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Itai Nyama besucht die Bergstadt und erzählt aus Simbabwe / "Demokratie ist wichtig"

Die Kunst als Weg in ein besseres Leben

Obernkirchen (rnk). Beim Fotourlaub im Okavango-Delta bietet sich ein Besuch des Nachbarlandes Simbabwe und der dortigen Victoria-Fälle an. Wer an der Grenze 25 Euro Eintritt bezahlt hat, fährt im Reisebus zwei Stunden lang auf einer schnurgraden Landstraße, die auch in Deutschland Ehre eingelegt hätte - und sieht nicht einen Menschen. Keinen einzigen. Momente, für die das Wort ,kafkaesk' erfunden wurde. "90 Prozent Arbeitslosigkeit, 40 Prozent Aidsrate, 3000 Prozent Inflationsrate", zählt Itai Nyama die inneren Probleme und damit die Gründe für die Abschottung eines Landes auf, in dem man besser nicht sagt, dass man von der Presse ist. Doch über Politik möchte der 32-jährige Künstler aus Simbabwe öffentlich nicht gern sprechen, schließlich leben dort seine Verwandten, er selber will ebenfalls zurückkehren.

veröffentlicht am 10.06.2008 um 00:00 Uhr

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Drei Monate ist er in Deutschland, zwölf Wochen, die ihm durchaus gefallen: "Demokratie ist gut." Aber die Heimat, die Freunde und Verwandten, kann sie doch nicht einfach ersetzen: "Heimat und Familie hält alles zusammen." Die Familie, das ist ein Wert, den Nyama spät kennenlernte. Aufgewachsen in Verhältnissen, die vor deutschen Gerichten gern mit "schwierige Kindheit" umschrieben wird, von einem Punkt zum andern geschoben, wie es Itai Nyama ausdrückt, hat er erst spät Tritt im Leben gefasst. "Kunst", antwortet er auf die Frage nach dem ersten Job in seinem Leben. Sicher, er hat dieses und jenes gemacht, schlecht bezahlte Arbeit angenommen, wenn er überhaupt welche gefunden hat, er kennt die Situation auf der Straße, kann von den Street-Kids, den Straßenkindern, aus eigener Anschauung berichten. Eine Kindheit in einer Realität gewordenen Hölle, in der er nicht eine Chance hatte. Und sie trotzdem genutzt hat. Dummheit, fehlende schulische Bildung, Gewalt, Mangel an Wasser und Nahrungsmitteln: Bei den Fragen nach den Ursachen für fast drei Jahrzehnte Niedergang eines einst reichen Landes wird Itai Nyama schnell fündig. Das für ihn größte existierende Problem ist die Aidsrate: "Missbrauch, Vergewaltigung, Prostitution - und der noch immer vorhandene Glauben, man könne von Aids geheilt werden, wenn man mit einem jungen Mädchen schläft." Ende letzter Woche hat er mit Schulkindern auf dem Kirchplatz diskutiert, wo er seiner beim Bildhauer-Symposium 2006 geschaffenen Skulptur den buchstäblich letzten Schliff verleiht. Viel wurde gesprochen über die soziale Struktur eines Landes, in dem es Nyama vergleichsweise noch gut geht. Er profitiert von einem Trend: In Simbabwe hat sich seit knapp 50 Jahren eine moderne Bildhauerkunst entwickelt, die auf internationalen Ausstellungen Furore macht. Kunsthistorisch sind die Steinskulpturen aus Simbabwe, da reine Kunstobjekte, ein Phänomen. In ihnen verbinden sich afrikanisch geprägte Inhalte mit einem Formempfinden, das europäische Künstler wie Barlach, Picasso, und andere inspirierte, als sie sich mit der Kunst Afrikas auseinandersetzten. Gerade die Wechselwirkung von afrikanischen und europäischen Einflüssen machen die simbabwischen Steinskulpturen so interessant, dass sie sich in kurzer Zeit einen festen Platz in der Geschichte der modernen Bildhauerei erobert haben. Auf dem Kirchplatz ist an zwei Skulpturen nachzuvollziehen, wie spannend diese Einflüsse sein können. Am Morgen des Gespräches steht in den Zeitungen, dass der Oppositionsführer in Simbabwe verhaftet worden ist. Itai Nyama hat es zur Kenntnis genommen, gesagt hat er nichts.



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