weather-image
28°
Interview mit Sänger Andreas Bourani / Auf Tour im März

„Die Musik war meine Therapie – ich liebe sie“

Er spielte den Clown bei Kindergeburtstagen, verteilte Flyer auf der Straße und arbeitete als Model – und das alles nur, um Geld zu verdienen. Denn als Musiker war Andreas Bourani nicht immer erfolgreich – jetzt schon. Redakteurin

veröffentlicht am 07.03.2012 um 12:06 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:18 Uhr

270_008_5244361_ko_202_2802_Bourani_1_c_Erik_Weiss.jpg
Karen Klages

Autor

Karen Klages Reporterin zur Autorenseite

Herr Bourani, wo waren Sie, als Sie zum ersten Mal Ihren eigenen Song im Radio gehört haben?

Ich erinnere mich noch sehr genau. Ich war gerade im Boogie Park Studio in Hamburg und damit beschäftigt, die letzten Gesangsaufnahmen für mein Debütalbum „Staub & Fantasie“ aufzunehmen. Mein Gitarrist Julius Hartog rief mich an und meinte, ich solle mal das Radio einschalten, „Nur in meinem Kopf“ sei gerade On Air. Als ich seinem Rat folgte, war ich überwältigt. Das war ein unwirklicher Moment. Ich war schockiert und freudvoll zugleich.

Was war das für ein Gefühl, zu wissen, dass viele andere den Song auch hören und mit Ihrem Namen in Verbindung bringen?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich bin ja nie dabei, wenn all die Menschen meine Songs im Radio hören und damit vielleicht meinen Namen verbinden. Ich kann meinen Erfolg auf einer ganz anderen Ebene spüren. Beispielsweise auf meinen Konzerten. Ich war letztes Jahr im Herbst zum ersten Mal auf Tour und bin dieses Jahr Mitte März wieder mit meiner Crew unterwegs. Wenn ich dann auf der Bühne stehe und singe, und das ganze Publikum die Texte mitsingt, werde ich von Glück durchflutet. Ich weiß dann, dass man mir zuhört und dass diese Lieder da draußen umhergeistern und irgendjemanden berühren. Das ist sehr emotional und für mich viel greifbarer als zu wissen, dass meine Lieder auch im Radio gespielt werden.

Ihre ersten Hits, die Sie mit ihrer Band gesungen haben, waren auf Englisch. Warum?

Na Hits ist jetzt sehr schmeichelhaft. Ich hatte damals nach langer Suche eine Band entdeckt, die teilweise schon fertig komponierte Songs mit englischen Texten hatte und noch einen Sänger suchte. Ich wollte unbedingt da einsteigen, weil die Jungs alle sehr talentiert waren und wir den gleichen Musikgeschmack hatten. Ich habe mich dann einfach auf deren Material eingelassen und später selbst englische Texte geschrieben. Es war eine Qual. Ich musste während des Schreibens ständig Wörter und deren Bedeutung nachschlagen. Später auf der Bühne, als wir stolz unser Material präsentierten, lag dann eine schwarzweiße Songtexttapete vor mir auf dem Boden. Ich hatte jeden einzelnen Text vor mir dort aufgeklebt, weil ich mir die englischen Texte nur schwer merken konnte. Nach dem zweiten Konzert kam der Veranstalter auf mich zu und meinte: „Junger Mann, das war alles schön, aber die Texte kannst du da oben nicht ablesen“, und ich dachte, er hat Recht. Ich änderte aber nicht meine Lerntechnik für englische Songtexte, sondern einfach die Sprache.

Obwohl Sie mit 27 Jahren noch sehr jung sind, machen Sie schon zehn Jahre Musik. Der Erfolg, so schreiben Sie unter der Rubrik „Biografie“ auf Ihrer Website, blieb aber am Anfang aus. Wie geht man damit um?

Ich war vernarrt in den Gedanken, ein Album zu veröffentlichen und Konzerte zu geben. Ich wollte das unbedingt schaffen und habe mir geschworen, nicht eher aufzugeben, bevor sich mir eine Chance bietet. Ich habe ein Album geschrieben, das nie veröffentlicht wurde, weil die Plattenfirma kurz vorher Pleite ging. Es gab Leute, mit denen ich gutgläubig Geschäftsbeziehungen einging, die aber andere Ziele hatten als ich, oder besser zu wissen glaubten, was gut für mich sei. Das war eine turbulente Zeit, die ohne Unterstützung meiner Familie und guten Freunden einen großen Scherbenhaufen hinterlassen hätte. Ich habe diese Rückschläge nur schwer verkraftet und damals ausgeblendet. Ich dachte mir, okay, wenn du mit deinen Ideen niemanden berührst und niemand versteht, was du willst, dann musst du eben besser werden. Diese Verdrängungstaktik war natürlich nicht besonders clever. Die Musik war dann meine Therapie und hat mir die nötige Kraft und Energie gebracht. Musik ist nahezu absolut. Ich liebe Musik, und wenn man irgendetwas aus vollem Herzen liebt, bekommt jede Form von Angst früher oder später nicht mehr so viel Platz. Das klingt kitschig, aber unterm Strich hat mich die Liebe gerettet.

Wie hält man sich in solch einer Zeit, in der es nicht so gut läuft, finanziell über Wasser?

Ich habe mir mit diversen Jobs meinen Lebensunterhalt finanziert. Das ging vom einfachen Flyer verteilen auf der Straße, bis hin zur Rund-um -die-Uhr-Bespaßung auf Kindergeburtstagen. Eine Zeit lang habe ich für eine Agentur als Foto- und Laufstegmodel gearbeitet. Das war angenehm, weil ich dort im Vergleich zum Promoter mit weniger Zeitaufwand mehr Geld verdienen konnte. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich in der Modewelt nicht zuhause bin. Meinen letzten Auftrag als Promoter hatte ich als Reisebegleiter für einen Kosmetikartikelhersteller auf Ibiza. Ich hab drei Kreuze gemacht und mir auf dem Rückflug mit geschlossenen Augen gewünscht, es wäre der letzte Promotionjob. Wenige Wochen später unterzeichnete ich meinen Plattenvertrag.

Haben Sie mal daran gedacht, bei einer Castingshow mitzumachen, um Ihren Bekanntheitsgrad zu steigern?

Ich wurde erst vor Kurzem von einem der Formate gefragt, ob ich mich als Jurymitglied einbringen möchte. Das war natürlich sehr schmeichelhaft, ich empfand das aber dann eher so, als wolle man mir jetzt schon den Preis für das Lebenswerk verleihen. Ich denke, einen Jurystuhl, von dem aus man über andere Musiker urteilt, muss man sich erarbeiten, und ich bekomme zu meiner Freude demnächst erst mal einen Newcomerpreis. Ich habe noch keine Lust, den Lehrer zu spielen. Die Motivation, als Kandidat in einer Castingshow mitzumachen, sollte aber auch nicht sein, den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern. Ich glaube, genau die Motivation ist das Imageproblem dieser Sendungen. Den Leuten an den Bildschirmen wird eine Welt vorgegaukelt, die so nicht existiert, und die meisten Mitwirkenden werden Opfer eines Systems, das sie nicht kontrollieren können, geschweige denn richtig einschätzen können. Diese Motivation erklärt auch die oft kurzen Karrieren und überschaubare Medienpräsenz der Castingshow-Gewinner. Es fehlt die Erfahrung und die Substanz. Das ist sehr schade, denn ich finde, dort wurden schon einige Talente verbrannt.

Jetzt sind Sie erfolgreich, Ihre Single „Alles nur in meinem Kopf“ wurde im vergangenen Jahr rauf und runter gespielt und bei vielen Casting-Auftritten imitiert. Was haben Sie im vergangenen Jahr anders gemacht, als in den Jahren davor?

Ich habe noch nie so viele Kilometer zurückgelegt wie im letzten Jahr. Ich war in ganz Deutschland unterwegs, hab endlich Städte gesehen, die ich längst besuchen wollte und unzählige Menschen getroffen. Viele davon auf Konzerten bespielt. Es gab eine Menge Interviews und Auftritte in Funk und Fernsehen. Mein Arbeitsalltag hat sich schon sehr stark verändert.

Auf seiner „Staub & Fantasie“-Tour kommt Andreas Bourani nach Hannover und Bielefeld: Am Sonntag, 18. März singt er um 20 Uhr im Capitol Hannover; am Dienstag, 20. März, um 20 Uhr im Ringlokschuppen in Bielefeld auf.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare