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„Die Landschaft kann sich ja nicht wehren“

Vehlen (rnk). Als das Klinikum Minden gebaut wurde, da habe sie gleich gedacht, dass es dort, in einer Senke, Probleme mit dem Wasser geben würde, erklärt Biologin Eva von Löbbecke-Lauenroth. Und obwohl jede Menge Gutachten das Gegenteil erklärt hätten, sei es so ja auch gekommen; für viel Geld habe nachgerüstet werden müssen, im Griff habe man die Situation immer noch nicht. Die Mindener Landwirte, die dort Wiesen hätten, waren nicht allzu überrascht, sagt sie: „Die haben alle erklärt, dass man dort einfach nicht baut.“

veröffentlicht am 13.09.2010 um 13:42 Uhr
aktualisiert am 04.12.2012 um 13:43 Uhr

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Gut 100 Menschen hören ihr bei der ersten Führung in der Feldmark zu, von Löbbecke-Lauenroth ist die Expertin, die die Bürgerinitiative gegen den Bau des Klinikums in der Feldmark beim Informationstag erklären ließ, warum hier nicht gebaut werden sollte. Sie fordert umfangreiche Untersuchungen, Fachleute sollten sich mit der Grundwassersituation befassen, „da kann man nicht im Vorfeld eines geplanten Großbaus sagen, das ist kein Problem“, meint sie.

Thomas Knickmeier, Sprecher der Bürgerinitiative, verweist derweil auf den Harrl: Der sei nach dem Bau des Klinikums, das 23 Meter hoch werde, nicht mehr zu sehen. 23 Meter, wie hoch ist das? „Da hinten, die Pappeln, die sind etwa 16 Meter hoch“, sagt Knickmeier und weist in die nördliche Richtung. Dort liegt auch eine Pferdewiese, auf ihr wollte die Besitzerin einen kleinen Unterstand bauen, das durfte sie nicht, weil der Landkreis dagegen war, erklärt Knickmeier: „Und jetzt soll hier ein Krankenhaus hin. Das ganze Raumordnungsprogramm des Landkreises, das gegen eine Zersiedelung der Landschaft ist, das ist doch nur Schall und Rauch.“

Ein Anwohner der Ahnser Straße erzählt anschließend, dass die zu bauende Brücke für die Verbindung von Klinikum und Ahnser Straße 2,30 Meter hoch werde. Ein Mitbürger aus Ahnsen pflichtet bei: Wenn dort falsch gebaut werde, dann bekomme man in Ahnsen große Wasserprobleme.

„Das sind doch nur an den Haaren herbeigezogene Argumente“, widerspricht Georg von Luckwald, Landschaftsarchitekt und Chef des gleichnamigen Planungsbüros. Die Höhe der Brücke liege noch gar nicht fest, sie könne auch durchaus deutlich niedriger ausfallen, und einen Rückstau für Ahnsen werde es sicherlich nicht geben: „Das ist völlig ausgeschlossen.“ Das Wasser habe in der Planung einen hohen Stellenwert, versichert von Luckwald von seinem erhöhten Standpunkt vor einem Maisfeld. Wer möchte, darf hier ein Symbolbild erblicken: Ein Chefplaner mit dem Rücken zur Wand – oder ein Fachmann, der von oben herab eine Horde Laien belehrt. Von unten schallt es ihm entgegen: „Na ja, Sie wohnen hier ja auch nicht.“ Das Argument der fehlenden Transparenz lässt von Luckwald durchaus gelten: „Sie muss nachgeholt werden.“

Auch Ursula Helmhold, Mitglied der Grünen im Landtag zu Hannover, marschiert anschließend mit, als das Gelände für das geplante Klinikum zu Fuß umrundet wird. Sie hat die Petition der Bürgerinitiative in der Landeshauptstadt auf dem Tisch liegen, der Knackpunkt ist für sie das nicht nachvollziehbare Auswahlverfahren für den Standort. Es sei nicht transparent gewesen, es habe keine „ergebnisoffene Prüfung“ gegeben. Knickmeier pflichtet ihr bei: Die Landschaft könne sich ja nicht wehren, daher habe man geguckt, was am schnellsten durchzusetzen sei und Alternativuntersuchungen für einen anderen Stadtort unterlassen. Das Argument, alle anderen Orte wären wegen des Vetos der Bundeswehr nicht infrage gekommen, lässt er so nicht gelten: „Das sind doch Planungen aus der Zeit des Kalten Krieges.“ Heute benötige man derart breite Einflugschneisen nicht mehr. Irmhild Knoche von den Obernkirchener Grünen soll sich jetzt mit den Einwänden der Bundeswehr auseinandersetzen: „Das muss man vernünftig abarbeiten“, sagt Knickmeier.

Helmhold weist auf einen anderen Apsekt hin: Man werde als Mitglied des Kreistages in eine Haftung für die Standortwahl genommen, „in die wir nicht gehören“. Die Ehrenrettung für die Grünen übernimmt später Eva von Löbbecke-Lauenroth: Als man im Kreistag mit für das Klinikum gestimmt habe, sei man davon ausgegangen, dass die Standortfrage geklärt gewesen sei. Aber natürlich, schiebt sie hinterher, hätte man seitens der Grünen natürlich auch mal nachfragen können.

Was nicht nur von Löbbecke-Lauenroth ärgert: In der öffentlichen Wahrnehmung werde immer davon ausgegangen, dass die Standortfrage geklärt sei und dass das Klinikum hier gebaut werde. Andererseits: Stelle sich nach „objektiven Untersuchungen“ heraus, dass der Stadtort Vehlen wirklich geeignet sei, „dann muss man sich damit arrangieren. So sind die Spielregeln in einer Demokratie.“

Auf eine bedrohte Tier- und Pflanzenwelt werden die Mitglieder der Bürgerinitiative nicht zurückgreifen können, den Feldhamster gibt es hier nicht, sagt Eva von Löbbecke-Lauenroth, auch eine große und schützenswerte Rebhuhnpopulation fehlt. Und der Eisvogel brütet von Buchholz bis zur Bückeburger Niederung – selten sieht anders aus.

Nach einer guten Stunde ist der Rundmarsch beendet, 1100 Unterschriften habe die Bürgerinitiative bis jetzt gesammelt, erklärt Knickmeier, gerade in den letzten beiden Wochen hätten sich viele Bürger bei ihm gemeldet, um selbst mit der Unterschriftenliste von Haus zu Haus zu ziehen.

Gerhard Kirchner von den Bergstadt-Grünen verteilt noch zwei Zettel: „Von der Wirkung von Landschaft auf den Menschen“ enthält Zitate von Siegfried Lenz und der Journalistin Petra Steinberger, auch der US-amerikanische Sozialkritiker und Schriftsteller Theodore Roszak wird zitiert: „Die Bedürfnisse des Planeten sind die Bedürfnisse des Menschen; die Rechte des Menschen sind die Rechte des Planeten.“ Kirchner sieht es so: Man muss die Menschen ab und zu an ihr Band mit der Welt erinnern und sie so zu einem verantwortungsvollen Handeln bringen.

Anschließend zerstreut sich die Menge. Das Mittagsessen ruft.

Zu Fuß durch die Gemarkung: Gut 100 Bürger folgen am Vormittag dem Angebot der Bürgerinitiative; gemeinsam wird das Gelände umwandert und an mehreren Punkten auf die Probleme hingewiesen.



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