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Kruska: Bei Kindervernachlässigung fehlt es nicht an Information, sondern an Handlungsmöglichkeiten

"Die Kinder sind gerade bei Oma und Opa"

Steinbergen (wm). Gestern haben sich die Ministerpräsidenten der Länder zu einem "Kindergipfel" mit Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen. In der aktuellen Debatte um Kindesvernachlässigung und -misshandlung meldet sich Heimleiter Jürgen Kruska vom Jugendheim Hirschkuppe in Steinbergen zu Wort: Jugendämter wie Sozialarbeiter würden meist zuUnrecht gescholten - die Presse zeichne bei den aktuellen Fällen ein teilweise falsches Bild.

veröffentlicht am 20.12.2007 um 00:00 Uhr

Jürgen Kruska

Es mangle meist nicht an Informationen, wenn Kinder geschlagen würden, unterernährt oder verhaltensauffällig seien. Hinweise kämen in solchen Fällen oft von Nachbarn, Schulen, der Polizei und von den Kindergärten. Das Problem läge woanders: Nämlich in den beschränkten Möglichkeiten der Jugendhilfe, schnell und effektiv eingreifen zu können. Notwendig, so Kruska, seien Gesetzesänderungen, nämlich die Stärkung des Kindesrechts. Außerdem müssten mehr Stellen für Sozialarbeiter geschaffen werden - noch nicht einmal die Planstellen würden meist wieder besetzt, wenn ein Sozialarbeiter in den Ruhestand gehe. Änderungen, die letztlich allerdings auch zur Konsequenz hätten, dass man die Kommunen finanziell besser ausstatten müsse - aber davon sei in der derzeitigen Debatte kaum die Rede. In der Praxis, schilderte Kruska, habe ein Sozialarbeiter kaum eine Chance, unangemeldet in eine Wohnung zu kommen, wenn er den Verdacht habe, da läuft etwas schief: "Da muss schon ein Kind hinter der Tür laut um Hilfe brüllen, damit er sich mit der Polizei einen Zutritt erzwingen kann." Denn nur in einem solchen Fall könne sich der Sozialarbeiter auf den Tatbestand der unmittelbaren Gefahrenabwehr berufen. Und nur dann sei es zulässig, unangemeldet eine Wohnung zu betreten. Bei offiziellen Besuchen nach einer Terminabsprache sei oft wenig zu erreichen: "Dann fangen Eltern den Sozialarbeiter an der Tür ab und erzählen ,Ach, der Termin, den haben wir glatt vergessen, die Kinder sind gerade bei Oma und Opa in der Lüneburger Heide'." Dass sich der Mann dann ins Auto setzt und unverzüglich in die Lüneburger Heide fährt, um diese Behauptung zu überprüfen, das, so Kruska, gibt es nur im Fernsehen, das ist völlig praxisfremd. Wie schwer es für Jugendhelfer ist, verwahrloste Kinder aus ihren Familien zu holen, schilderte Kruska an einem aktuellen Beispiel: In der Hirschkuppe sei ein elfjähriges Mädchen aufgenommen worden, nachdem ein Richter dessen Eltern klar gemacht hatte, sollten sie mit der Unterbringung ihrer Tochter in Steinbergen nicht einverstanden sein, werde er ihnen das Aufenthaltsbestimmungsrecht (nach Paragraph 1666 BGB) entziehen. Die Eltern, so Kruska, seien daraufhin umgezogen und hätten ihr Kind wieder aus dem Jugendheim geholt. Mit der Folge, dass jetzt ein anderes Familiengericht, ein anderer Sozialarbeiter, zuständig ist und das ganze Verfahren von vorn beginnt. Er habe bei zwei Kindern in der Hirschkuppe erlebt, dass innerhalb von fünf Jahren neun verschiedene Sozialarbeiter zuständig wurden, weil die Eltern ständig den Wohnort gewechselt haben. Das schadet nicht nur den Kindern, sondern ist auch teuer, weil sich alle wieder neu in den Fall einarbeiten müssen. In einem anderen aktuellen Fall habe man zwar einen zehnjährigen Jungen aus der Familie geholt und in die Hirschkuppe gebracht, aber seinen achtjährigen Bruder zurückgelassen. Einzig deshalb, weil der Zehnjährige bereits durch seine Aggressivität in der Schule aufgefallen ist, der Achtjährige (noch) nicht. Das bedeute nicht, so Kruska, dass der jüngere Bruder, nicht ebenso Hilfe bräuchte, der war genauso unterernährt wie der Zehnjährige. Weil erziehungsunfähige Eltern meist auch beratungsresistent und uneinsichtig sind, sollte man hier ansetzen und beispielsweise jugendliche Straftäter aus Problemfamilien nicht zu einem gemeinnützigen Arbeitsdienst verurteilen, "da doktern wir nur an den Symptomen herum", sondern dessen Eltern gemeinsam mit dem Jugendlichen zu einem Elternseminar verpflichten. Dass viele Institutionen schon bisher Elternseminare anböten, sei zwar eine tolle Sache, aber: "Da gehen doch nur interessierte Eltern hin, nicht die Klientel, die ein solches Seminar eigentlich bräuchte." Es mangle in der Jugendhilfe also nicht an Erkenntnissen, wie Ministerin Ursula von der Leyen glauben mache - sondern an den gesetzlichen Voraussetzungen, effektiv eingreifen zu können. So dauerten die meisten Verfahren viel zu lange, bis einem Kind geholfen werden könne, sechs Monate seien keine Ausnahme: Der Sozialarbeiter muss zunächst einen Richter überzeugen, dass hier ein Notfall vorliegt. Der Richter wiederum schaltet, um auf der sicheren Seite zu sein, meist einen Gutachter ein. Kommt es dann endlich zur Verhandlung, erleben Sozialarbeiter, die ja in der Beweispflicht sind, dass Nachbarn plötzlich nichts mehr gehört und gesehen haben wollen - nur um keinen Ärger zu bekommen. Ist ein Kind schließlich gegen alle Widerstände doch in einer Erziehungseinrichtung, verweigerten Eltern oft die Mitarbeit. Für Kruska unvergessen: Weil ein Vater immer wieder Ausflüchte und Vorwände gefunden habe, um seinen Sohn in der Hirschkuppe nicht besuchen zu müssen, habe er dem Mann schließlich angeboten, er schicke ihm einen Dienstwagen, damit er nach Steinbergen kommen könne. Antwort des Vaters: Er könne wegen einer Behinderung nicht solange im Auto sitzen. Er habe dem Vater daraufhin am Telefon vorgeschlagen, er organisiere notfalls selbstverständlich für ihn einen Liegendtransport: "Da hat der einfach aufgelegt."



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