aus Frankreich, den Niederlanden, Irland (in Gälisch), der Tschechoslowakei und sogar aus China, berichtete die Dewezet schon im Februar 1966. Neueste Erwerbung war damals ein großformatiges spanisches Märchenbuch mit dem Titel „El Flautista de Hamelin“ gewesen, das dem Geschäftsführer des Hamelner Verkehrsvereins vom spanischen Konsul überreicht wurde. Noch im selben Jahr wurde die Geschichte auch auf Baskisch geschrieben. Der Titel des Buches: „Hamelin’go Txirularia“. Die großformatigen Bilder in der baskischen Ausgabe zeigten den Rattenfänger weniger als seltsamen Unhold, sondern eher als höfischen Narren im Schellenkleid. Für Hameln sicher eine ungewohnte Darstellung.

Auch auf einer spanischen Postkarte wurde die Rattenfängergeschichte im Jahr 1973 verewigt. Allerdings findet sie in dieser Version ein gutes Ende. Zwar entführt der Bunting auch hier die Kinder und schließt sie in einer Höhle ein. Aber weil sich die Hamelner daraufhin beim Bürgermeister versammelten, wusste dieser kein anderes Mittel, als den jungen Mann doch zu bezahlen und sein Amt niederzulegen. Das Ende des Textes: „Die Ratten verschwanden, und die Kinder kamen zu den Eltern zurück, und von da ab kam die Ruhe wieder nach Hameln.“

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Geschichte, als sich Carl Zuckmayer des Stoffes annahm und sein „Rattenfänger“ im Februar 1975 in Zürich zur Uraufführung kam. Der inzwischen verstorbene Dewezet-Verleger Günther Niemeyer hatte zehn Jahre zuvor Zuckmayer angeregt, sich mit dem Stoff zu befassen. Die Hauptrolle spielte damals Helmut Lohner. Nur sechs Wochen später hielt Zuckmayers Fabelstück in einer Inszenierung der Städtischen Bühnen Dortmund auch in Hameln Einzug.

Eine moderne Interpretation der Hamelner Bunting-Legende fanden die beiden Hamelner Dieter Specht und Ronald Lücke während einer USA-Reise im Jahr 1978. Dort wurde der Rattenfänger in den „Rocky Mountain News“ als Terrorist bezeichnet, der Auszug der Hamelner Kinder als einer der größten in der Geschichte bekannt gewordenen „Kidnapping-Fälle“ gewertet.

Auch Komponisten und Libretto-Schreiber widmeten sich der Sage. Im Jahr 1969 erinnerte der Autor Ernst Meyer-Hermann an die erste, mittlerweile in Vergessenheit geratene Rattenfänger-Oper von Franz Gläser und dessen Librettisten C. P. Berger. Sie wurde im Jahr 1837 geschrieben und in Berlin uraufgeführt.

Die Bandbreite der Kompositionen erstreckt sich vom einfachen Kanon über volkstümliche Lieder, Kunstlieder, Opern, Kantaten, Chansons, Unterhaltungs- und Tanzmusik bis hin zu einer modernen symphonischen Fassung. Besonders bekannt geworden ist ein Chanson von Hannes Wader, in dem der Rattenfänger gegen das Unrecht in der Welt kämpft. 1983 ließ die Stadtsparkasse Hameln eine Schallplatte mit weltweit erschienen Vertonungen des Rattenfängermotivs produzieren.

Große Bandbreite an Kompositionen

Vor allem im englischsprachigen Raum wurde die Sage vom „Pied Piper of Hamelin“ durch den Autor Robert Browning (1812-1889) berühmt. Sein Poem wurde zur Grundlage verschiedenster Stücke. Weil in England Musicals sehr beliebt waren und es in den 70er Jahren an neuen Stoffen fehlte, machten sich der Autor Russell Watson und der Komponist Kenneth Horton an die Arbeit und sorgten für ein als „Light-Operetta“ bezeichnetes Musical, das Anfang 1979 bei den St.-Andrews-Festspielen in Schottland zur Uraufführung kam.

Auch im Zeichentrick brachte es der Rattenfänger zu höchsten Ehren: 1933 führte der „Pied Piper“ in einem Kurzfilm von Walt Disney den Nachwuchs der garstigen Bürger von „Hamelin“ ins „Happy Land“. Im Film „It’s the Pied Piper, Charlie Brown“ lässt Peanuts-Erfinder Charles M. Schulz den legendären Comic-Hund Snoopy, bewaffnet mit einer Ziehharmonika, das Ungeziefer aus der Stadt locken.

Um die Zielgruppe Kind geht es – auf andere Art – auch der Stadt Hameln. Seit 1986 vergibt sie den Rattenfänger-Literaturpreis. Ziel des alle zwei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerbs ist es, Kinder- und Jugendbücher zu fördern.

Johann Wolfgang von Goethe ehrte den Rattenfänger 1791 mit einer Ballade (siehe unten). Charles M. Schulz ließ Comic-Hund Snoopy auf Ungezieferfang gehen. Schriftsteller Carl Zuckmayer brachte 1975 sein Stück „Der Rattenfänger“in Zürich zur Uraufführung.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt