weather-image
16°
×

Vom virtuellen Exhibitionismus, der Erfindung des Kunst-Ichs und immer kurzlebigeren Moden

Die Jagd nach Trends spiegelt unseren Zeitgeist

Zeitgeist. Er bleibt meistens gerade lange genug, um sich zu etablieren – und verschwindet dann wieder. Auf jeden Fall ist er nicht zeitlos. Sondern zeitlich begrenzt. Arthur Schopenhauer (1788 -1860) hat einst diese Spanne mit 30 Jahren umrissen: „In solcher Zeit nämlich haben alsdann die jedesmaligen Irrtümer sich so gesteigert, dass sie unter der Last ihrer Absurdität zusammenbrechen“, begründete der Philosoph den vorprogrammierten Bankrott für Zeitgeist-Phänomene.

veröffentlicht am 14.03.2011 um 06:00 Uhr

Autor:

Gesellschaftliche Trendwenden im 30-Jahre-Zyklus? Schopenhauer war davon überzeugt. Inzwischen aber plagt viele das Gefühl, dass sich die Welt immer schneller dreht und sie kaum noch mithalten können. Das gilt nicht nur für Trends, die den Zeitgeist bedienen, sondern auch für gesellschaftliche Veränderungen, die früher Epochen prägten und heute oft nur auf wenige Jahre beschränkt sind. „Der Zeitgeist“, sagt der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann, „hat sich in Westeuropa und speziell in Deutschland in den letzten 65 Jahren mehrfach verändert und wurde auch etikettiert“. Trümmerfrauen, Wirtschaftswunder, die Jugendrevolte der 68er Kids, die Hippiebewegung, später der Bildungsboom und danach die Integrationsdebatte mit der Migrationsbelastung, listet Heilemann als gesellschaftsrelevante Zeitgeist-Phänomene auf. Vor allem aber ist es die Internet-Revolution, die in den letzten Jahren Mensch, Zeit und Raum dramatisch verändert hat.

Menschen, die vorher Kommunikationsmittel zu etwa fünf Prozent ihrer Zeit genutzt haben, um anderen Menschen etwas per Karte, Brief, Telefon oder Telefax mitzuteilen, würden jetzt schon fast 60 bis 80 Prozent ihrer freien Zeit zum Informationsaustausch nutzen, stellt Heilemann fest. Das ständige Senden und Empfangen von Nachrichten raubt Zeit. Und: „Die direkte Kommunikation verflüchtigt sich aus dem sinnlichen Raum immer mehr in den virtuellen Raum“, so der Psychologe. Damit einher geht eine zeitgeistgeprägte Veränderung der Persönlichkeit: Im virtuellen Raum des rund um den Erdball genutzten Internets bastelt der Einzelne an seinem künstlichen Ich, baut eine Fassade auf, feilt an der idealisierten Fassung von sich selbst, erfindet sich neu. Zwischen dem realen Ich und dem Kunst-Ich klaffen immer größere Lücken. Der virtuelle Exhibitionismus ist ein Zeitgeist-Phänomen, das zur „Zerbröselung von klaren Personenbildern“ führt, wie Heilemann anmerkt: „Heute gibt es nicht mehr die Person an sich, sondern nur noch ihre Bestandteile.“

Und es gibt immer neue Trends, die den Zeitgeist bedienen. Sie entwickeln sich wellenförmig, bauen sich auf, erreichen ein Plateau und klingen wieder ab. Was gestern in Mode kam, ist heute cool und kann morgen schon peinlich sein. Mit dieser Auf- und Abwärtsbewegung verbunden ist eine „langsame, über Jahrzehnte dauernde, gleichsam ,tektonische’ Verschiebung der Wahrnehmung“, stellen Elisabeth Noelle und Thomas Petersen in einem Essay zum „Zeitgeist in Deutschland“ fest und berufen sich dabei auf Umfragen des Allensbacher Instituts, das über Jahrzehnte immer wieder die gleichen Fragen stellte, bei den Antworten aber ein Muster entdeckte, das entsprechende Wahrnehmensverschiebungen belegt.

Wenn man Zeitgeist über die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters definiert, dann sind laut Heilemann drei Alltagsgruppen maßgeblich daran beteiligt, in denen sich jeweils mindestens zwei Ausprägungen finden: die „Aufstrebenden“ (bis 20 Jahre), die sich in Körperkinder und Kopfkinder unterteilen, die „Abgebenden“ (20 bis 60 Jahre), die man grob in Hochleister und Verweigerer differenzieren kann, und die „Ausleitenden“ (60 plus), bei denen sich Aktivisten und Ausruher gegenüber stehen.

Eine Patchworkgesellschaft, die ihre Gruppenzugehörigkeit über Statussymbole dokumentiert, dem Zeitgeist in Mode, Sprache, Musik, Architektur, Körperkultur, Freizeitverhalten, Lebensgefühl und Wohnstil huldigt und in entsprechenden Trends vermarktet. Besonders augenfällig werden diese, wenn es um Mode, Architektur und Wohnkultur geht. Hat früher ein Kleidungsstil ganze Epochen geprägt und deren Zeitgeist gespiegelt, so sind die modischen Vorgaben heute so kurzlebig, dass selbst nostalgische Ausflüge in die jüngste Vergangenheit als Retro-Chic oder Vintage-Look unter neuem Label fröhliche Urständ feiern. Architektur und Wohnkultur hatten je nach Gesellschaftszugehörigkeit ihre Zeit und ihre Stilmerkmale, egal, ob es sich um Barock, Renaissance, Biedermeier, Jugendstil oder Bauhaus handelte. Unvergessen auch, die Nierentische und Tütenlampen der 50er-Jahre. Dass Möbel nach wie vor Ausdruck des Zeitgeistes sind, untermauert kein Unternehmen so eindrucksvoll wie der schwedische Möbelriese Ikea: Die Marke ist Lifestyle und bedient dieses Image mit Slogans wie „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“ Duygu Cuhadaroglu von Ikea Deutschland führt dies auf eine „eigene Handschrift“ zurück – auf „Designer und Produktentwickler, die weltweit unterwegs sind, um immer neue Potenziale zu entdecken“, auf „neue, innovative Materialien, zukunftsträchtige Techniken, neue Strömungen im Bereich Design“. Und dass sich dies alles Menschen mit vielen verschiedenen Bedürfnissen, Geschmäckern, Träumen, Zielen und unterschiedlich großen Geldbeuteln leisten können.

Ununterbrochen sind Meinungsforscher medienwirksam dem Zeitgeist auf der Spur, versuchen Trendscouts schon heute zu orten, was morgen angesagt ist. Rund um die Uhr und den Globus findet eine gigantische Jagd nach den neuesten Trends statt. Mit echtem Zeitgeist haben die kurzlebigen Modeerscheinungen allerdings meist nur wenig zu tun. Die Jagd danach aber ist zweifelsohne Zeitgeist: Sie spiegelt den Geist unserer Zeit.

Modische Nostalgie zeigt sich in immer kürzeren Abständen: Vintage – und Retro-Looks, wie hier von Lena Hoschek, sind Trend. In der Kleidermode dienen die Begriffe als neues Label für ästhetische Rückgriffe auf das Formenvokabular vergangener Epochen oder Phasen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt