weather-image
11°
×

Wie Foreigner fast aus dem Nichts bis an die Spitze der Charts kletterte

Die neue Super-Band der Siebziger machte mit „Cold As Ice“ alle heiß

Wie aus dem Nichts war Foreigner plötzlich ins Rampenlicht gebrettert: 1976 gegründet, 1977 mit über drei Millionen verkauften Debüt-LPs eine ganz große Nummer. Die daraus veröffentlichten Singles „Feels Like The First Time“ und „Cold As Ice“ wurden große Hits, denen bis Ende der achtziger Jahre weitere folgen sollten. Foreigner, das war „die neue Super-Band“, beschworen Kritiker herauf, und sie war Mitte bis Ende der siebziger Jahre der lebendige Beweis dafür, dass in Zeiten des bunten Discokugelgrooves, in denen Frank Farian mit Boney M Heerscharen von Fans zum Narren gehalten hatte, die Rockmusik heißblütiges Feuer in sich trug. „Hot Blooded“, wenn man so will.

veröffentlicht am 09.06.2011 um 16:09 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

„Ede, pack die Sachen, wir fahren nach Hamburg und gucken uns Foreigner an“, hatte ich im März 1995 meinem Kumpel von der Waterkant gesagt, der damals noch in Hameln wohnte. Raufgefahren sind wir innerhalb von zwei Stunden und fünf Minuten in seinem alten, roten VW Golf, in dem die „Best Of“-CD bei jeder Bodenwelle auf der A7 sprang wie ein Känguru im Outback. „Cold As Ice“ hörten wir auf der Reise bis zur Alsterdorfer Sporthalle gefühlte 15 Mal. Einige Stunden später versemmelte Sänger Lou Gramm die dritte Zugabe: „I Want To Know What Love Is“ kriegte er nicht mehr richtig aus der heiser gewordenen Kehle, weil er die 70 Minuten zuvor ordentlich Dampf gemacht hatte. „Urgent“, „Say You Will“, „Can’t Wait“ und eine Zehn-Minuten-Version von „Cold As Ice“ – unter der Kandare von Bandleader Mick Jones hatte die britisch-amerikanische Formation nach einem guten Vorprogramm der Doobie Brothers leider nur etwas mehr als eine Stunde lang alle Register gezogen, bis die schmachtende Ballade sich im weiten Rund verlor wie ein Möwenhauch auf offener See.

Aber das machte nichts, das war Lou Gramm zu verzeihen, wir, Ede und ich und die anderen 5000 Jukebox Heroes in der Halle waren ja schon froh, dass Lou Gramm nach Querelen mit Jones überhaupt wieder zur Gruppe zurückgekehrt war. Nach einigen eigenen Projekten – er hatte unter anderem die Formation Shadow King gegründet und zwei nicht üble Soloalben veröffentlicht – löste er den Übergangssänger John Edwards, mit dem Taylor und Crew zwischenzeitlich das wenig bedeutende Album „Unusual Heat“ eingespielt hatten, am Mikrofon ab. Gramm war ein Pfund, mit dem Foreigner wuchern konnte, das wusste Jones. Er war froh, nach diversen Unstimmigkeiten und der darauf folgenden Auszeit Gramms wieder auf seinen alten Sänger zählen zu dürfen.

Die CD „Mr. Moonlight“ kam 1994 auf den Markt, verkaufte sich aber vergleichsweise schlecht, obwohl sie kernig war und mit „White Lie“ eine erfolgreiche Singleauskopplung verbuchen konnte. Aber das Hin und Her am Mikrofon hatte dem Erfolg der Korona nicht gutgetan, die Fans waren verunsichert. Rückblickend war’s ein Fehler von Jones. Er hätte schlicht warten müssen, bis Gramm wieder Bock auf die Band verspürte. Ein anderer Sänger als Zwischenlösung war Anfang der neunziger Jahre die falsche Konsequenz gewesen.

3 Bilder
Alte Kassette, klingt sogar noch: Lou Gramm ging mit „Long Hard Look“ auch auf Solopfade. Fotos: ey (3)

Denn nur mit der Stimme des Amis Lou Gramm, der mit bürgerlichem Namen Grammatico heißt, waren die großen Erfolge verbunden – das Debütalbum aus 1977 genauso wie die folgenden Scheiben, aus denen die vierte, schlicht „4“ genannt, bis heute heraussticht. Sechs Millionen Mal wurde „4“ 1982 allein in den USA über die Verkaufstresen der Plattenläden gereicht. „Urgent“, eine der erfolgreichsten Singles der Band, eroberte die Tanzflächen im Sturm. Ob in der Schulaula, auf Geburtstagen, Stadtfesten oder Live-Konzerten: Spätestens beim stampfenden Saxophonsolo waren alle Partygäste happy und jede Knutscherei beendet. „Juke Box Hero“, „Woman In Black“, „Luanne“… – die doppelt weiß eingekreiste, schwarze „4“ auf mausgrauem Cover, grafisch vollkommen bedeutungslos und öde, steht für Foreigner so sinnbildhaft wie die Zunge für die Rolling Stones. Apropos Zunge: Die gerade erwähnten Partyküsse wurden bei „Waiting For A Girl Like You“ fortgeführt…

Die Band setzte nach. Längst vom Sextett zum Quartett geschrumpft, weil unter anderem auch Ian McDonald (Gitarre, Keyboards – vor Foreigner zum Beispiel bei T.Rex) nicht mehr dabei war, hielt der Höhenflug an. „Agent Provocateur“ (1984) mit den Singles „I Want To Know What Love Is“ und „That Was Yesterday“ stachen genauso erfolgreich wie das starke, rockige Album „Inside Information“ 1987 mit der Single „Say You Will“. Ja, man wollte sie, diese Band. Millionen Rockfans wollten sie. Foreigner galt als verlässliche Bank für ausverkaufte Open-Air-Konzerte und verkaufte weit über 50 Millionen Tonträger.

Am Erfolgsmodell hat Mick Jones deshalb auch nie etwas geändert. Foreigner steht für hartnäckigen Mainstreamrock. „Adult Rock“ haben’s die Amis getauft. Rock für Erwachsene, kein Kinderkram. Zwei Strophen mit Refrain, ein Solo und noch mal Strophe-Refrains, Schlussakkord, Ausblende oder krönender Schlussbums. Es gibt Stimmen, die der Gruppe Ideenlosigkeit nachgesagt haben. Aber ein VW Golf ist auch nicht ideenlos, nur weil er nach demselben Prinzip immer zuverlässig gefahren ist, heute wie damals der alte rote von Ede Richtung Hamburg. Erfolgreiche Konzepte zu ändern macht auch gar keinen Sinn. Und Rockmusik ist kein Free Jazz und kein Theaterstück, sie darf einfacher strukturiert sein. Das ist kein Makel, warum sollte es ein Makel sein, den Weg in Millionen Herzen zu finden und Menschen glücklich zu machen. Songs wie „I Don’t Want To Live Without You“ gehören direkt ins Herz, nirgendwo anders sollen sie sein.

Wäre Lou Gramm 1997 nicht an einem Gehirntumor erkrankt, dann würde er vielleicht noch heute für Foreigner singen. So aber ließ er, gottlob auskuriert, aber doch nicht vollständig bei Kräften, nach einer USA-Tour 2004 davon ab. Der in Rochester (New York) 1950 geborene Gramm hat seither mit seinen beiden Brüdern und einigen anderen Musikern eine eigene CD veröffentlicht („The Lou Gramm Band“) und bleibt dem Tourstress weitestgehend fern. Der gebürtige Londoner Mick Jones (Jahrgang 1944) hingegen hält Foreigner am Leben, weil er mit Kelly Hansen doch noch einen Sänger gefunden hat, der die Lücke ausfüllt, die Gramm hinterlassen hat (und auch so ähnlich klingt, ach, was für ein Zufall!). Sogar ein neues Album ist entstanden, ein ziemlich gutes: „Can’t Slow Down“ nimmt exakt die Linie auf, die die Jones-Truppe seit 1977 verfolgt, und das, obwohl sämtliche Musiker von einst nicht mehr dabei sind. Nur der Chef, der Kapitän des Mainstreamrock-Flaggschiffs, das aus britisch-amerikanischer Symbiose geboren und in den Anfangsjahren vom einflussreichen Erfolgsproduzenten John „Mutt“ Lange in die Erfolgsspur gestoßen wurde, ist geblieben.

Mick Taylors Einfluss auf den Sound von Foreigner ist unumstößlich. „Wir sind ehrliche Jungs, die mit dem, was ihnen Spaß macht, ein paar ehrliche Kröten verdienen wollen“, wurde Taylor Mitte der achtziger Jahre zitiert. Seine Einstellung hat sich nicht grundlegend geändert, sonst würde Jones mit 66 Jahren und einer Rockband wohl kaum durch die Welt jetten. Live läuft die Chose noch immer ordentlich rund. Tausende Fans haben sich für die aktuelle Europatournee Eintrittskarten gesichert und weinen dem alten Sänger Lou Gramm keine Träne hinterher. Das Geschäft mit der Rockmusik ist manchmal kalt wie Eis…

AKTUELL

…ist die Rockband Foreigner auf Tournee und macht am nächsten Freitag, 17. Juni, beim „Rock The Nation“-Festival auf der Parkbühne in Hannover Station. Mick Jones hat eine neue Truppe aufgestellt. Sänger Kelly Hansen ersetzt Lou Gramm. Im Gepäck hat die Band neben den Hits aus alten Tagen auch die neuen Songs aus der aktuellen CD „Can’t Slow Down“. Eintrittskarten gibt es noch im Vorverkauf (siehe Hinweis „Ticket-Service“ im Veranstaltungskalender). Übrigens: Es ist zu erwarten, dass Foreigner auch wieder „Whole Lotta Love“ anstimmt. Ein Grund mehr, in der nächsten Woche auf dieser Seite in Folge 8 der Rock-Geschichten über die große, gar nicht artige Band Led Zeppelin zu berichten.

Erinnerungen an gute Zeiten: Lou Gramm war für die Gruppe Foreigner doppelt wertvoll, weil er nicht nur sang, sondern die meisten Songs zusammen mit Boss Mick Jones auch schrieb. Nach überstandener Gehirntumoroperation zog er sich aus dem Tourneestress und dem Bandgefüge aber zurück.

He’s gonna keep on rocking,

he just can’t stop.

Gonna keep on rocking, that boy has got

to stay on top.

And be a jukebox hero – got stars in his eyes,

he’s a jukebox hero

jukebox hero.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige