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Von Bückeburgs Bürgermeister Friehe bis Thilo Sarrazin: Missverständliche Thesen zur Rassenkunde

„Die Macht des Blutes ist stärker“

Die Lehre, nach der der Mensch nur ein Produkt seiner Umwelt und seiner Umgebung sei, ist selbstverständlich heller Wahnsinn“, lautet eine der in einem viel gelesenen Buch abgedruckten Kernthesen. „Dem liberal-demokratischen Staat ist es in der Vergangenheit nicht gelungen, die im deutschen Kind schlummernden Charakteranlagen zu wecken, sondern er verschwendete seine ganze Liebe an der Hebung und Besserung der Minderwertigen.“

veröffentlicht am 10.09.2010 um 17:28 Uhr

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Um Missverständnissen von vornherein vorzubeugen: Die Sätze stammen nicht von Thilo Sarrazin, sondern stehen in einem Werk, das bereits vor 75 Jahren geschrieben und während der NS-Zeit als Unterrichtsschrift an deutschen Schulen eingesetzt wurde. Der Titel: „Was muss die deutsche Jugend von der Vererbung wissen?“. Als Verfasser trat ein bis dato völlig unbekannter NSDAP-Aktivist namens Albert Friehe in Erscheinung. Als dessen Berufsbezeichnung und als Nachweis seiner Sachkompetenz war „Facharbeiter im Amt für Agrarpolitik und Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes“ angegeben (siehe Quellenhinweis).

1936, wenige Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe, wurde Buchautor Friehe auf Drängen der Parteioberen vom Magistrat der Stadt Bückeburg zum Bürgermeister gewählt. Das verschaffte ihm die Gelegenheit, die Umsetzung seiner Vererbungstheorien vor Ort praktisch mitzugestalten. Seine mit pseudowissenschaftlichen Halbwahrheiten gepflasterten Lösungsansätze richteten sich vor allem gegen Juden und andere „Minderwertige“. In die gleiche Kategorie fielen die „Gemeinschaftsunfähigen“. Dazu zählten in erster Linie Nichtsesshafte, Alkoholiker, psychisch Kranke, Behinderte, schwer erziehbare Jugendliche, Prostituierte, Landstreicher, Arbeitsscheue und andere „Unwirtschaftliche“ und „Asoziale“.

Die Notwendigkeit zum konsequenten Vorgehen gegen die minderwertigen Mitglieder des Volkskörpers ergab sich laut Friehe aus der wissenschaftlich und historisch zweifelsfrei gesicherten Erkenntnis, dass jedes hoch entwickelte Kulturvolk ohne funktionierenden Schutz gegen „fremdrassische“ Einflüsse dem Untergang geweiht sei. Deshalb müssten Überfremdungs- und Unterwanderungsversuche gestoppt und bereits vorhandene „Schwachstellen“ rigoros ausgemerzt werden.

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„Was der Mensch an Erbanlagen erhält, das kann man ihm nicht nehmen, noch kann man etwas hinzufügen“, heißt es in Friehes Aufklärungsschrift. Die Vorstellung, man könne „Untermenschen durch Menschlichkeit beikommen“, sei idealistische Gefühlsduselei. Ein „sehr schlagendes Beispiel“ hätten vor geraumer Zeit die Ostfriesen geliefert. „Aus sittlich-religiösen Gründen hat man im Moordorf bei Aurich Zigeuner sesshaft gemacht und ihre Kinder zur Erziehung in ostfriesische Bauernfamilien übernommen, um sie zu anständigen Menschen zu erziehen.“ Das Ergebnis könne nur als niederschmetternd bezeichnet werden. „Aus allen Kindern sind wieder arbeitsscheue Vagabunden geworden. Auch die ostfriesischen Bauern haben sich vor der Macht der Vererbung beugen müssen.“ Stärker als Weihwasser und Bekehrung sei „die Macht des Blutes“.

Die praktische Umsetzung solch fanatischer Überzeugungen hatte für Bückeburg und die Bückeburger katastrophale Folgen. Mit Unterstützung oder zumindest „aktiver Duldung“ Friehes wurden während seiner neunjährigen Amtszeit mehr als 60 Einwohner verfolgt und der größte Teil von ihnen umgebracht. Nicht umsonst gilt der NS-Bürgermeister der damaligen schaumburg-lippischen Landeshauptstadt als einer der unheilvollsten Repräsentanten des Hitlerregimes in der hiesigen Region.

Anders als Friehe geht es Sarrazin zunächst und vor allem ums Thema „Integration“. Ein großer Teil der arabischen und türkischen Zuwanderer sei weder einbürgerungswillig noch einbürgerungsfähig, so eine der Kernaussagen seines Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“. Dabei rechnet der gelernte Volkswirt in bekannt provokanter Form mit dem Versagen der Politik und den dadurch bedingten Misserfolgen ab. Neben scharfer Ablehnung erfährt Sarrazin zunehmend auch Zustimmung.

Für anhaltende Aufregung sorgen jedoch die in diesem Zusammenhang geäußerten Ansichten von der kulturellen Eigenart der Völker. „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“, hatte Sarrazin in einem Interview zu Protokoll gegeben. Angesichts solcher Thesen fühlten und fühlen sich viele an die unsägliche, nicht zuletzt auch unter aktiver Mitwirkung von Friehe verbreitete NS-Ideologie und deren schreckliche Folgen erinnert.

„Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn“, ließ der Zentralrat der Juden vernehmen. Und auch für viele andere politisch und gesellschaftlich Verantwortliche hierzulande war Sarrazin zu weit gegangen. „Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen“, meinte Außenminister Westerwelle.

Nicht wenige bewerten Sarrazins Aussagen jedoch als lange überfälligen Einstieg in einen vorurteilsfreien Umgang mit dem Thema Vererbungslehre. 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs müsse auch im Land der Täter eine unbelastete und ideologiefreie Diskussion über genetische Zusammenhänge, biologische Fakten und die Ergebnisse der modernen Evolutionsforschung möglich sein.

Quellenhinweis: Wer mehr über Albert Friehe als Bückeburger NS-Bürgermeister und rassistischen Autor erfahren möchte, dem sei das Buch „Schaumburger Nationalsozialisten – Täter, Komplizen, Profiteure (Hg. Frank Werner, Schaumburger Kulturlandschaft, Bd. 17, ISBN 978-3-89534-737-5) empfohlen.

Buchautor und Provokateur: Ex-Deutsche Bank-Vorstandsmitglied und Berliner Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin.

Verfasser rassekundlicher Aufklärungsbroschüren:

Albert Friehe (1904-1952), neun Jahre Bückeburgs Bürgermeister.



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