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16 Hits in 90 Minuten: Gitarrist Andy Scott wird mit Sprechchören abgefeiert

Die große Glamrock-Legende lebt: "The Sweet" rocken 500 Zuhörer

Rinteln. Was ist das: ein völlig zu Recht vergessenes Konzert-Relikt aus den 70-er Jahren? Mit 14 Buchstaben. Genau: Schlagzeugsolo. Eigentlich nur dazu da, um beim Livekonzert in Ruhe ein Bier zu holen, doch als Bruce Bisland zu Beginn der Zugaben auf seine Bude einhämmert, ist der Teufel los: 500 Zuhörer feiern ihn ab, beste Stimmung - und das schon seit dem ersten Lied: Die Glamrock-Legende "The Sweet" hat vorgestern im Brückentorsaal mächtig abgeräumt.

veröffentlicht am 19.11.2007 um 00:00 Uhr

Sweet-Gitarrist Andy Scott.

Autor:

Frank Westermann

Gute vier Jahre dauerte die große Zeit der Band an, die ab 1971 allein in Deutschland 16 (in Worten: sechzehn!) Singles in die Top-Ten brachte, und der man auf dem Höhepunkt des Erfolges nachsagte, sie benötige mehr Zeit zum Schminken als zum Stimmen der Instrumente. Auf der Brückentor-Bühne stand am Wochenende nur noch einOriginal-Mitglied: Andy Scott, der mit seiner Gitarre seit jeher den Sound der Band deutlich bestimmte. Eigentlich sollten hier ein paar hämische Zeilen über Rock-Opas stehen, die mit gefühlten 83 Jahren immer noch auf der Bühne ihr "Satisfaction" anstimmen, oder, wie "The Police" in diesem Jahr, mit einer überflüssigen Wiedervereinigung noch einmal auf finanziellen Beutezug gingen, doch die Häme hatte sich Sonnabend schon lange vor der letzten Zugabe von Sweet erübrigt: Denn die Band war einfach supertoll. Sicher, Glamrock ist tot wie Elvis, doch Andy Scott hat zumindest das musikalische Potenzial der Hit-Singles erfolgreich in das neue Jahrtausendüberführt. Zwei Gitarren bestimmen heute den Sound, Sweet sind nicht mehr süß, sondern vor allem hart: Scott selbst und Steve Grant machen mächtig Druck, unterstützt durch einen nach vorne treibenden Bass von Sänger Peter Lincoln. Selbst musikalische Peinlichkeiten wie "Funny Funny", "Co-Co"und "Poppa Joe" kommen als Potpourri, selbstironisch unterfüttert, locker rüber und beim (natürlich überwiegend etwas älteren) Publikum bestens an. Seinen Höhepunkt findet das Konzert bei drei Stücken: Am Anfang bei "The Six Teens" aus dem Jahre 1974, für Scott wohl das beste Sweet-Stück überhaupt, wie er erklärt, dann bei "Teenage Rampage", das mit seinem über die Maßen ohrwurmverdächtigen Refrain immer noch die Masse in Bewegung bringt, undbeim "Block Buster" mit dem markanten Sirenengeheul - da kocht die Stimmung richtig hoch; und beim Rest kann so mancher immer noch mitsingen. Das schwächste Stück des Konzertes ist "Love is like Oxygen", pikanterweise auch 1978 der größte Hit der Band. Vorgestern hat Sweet in der Oxygen-Mitte einen anderen Klassiker einer noch älteren Band eingefügt: "Let it be" von den Beatles. Passte gut. Und Andy Scott? Der 58-Jährige wurde in Rinteln mit "Andy, Andy"-Sprechchören abgefeiert und gab an, was er in diesem Leben noch gerne erreichen möchte: das Rentenalter - damit er dann Bus und Bahn ermäßigt benutzen kann. Und auch wenn man seit 39 Jahren bei Sweet in die Saiten haut und immer die gleichen Stücke singt, was soll's: Man lebt und man arbeitet, bis man stirbt. Und wenn man das alles mit Anstand schafft, gibt es keinen Grund zum Jammern. Fragt Andy Scott.



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