weather-image
10°
Was die neue Landeschefin der Niedersachsen-Grünen mit ihrer Partei vor hat

Die Piel hat ein zweistelliges Ziel

Fragen Sie mich nicht, ob ich aufgeregt bin“, begrüßt Anja Piel den einen oder anderen Gast persönlich in der kleinen Stadthalle mitten in Northeim. Dabei ist alles so entspannt und so fröhlich, wie es eigentlich nur auf Grünen-Parteitagen sein kann. Die sind eben noch echt, gehorchen nicht einer Dramaturgie von Regie führenden Parteitagsstrategen. Oder ist es gerade diese Eigenart der Grünen, die Anja Piel doch noch etwas nervös werden lässt: Wird es klappen mit ihrer Wahl zur Grünen-Landesvorsitzenden?

veröffentlicht am 19.04.2010 um 16:01 Uhr
aktualisiert am 20.04.2010 um 13:04 Uhr

270_008_4276954_pl102_1904.jpg

Von Thomas Thimm, Northeim

Draußen vor dem Eingang blühen die Forsythien, sie schmiegen sich mit ihrem Gelb an das der Sonnenblume an, die seit eh und je das Grünen-Logo auf Plakate und Banner zaubert. Bei strahlendem Sonnenschein sitzen 140 Delegierte in der Stadthalle, um Politik zu machen. Kontra Atomkraft, kontra Massentierhaltung, kontra Gentechnik. Aber für gesunde, unbelastete Lebensmittel, die von einem bäuerlichen Hof kommen. Bauer oder Landwirt, welcher Begriff der richtige ist, darüber können Grüne schon länger diskutieren. Denn ein Begriff wird hier schnell zum grundsätzlichen Politikum. So ist das halt mit den Grünen.

Anja Piel sitzt in der ersten Reihe, mit erhobenem Kopf verfolgt sie die Reden, stimmt mal nickend zu, tippt mit dem rechten Zeigefinger an die Lippen, lacht, klatscht. Immer wieder nehmen Fotografen und Kameramänner sie ins Visier, von rechts, von links, von vorn – dabei hatte die 44-Jährige schon vor Beginn des Parteitages zahlreiche Fototermine wahrnehmen müssen. Immer wieder lächeln, mal mit jenem, mal neben jener. Von den Großen wie Jürgen Trittin kommt jetzt der eine und die andere vorbei, setzt sich zu Anja Piel, plaudert ein bisschen, muntert auf. „Wird schon“, wird zum meist geflüsterten Satz.

Dann schlägt die Stunde der Wahlen: Anja Piel ist die einzige Bewerberin für den Vorsitz, eigentlich nicht ganz gewöhnlich für die Grünen, aber so ist es im Jahr des 30. Geburtstages dieser Landespartei. Die gelernte Industriekauffrau stellt sich mit einer ruhigen, konzentrierten Rede vor. Klar in ihren politischen Aussagen, ruhig, sachlich, ernst. Und lächelnd bei grünen Späßchen: „In Polle kamen wir neulich bei der Samtgemeinderatswahl auf 38 Prozent. Wir sind auf dem Weg zur Volkspartei.“ Bevor eine große Party am Abend „bei Musik, Tanz und Getränken“ die Delegierten zum entsprechend fröhlichen Abend versammelt, müssen diese aber erst noch über ihre neue Chefin abstimmen. Geheim auf grünen Wahlzetteln. Um exakt 17.26 Uhr dann das Ergebnis: 105 Ja-Stimmen befördern Anja Piel aus dem Stellvertreteramt an die Spitze der niedersächsischen Grünen. Applaus, Umarmungen, Händeschütteln, Blumensträuße.

270_008_4276955_pl103_1904.jpg

Anja Piel geht gleich an die neue Arbeit: Morgen leitet sie in Hannover ihre erste Landesvorstandssitzung als Chefin, ihre Mitarbeiter werden die „Tour 47“ weiter vorbereiten, eine Reise durchs ganze Land zur grünen Basis in den 47 Kreisverbänden. Dabei will die neue Nummer eins eine Bestandsaufnahme machen, wie es bei den 4800 Grünen im Land so ausschaut. Wohl auch mit dem Blick auf ihren Appell, dass die kommenden Wahlen – ob nun kommunal oder auch im Land – mit guten Grünen-Kandidaten angegangen werden sollen, die zweistellige Ergebnisse einzufahren haben. So das Ziel von Anja Piel. Es sollen sich mehr „interessante Menschen“ für kommunale Mandate auf grünem Ticket bewerben, fordert Piel eine neue Offensive.

Einem bestimmten Flügel bei den Grünen will sich Anja Piel nicht zurechnen lassen. „Wir sind eine linke Partei insgesamt“, bekennt die Frau, die als offen und kommunikativ gilt, wo ihr Herz schlägt. Sie kam Ende der 90er Jahre zu den Grünen. Bislang blieb sie meist im Hintergrund – jetzt muss sie raus ins Rampenlicht. Um ihre Wahlziele zu erreichen, um weiter gegen die Atomkraftwerke wie das AKW Grohnde zu kämpfen, um sich „beim Thema Weserversalzung stärker einzubringen“. Ihr ist „nicht bange vor der Arbeit“.

„Kraft sammeln und die Seele auftanken“, dafür braucht die zweifache Mutter ihre Familie. So wie gestern Abend bei einem Fahrradausflug ins beschauliche Wei-beck. Dort hat sie allerdings nicht mit Orangensaft auf ihren Erfolg angestoßen, wie sie es in Northeim noch getan hatte.

Grünen-Chefin Anja Piel: „Wir haben in der Bevölkerung wieder Mehrheiten. Wir müssen nur die Umfrageergebnisse in Wahlergebnisse umwandeln.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt