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Da wandert die Gelbbauchunke gern: Steinbrüche und Nato-Station über Kleinstgewässer vernetzt

Die neuen Nabu-Helfer knabbern alles weg

Obernkirchen/Liekwegen (rnk). Mittlerweile kann der Wissenschaft zugearbeitet werden. Weil die Mitarbeiter des Naturschutzbundes Schaumburg die Steinbrüche Liekwegen und Obernkirchen und die ehemalige NATO-Station auf dem Bückeberg vernetzt haben, können sie jetzt nachweisen, dass Gelbbauchunken zuweilen von der Wanderlust gepackt werden: Einzelne Tier haben dabei Entfernungen von über zwei Kilometern zurückgelegt.

veröffentlicht am 26.02.2008 um 00:00 Uhr

Bruno Scheel

Acht Jahre Arbeit hat der Naturschutzbund Schaumburg in sein Steinbruch-Projekt gesteckt, erklärte Bruno Scheel auf der Jahreshauptversammlung des Nabu Obernkirchen. Scheel zeigte anhand einer Dia-Show auf, dass zuweilen ausgetretene Wege verlassen werden müssen, um neue Entdeckungen zu machen. Eigentlich sollte zur Jahrtausendwende der Steinbruch Liekwegen verfüllt und rekultiviert werde - so, wie es bei ausgebeuteten Steinbrüchen nahezu immer der Fall ist. Scheel und seine Mitstreiter, vor allem Holger Buschmann, waren an dem Verfahren als Nabu-Vertreter beteiligt undüberredeten den Landkreis zu einem anderen Weg. Aus gutem Grund, hatten beide doch festgestellt, dass im Steinbruch Liekwegen kleinere Vorkommen der Gelbbauchunke lebten, die sich aber nicht mehr groß vermehrten. Nun war Scheel und Buschmann bei ihren Urlauben in Litauen oder Rumänien aber aufgefallen, dass die dort über die Ufer tretenden Flüsse und Bäche zu einer Dynamik in der Natur führen würden, die wiederum die Zahl der Tier- und Pflanzenarten deutlich steigen ließen. Das über die Ufer getretene Wasser nimmt auf seinem Rückzug die Oberflächenerde mit, dabei entsteht Raum für andere, meist anspruchslose Tiere. Diese "ständige Dynamik", so Scheel, finde sich auch in Steinbrüchen: Durch den Abbau entstünden für zwei bis drei Jahre Pfützen und Kleinstgewässer ohne Vegetation - ideale Lebensbedingungen für seltene Tier- und Pflanzenarten. Man hat sich damals an einen Tisch gesetzt, der Nabu, der Landkreis und der Steinbruchvertreter, man hat sich unterhalten und "keiner hat mit dem Gesetzbuch gewedelt", erinnert sich Scheel. Die Verpflichtung zur Rekultivierung des Steinbruchbetreibers wurde kurzerhand gestrichen, dafür wollten Scheel und Co. jetzt den Steinbruch mit neuen Leben füllen. Das Problem dabei war dies: "Wir hatten keine Ahnung", sagt Scheel. Sie haben sich dann für einen abenteuerlichen Weg entschieden: Sie übertrugen ihre Rumänienerfahrungen auf den Steinbruch. Es funktionierte, "die Maßnahme", erinnert sich Scheel, "hat gepuscht": Plötzlich schnellte die Population der Gelbbauchunke nach oben. Rund 100 Kleinstgewässer entstanden im Laufe der Zeit auf den 22 Hektar großen Gelände. Auch auf dem Nato-Gelände auf dem Bückeberg setzten die Naturschützer auf vegetationslose Gewässer, wie sie etwa von den Reifen der schweren Lastwagen geschaffen wurden. Da fühlt die Gelbbauchunke sich wohl, und selbst wenn mal das eine oder andere Tier überfahren wird, so Scheel, "das ist die Natur". Und dass die eine oder andere Unke von Besuchern mitgenommen und im eigenen Gartenteich ausgesetzt wurde, findet Scheel so schlimm auch nicht: "Das habe ich als Kind auch gemacht. So wurde meine Liebe zur Natur geweckt." Überlebt hätten die Unken übrigens nach dem Umzug nicht: Sie brauchen andere Bedingungen als im Gartenteich. In der letzten Zeit haben die Nabu-Vertreter alle drei Vorkommen vernetzt, haben unzählige Kleingewässer geschaffen, die von Liekwegen bis zur Nato-Station reichen. Weil sie vor Jahren alle (!) Gelbbauchunken gefangen und katalogisiert haben (Scheel: "Der Erfindung der Digitalkamera sei Dank"), konnten sie jetzt nachweisen, dass zuweilen munter gewandert wird - über zwei Kilometer legen einige Tiere dabei zurück. Aber, so Scheel, "es ist unglaublich schwierig, die Gewässer vegetationslos zu halten". 280 Pflanzenarten haben Scheel und Buschmann bislang allein im Steinbruch Liekwegen gezählt, bei einer herkömmlichen Rekultivierung wären es 30 bis 40 gewesen, erklärt Scheel. Feuersalamander, Kreuz- und Erdkröte fühlen sich hier wohl, Mauerfalter und Molche, Sichel- und auch die Ödlandschrecke wurden gesichtet und fotografiert. Und seit November letzten Jahres haben die Nabus vier Helfer. Ein Pferdequartett sorgt dafür, dass in einem eingezäunten Areal von acht Hektar keine unerwünschten Pflanzen wie Birken nachwachsen: Die Tiere knabbern sie weg. Scheel: "Pferde ernähren sich von rund 100 Pflanzenarten." Auch wenn Steinbrüche nicht rekultiviert werden, so können sie doch dem Naturschutz helfen, meint Scheel. Sehr sogar. Ganz abgesehen davon, dass der Steinbruchbetreiber viel Geld für die gesetzlich vorgeschriebene Rekultivierung spart.



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