weather-image
13°
72 Teilnehmer beim Seniorennachmittag der Dorfgemeinschaft Borstel

Die Melodie des Lebens singen

Borstel (rnk). Nach der Arbeit ist bekanntlich vor der Arbeit. Und so stehen zwei, drei Mitglieder der Dorfgemeinschaft am Fenster des Dorfgemeinschaftshauses und schauen sich die Boulebahn an: Sie ist fast fertig, die Sandsteinmauer steht auch schon, im Frühjahr soll sie eingeweiht werden.

veröffentlicht am 07.11.2007 um 00:00 Uhr

Zwölf Torten stehen zur Auswahl. Foto: rnk

Auch der Rest der Dorfgemeinschaft hat gut zu tun. Zum siebten Mal lädt sie die älteren Mitbürger des Dorfes zum Seniorennachmittag ein. 72 sind der Einladung gern gefolgt - die Tische im Dorfgemeinschaftshaus sind gut besetzt. Zwölf Torten gibt es zur Auswahl, eine ebenso hübsche wie gute Idee hat sich hier längst durchgesetzt: Kleine Schilder vor den jeweiligen Torten geben über den Inhalt Auskunft. Grundsätzlich findet sie es wirklich toll, wenn jemand einlädt, wenn jemand etwas für seine Mitbürger auf die Beine stellt, erzählt Heidrun Kuhlmann, die kleine philosophische Betrachtungen mitgebracht hat. Weit hat sie es nicht gehabt, gekommen ist die Buchautorin und erfahrene Vortragende auch gern: Schließlich ist sie gebürtige Borstelerin. Im Leben, so Kuhlmann, komme es auf die Einstellung, die innere Befindlichkeit an. Das berühmte Glas Wasser sei eben halb voll oder halb leer - je nach Sichtweise. So sei es auch erklärbar, dass mancher 40-Jährige schon alt erscheint, während mancher 80-Jährige noch erstaunlich rüstig wirkt. "Seien Sie neugierig auf das Leben", rät sie. Denn die Welt sei so, wie man sie sehe - und nicht, wie sie ist. Singen ist für Heidrun Kuhlmann ein menschliches Grundbedürfnis. Gemeinsam mit Elsbeth Kuhlmann hat sie daher ein knappes Dutzend Lieder eingeübt, von denen die beiden stets nur den Refrain singen. Und weil den in aller Regel jeder kennt, klingt es dann durch das ganze Dorfgemeinschaftshaus: "Die Gedanken sind frei", "Kein schöner Land", "Weißt Du, wie viele Sterne prangen". Besungen wird auch das Thema Liebe, ihre heitere und ihre melancholische Seite: Erst werden die Königskinder, die zusammen nicht kommen konnten, angesungen, dann wird dem Liebeskummer eine Abfuhr erteilt: Er lohnt sich nämlich nicht, my Darling. Wichtig sei, so erklärt Kuhlmann den philosophischen Überbau des Gesangs, dass man das, was in einem wohnt, auch rauslässt: Sich einbringen in die "große Melodie des Lebens", nennt sie es. "Denn Lieder, die die Schönheit des Lebens besingen, die halten jung." Auch Irmtraud Kuhlmann trägt am Schluss noch eine nette Anekdote bei. Sie berichtet von einer Seniorin, die vor der Wahl steht: Altenheim oder immerwährende Kreuzfahrt. Zehn Punkte sprechen für das Traumschiff, nicht zuletzt die kostengünstige Bestattung nach dem Ableben: "Werft mich einfach über Bord!" Nach gut drei Stunden gehen alle nach Hause, nur in der Küche brennt noch Licht: Dort wird abgewaschen. Im letzten Licht des Tages sind die Pflastersteine auf der Boulebahn noch zu sehen, die Luft schmeckt nach Winter.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare