weather-image
×

Die Mischung macht’s: Ein Stadtteil mit Großstadtflair

Die Bilder sind aus dem Urlaub vertraut: Vor den Häusern sitzen die Menschen in Grüppchen zusammen, braun gebrannte Männer, die ihren Tee trinken, rauchen, Karten spielen, während die jüngeren Kinder um sie herumtollen. Im Süden ist das so. Im Süden Europas und auch in Hamelns Süden, dort vor allem am Anfang der Kaiserstraße/Hafenstraße. Der Anteil der Ausländer und der Menschen mit Migrationshintergrund ist im Stadtbezirk „Südstadt“ der zweithöchste in Hameln und prägt das Zusammenleben.

veröffentlicht am 23.07.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:53 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Im Norden wird der Süden – legt man den statistischen Bezirk der Stadtverwaltung zugrunde – durch die Deisterstraße begrenzt: multikulturell, Dönergeschäft neben türkischem Backwarenladen, in der Nähe ein libanesischer Lebensmittelladen und die italienische Eisdiele. Araber, Kurden, Türken, Deutsche – gekauft wird dort von vielen Bevölkerungsgruppen und gelebt wird an mehreren Ecken in unmittelbarer Nachbarschaft. Oft mit unterschiedlichen Vorstellungen der Lebensweise, was nicht immer konfliktfrei bleibt (siehe Interview). Während die einen die Vielfalt der Nationalitäten schätzen, hätten andere sie lieber nicht.

Doch die heterogene Bevölkerungsstruktur ebenso wie die unterschiedlichen Baustile, die Verschiedenartigkeit der einzelnen Abschnitte wie das Gebiet um den Hefehof, die Ohsener Straße oder auch die Gegend Pfälzer/Stüvestraße machen in den Augen der Bewohner auch den Reiz von „Süd“ aus. Die Mischung aus Gebäuden der Gründerzeit, die von prächtigen Zeiten des zweitältesten Stadtteils erzählen und den 50er-Jahre-Bauten beispielsweise in der Prinzenstraße ist eine Besonderheit. Straßennamen, die mit „Kaiser“, „König“, „Prinzen“, „Friedrich“ und „Wilhelm“ beginnen, zeugen von dem herrschaftlichen Flair, das diese Gegend einst vermittelt hat. Es war die Bahn, durch die der südliche Teil der Stadt überhaupt besiedelt wurde und die die Industriebetriebe dorthin gebracht hat, erzählt Stadtplaner Wolfgang Kaiser.

Auch heute zählt die unmittelbare Nähe zum Bahnhof als Pluspunkt. Dass die Stadtwerke Hameln ihn in Schuss gebracht und damit „das ganze Viertel aufgewertet haben“, wissen die Bewohner zu schätzen. An der zentralen Verbindungsstraße zum Bahnhof allerdings, der Kaiserstraße, die während des NS-Regimes in Adolf-Hitler-Straße umgenannt wurde, wird gemurrt: kaum Parkmöglichkeiten für die Anwohner. Auf der einen Seite würden die Stadtplaner am liebsten die einstige Prachtallee wieder zum Leben erwecken und entsprechend Bäume pflanzen, beschreibt Wolfgang Kaiser das Dilemma, denn auf der anderen Seite steht das verständliche Bedürfnis der Bewohner, vor der eigenen Haustür zu parken oder so dicht dran wie möglich. Vielen wurden Parkplätze vorm Haus gewährt. Leises Bedauern klingt in Kaisers Stimme mit, wenn er sich erinnert: „Früher waren das alles wunderschöne Vorgärten.“ Eines gibt es in „Süd“ dagegen auffällig häufig, wie die Stadtverwaltung in einer Analyse des Stadtteils festgestellt hat: Inmitten der teils engen Bebauung finden sich viele grüne Innenhöfe. Ebenfalls grün, aber keinesfalls an allen Stellen zugänglich: die Hamel, die manchmal sogar in diesem Gebiet Eisvögel beheimatet. Der Weg ins große öffentliche Grün ist dagegen inzwischen länger geworden als vielen lieb ist. „Dass man nicht mehr über die alte Eisenbahnbrücke zum Klüt gehen kann“, empfinden einige als Manko. Auch die kleine Brücke, die zwischen der städtischen Unterkunft für Bedürftige, Walkemühle, und Lidl an der Ohsener Straße über die Hamel führte, wird vermisst. Sie ist seit Monaten gesperrt.

Mit Wehmut denken einige an das alte Hallenbad an der Hafenstraße zurück. Was bleibt – ein wahrer Pluspunkt – ist das Südbad. Dort können sich auch die vielen Kinder und Jugendlichen austoben, denn die übrigen Spiel- und Freizeitangebote werden als unzureichend bewertet. Eine Einschätzung, die die Analyse aus dem Jahr 2002 bestätigt.

Probleme anderer Art haben die Anwohner der Ohsener Straße: Lkw donnerten dort entlang, als gebe es kein Morgen. „Viel zu schnell! Bei uns vibriert alles im Haus“, beklagen sich Familien über nicht eingehaltene Geschwindigkeitsbegrenzungen. Ein Brief an Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann habe da auch nichts bewirkt. Über das Tempo einiger Fahrer ärgern sich auch die Bewohner der Kaiserstraße: „Mit 100 oder 120 rasen die dort lang!“ Und das, obwohl die Polizeistation genau um die Ecke angesiedelt ist.

Polizei, Bahnhof, Nahversorger, Rewe am Hefehof, in der Bahnhofstraße, das Südbad, alle Schulformen, Apotheken, das Deutsche Rote Kreuz und vor allem Ärzte – der Stadtteil Süd ist reich bestückt mit Dienstleistern, die für das tägliche Leben relevant sind, was als positiv empfunden wird. Dazu gibt es die Sumpfblume an der Weser als Urgestein der Kommunikationszentren in Hameln, Kneipen und Cafés. Was in der Südstadt vermisst wird, ist ein wirklicher Vertreter. Einer, der ihre Interessen und Sorgen ernst nimmt und mit in den Rat der Stadt trägt. „So was wie einen Ortsrat“ wünschen sich manche – wenngleich über die Notwendigkeit eben jener Ortsräte immer mal wieder gestritten wird. In der Runde, in der das zur Sprache kommt, sitzen auch SPD-Ratsmitglied Kirsten Martens, Kreistagsmitglied Angelika Wüstenfeld-Schulz und der erste Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes, Abteilung Südstadt, Manfred Wüstenfeld, hören sich an, was ihre Nachbarn zu sagen haben, reagieren privat und nehmen Themen als Politiker mit. Zum Beispiel, dass Mülleimer Mangelware sind, dass Hundedreck stört. Und dass öffentliche Beete nicht gepflegt werden oder nur dann, wenn Patenschaften dafür übernommen wurden, wie es teilweise in der Heinrichstraße der Fall ist. „Mir gefällt die Entwicklung hier in den letzten zwei Jahren“, sagt Kirsten Martens und meint vor allem das Entstehen von „Kommunikationsinseln“ an den zahlreichen Kiosken in diesem Stadtteil, wo sich schon morgens um 6 Uhr die Ersten treffen, um übers Leben zu philosophieren und über Alltägliches zu plaudern. Dieses Ambiente ist ein Baustein dessen, was Martina Hahlbrock zu ihrer Beschreibung für die Südstadt hinreißt, die sie vor allem von der unmittelbaren Nachbarin, der Altstadt, abgrenzt: „Die Südstadt gibt mir ein Stück Großstadtfeeling“, sagt sie, gibt sich als überzeugter Großstadtfan zu erkennen, der jetzt aber schon seit vielen Jahren mit Kind und Kegel in diesem Stadtteil lebt. Und das sehr gern.

Am 5. Januar 1891 wurde der erste Bebauungsplan Hamelns überhaupt erstellt – und zwar für den Bereich, der heute Südstadt genannt wird. Auffällig ist dort vor allem eines: alles. Es gibt viel Grün neben viel Beton, viel Lärm neben Ruhe und viele Deutsche neben vielen Migranten.

Autorin:

Birte Hansen, Telefon 05151/200-433, E-Mail: b.hansen@dewezet.de



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt