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„Konstante 15 Grad, das ist optimal“

Die Herrin der Kreisakten regiert im Keller

Hameln (tk). Mit einem metallischen Knacken springen die Leuchtstoffröhren an. Nacheinander erhellen sie den rechteckigen Raum. Es riecht neu gestrichen – ein wenig auch nach Keller. Der Estrich ist grau und hebt sich dezent von den weißen Betonwänden ab. Von ihnen ist nicht viel zu sehen, in dem Raum steht ein gewaltiges Regalsystem, dessen Tiefe nicht auszumachen ist. Darin lagern Hunderte von Pappschachteln.

veröffentlicht am 08.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.03.2010 um 10:16 Uhr

Kristina Schaper steht in einer der etlichen Regalreihen. Sie hält einen braunen Karton in der rechten Hand. Mit der anderen blättert sie in einem Stapel Unterlagen. Sie nimmt einen Zettel heraus, den Rest legt sie zurück in die Kiste. Es ist ein Brief aus dem Jahr 1906. Die Handschrift ist schwungvoll – es ist Kurrent. Eine Laufschrift, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu den gebräuchlichsten Verkehrsschriften in Deutschland zählte. Aber auch Sütterlin kann Kristina Schaper fließend lesen. Das muss sie auch, denn die 51-Jährige ist die Kreisarchivarin des Landkreises.

„Bei dem Brief handelt es sich um eine anonyme Beschwerde beim Landrat“, erzählt sie. Ein Unbekannter beschwert sich darin, dass das Nachbardorf ein Sängerfest veranstalten darf, während das dem eigenen Dorf verwehrt wurde. Nur wie die Sache ausgegangen ist , weiß sie nicht – „leider“.

Der Brief ist aber nicht der einzige Schatz, den das Kreisarchiv beherbergt. Das älteste Stück ist ein Verwaltungsdokument aus dem Kreisamt Bad Pyrmont. Es ist 159 Jahre alt. „Die regelmäßige Archivierung beginnt erst im Jahr 1885“, erklärt Schaper. Damals entstand der Landkreis Hameln-Pyrmont und auch das Kreisarchiv.

Sie selbst ist seit 20 Jahren dabei. Die letzten 15 Jahre arbeitete sie im vierten Stock der alten Nudelfabrik am Stockhof. Jetzt ist das Kreisarchiv mit Sack und Pack umgezogen. Quasi über die Straße, in die Handelslehranstalt. Dort stand die Kelleretage leer. Diese hat jetzt einen neuen Mieter.

Trotz aller Wehmut sieht sie in dem Umzug nur Vorteile. Ihre Platzprobleme seien immerhin auf die nächsten 20 Jahre behoben: Ihr stehen jetzt 470 Quadratmeter Magazinfläche zur Verfügung – doppelt so viel wie vorher. Der besondere Clou ist das Rollregalsystem.

Sie hat eben eine Anfrage erhalten. Ob es möglich sei, etwas über die Bildung der Forstgenossenschaften im Jahre 1853 herauszufinden. In ihrem Computer sucht sie nach dem Schlagwort. Sie hat ein spezielles Programm, das ihr bei der Suche hilft. Den Inhalt der Akten, die sie aus der Kreisverwaltung bekommt, hat sie in kurzen Sätzen beschrieben und in das System eingegeben. Treffer. Das Programm spuckt ihr eine Standortnummer aus. Das Dokument liegt in einem der Hunderte brauner Kästen.

Kristina Schaper dreht das dreiarmige Rad am Kopf der Regalreihe. Butterweich bewegt sich das Regal zur Seite. Zwischen den Regalreihen entsteht ein Gang. Die Kartons links und rechts von ihr sind nummeriert. Die Archivarin hat mal durchgerechnet, wie viel Akten sie aufbewahrt, und ist auf 900 laufende Meter gekommen. Nochmal 300 kommen in der Archivbücherei dazu. „Ohne die neuen Rollregale wäre die Masse an Akten und Unterlagen kaum zu lagern“. Durch die Bewegung können alle Regale zusammengeschoben werden. Platz für einen Durchgang schafft sie sich nur noch im Bedarfsfall.

Ihren Beruf vergleicht sie gern mit echter Detektivarbeit. Für eine Ausstellung wollte sie recherchieren, wie lange es die Kreisbildstelle schon gibt. Sie stöberte sich durch alte Zeitungen, Urkunden und Fotosammlungen. Dann kam ihr der Zufall zu Hilfe. In einer Chronik über den Landkreis fand sie die Antwort. Ein Glückstreffer, das antiquarische Buch hatte ihr wenige Wochen vorher ein Besucher geschenkt. Er hatte es auf dem Flohmarkt gekauft.

Kristina Schaper hat ein Faible für alte Dinge. Ein Besuch im Kreisarchiv ist deshalb auch wie eine Zeitreise. In ihrem Büro stehen die schweren Gründerzeitmöbel aus dem Aerzener Sophienhof, der große Holztisch im Archiv ist Teil der Möblierung des Kreissitzungssaals. Er stammt aus Hitlers Tagen. Alte Schreibmaschinen, vergilbte Aktendeckel, Holzkegel aus den 20er-Jahren, Stempel, Pokale – es sieht aus wie in einem Museum. „Nur das es keines ist, und keines seien will“, sagt sie. Aber jeder Archivar arbeite anders. Sie stellt gern alte Arbeitsgeräte aus, „weil sie so viel über die Zeit aussagen und Verwaltung greifbar macht“.

Das schätzen auch die Besucher. Meist seien das Heimatforscher oder Wissenschaftler. Aber auch Schüler kommen regelmäßig. Vor zwei Wochen war eine Gruppe da. Sie arbeiteten an einer Ausarbeitung über Kriegsdenkmäler in Landkreis. Ein Gast pro Woche schätzt sie, meldet sich bei ihr an. „Die kommen dann aber meist mehrere Tage hintereinander.“ Besonders gefragt seien Berichte über Vereinsgründungen. Über die Anlässe staunt sei selber manchmal: „Rauchvereine, Jungfrauenvereine, Trinkverein – sie alle mussten durch den Landrat bestätigt werden. Deshalb stehen sind die Unterlagen hier.“

Und dafür, dass der Zahn der Zeit diese Urkunden nicht zersetzt, sorgt ein spezielles Lüftungssystem. Auch dieses ist neu. Die Kreissiedlungsgesellschaft des Landkreises Hameln-Pyrmont hat sich den Umzug und Ausbau des Archivs immerhin 220 000 Euro kosten lassen. Ein Archiv gehöre zu den Pflichtaufgabe einer Kommune, sagt Thomas Haß vom Landkreis.

„Um Dokumente zu erhalten braucht es nämlich eine konstante Temperatur von 15 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 45 Prozent“, erklärt Kristina Schaper. Gerade den älteren Akten sehe man an, dass sie nach ganz anderen Standards gelagert wurden. Durch Feuchtigkeit hätte das Papier oft Stockflecken. „Rostende Büroklammer sorgen dafür, dass sich die Seiten verfärben.“

Ihr Berufsstand habe daher zwei Hauptaufgaben: Ordnen und sichern. Deshalb „bettet“ Kristina Schaper alle Dokumente um – in säurefreie Pappkartons. Bei besonderen Stücken zieht sie schon mal weiße Stoffhandschuhe an. Damit das Fett und die PH-Säure der Haut das sensible Papier nicht beschädigen.



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