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Leistung lohnt sich wieder: Für die meisten Bauern nähert sich ein eher gutes Jahr dem Ende / "Der Markt gleicht aus"

"Die Landwirte können wieder nach Luft schnappen"

Obernkirchen/Landkreis. Im November 2000 war es am schlimmsten: Durch BSE brach alles zusammen, die Ställe waren voll und die Preise im Keller. Nichts war mehr was wert: Milch, Fleisch, Zuchtbullen. Sieben Jahre später ist alles anders: Wachstum statt Subvention, statt Milch und Herzblut fließen Euro in die Taschen der Bauern: Dürfen Schaumburger Landwirte dank besserer Preise hoffen, dass sichLeistung wieder lohnt? Die klare Antwort: Jein.

veröffentlicht am 17.11.2007 um 00:00 Uhr

Die heimische Scholle nährt wieder ihren Mann: Vor allem beim Ge

Autor:

Frank Westermann

Doch, den Bauern geht es eher gut in diesem Jahr, erklärt Gabi von der Brelie als Pressesprecherin des Landvolks Niedersachsen. Es geht bergauf, nicht zuletzt die Zahlen der Ausbildungsberufe belegen dies: Landwirt zu werden, das ist wieder eine berufliche Perspektive. Aber, so von der Brelie, auch in Zukunft hängt viel von der Größe der Höfe ab:"Der Trend zur Größe bleibt." Das Anforderungsprofil an den Landwirt habe sich indes geändert, heute gehöre die tägliche Information im Internet zum Beruf wie das Kühemelken: Gerade bei Warentermingeschäften müsse man genau wissen, wem man wann zu welchen Preisen verkaufe - täglich. Kreislandwirt Heinz Schweer bezeichnet die Saison dagegen als "durchwachsen": Vor allem im Veredelungsbereich, also bei den Schweinen und Ferkeln, "sieht es dunkel aus, die Preise ziehen nicht so schnell an wie beim Weizen". Dort, beim Getreide, habe man allerdings eine gute Preisentwicklung verfolgen dürfen. So hätten viele Bauern seit März ihr Getreide vorverkauft, weil die Preise im Vergleich zu den Vorjahren hoch waren. Im Laufe des Jahres seien die Preise aber noch deutlich stärker gestiegen, so dass 30 bis 40 Prozent nach der Ernte verkauft werden konnten - zu richtig guten Preisen. "Eswurde mehr vermarktet als in den Jahren zuvor", sagt Schweer, ein deutlicher Hinweis auf mindestens zufrieden stellende Erlöse Dass das Getreide längst als Spekulationsobjekt gehandelt wird, gibt auch der Kreislandwirt gern zu. Und nennt ein Beispiel: Als im September in Australien die Ernte schlecht war, schossen an der Getreidebörse Hannover die Preise für eine Tonne auf 300 Euro hoch, ehe sie wieder auf 220, 230 Euro fielen - weil die Spekulanten dann ausstiegen und wieder ins Öl gingen, wie es Schweer nennt. Bei 1000 Tonnen, die ein Landwirt im Schnitt vermarktet, ist der richtige Verkaufszeitpunkt durchaus mitentscheidend. Die Kehrseite des Aufschwungs: Viele Produkte, die der Landwirt braucht, haben ihren Ursprung imÖl. Aber bei Diesel und Dünger sind die Preise zum Teil heftig angestiegen, viel des jetzigen Erlöses werde von den Betriebsmitteln gleich wieder aufgezehrt. Schweer: "Deshalb ist das Jahr durchwachsen." Zumindest beim Düngemittelabsatz hatten die Landwirte in diesem Jahre einen Verbündeten: das Wetter. Die Nachfrage vor allem nach Stickstoff, aber auch Phosphat war zum Teil deutlich eingeschränkt. Häufig ist die Witterung entscheidend. So wurden die natürlichen Stickstoffvorräte im Boden durch nur wenige Frosttage und die regelmäßige Durchfeuchtung der Böden im Frühjahr mobilisiert. Gleichwohl ist das Sparpotenzial beim Stickstoff als "Hauptwachstumsmotor" nur gering; eine Unterversorgung der Pflanzen schlägt sich in Mindererträgen nieder. Düngemittel, so rechnet Dirk Rodenbeck aus Gelldorf vor, seien aber in letzter Zeit um 80 Prozent im Preis gestiegen - eine Folge des weltweit steigenden Produktbedarfs, der dazu geführt habe, dass viele stillgelegte Flächen wieder in Produktion genommen werden. Aber immerhin, so Rodenbeck, der überwiegend vom Ackerbau lebt, "ein gutes Jahr war es natürlich." Zu rechnen sei damit nicht gewesen, denn von der reinen Menge her betrachtet, sei es eine schlechte Ernte gewesen: "Viele waren nervös, aber der Markt gleicht das aus." Generell, so Rodenbeck, sei er ein Verfechter der Marktwirtschaft: "Wir müssen weg von Subventionen." Reich würde ein Landwirt mit ein, zwei guten Jahren nicht: "Es ist eher unwahrscheinlich, dass ich in fünf Jahren nicht mehr arbeiten muss." Es gibt in diesem Jahr auch Verlierer in der Landwirtschaft. "Der Schweinezyklus ist ganz unten im Tal", erklärt dazu Landvolk-Pressesprecherin von der Brelie. Das kann Achim Pohl aus Gelldorf nur bestätigen: "Das Futter ist teuer, die Schweine bringen kein Geld, weil die Preise im Keller liegen." Zwar hat Pohl mit dem Ackerbau noch ein zweites, kleineres Standbein, aber das hilft nicht wirklich weiter:"Was wir da verdienen, futtern die Schweine wieder weg." Ein Minus von 30 Prozent werden die Schweinezüchter in diesem Jahr einfahren, schätzt Friedrich Wilharm als Geschäftsführer des Landvolkes Schaumburg. Bei den Getreidebauern sehe es besser aus: Zehn Prozent mehr Gewinn werden es am Ende des Jahres sein, "aber wir wollen erst einmal die Jahresabschlüsse abwarten." Großen Grund zum Jubelnsieht er nicht, denn zehn Prozent mehr Gewinn höre sich zwar gut an, müsse aber relativiert werden: Das letzte Jahr sei eher unterdurchschnittlich gewesen. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft werde aber trotzdem weitergehen, so Wilharm: Es ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein demografisches Problem: "Die Jugend hat eine andere Lebensplanung." Generell sieht er aber dennoch Hoffnungsschimmer am Horizont.Ähnlich wie die Energiebranche verfüge die Landwirtschaft über ein Produkt, das weltweit immer stärker benötigt werde - und damit immer wertvoller werde, weil die Anbaufläche nicht beliebig vergrößert werden könne. Im letzten Jahr, so Wilharm, sei die Landwirtschaft im Keller gewesen und das Wasser habe den Bauern bis zum Hals gestanden: "Heute stehen wir zwei Stufen höher auf der Kellertreppe und können zumindest wieder regelmäßig nach Luft schnappen."



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