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Tatjana Gräfin Dönhoff liest aus "Weit ist der Weg nach Westen" / Fundstücke einer spannungsreichen Vergangenheit

Die Geschichte einer Familie und zweier Nationen

Michael Grundmeier

veröffentlicht am 06.11.2006 um 00:00 Uhr

Tatjana Gräfin Dönhoff spricht über "Marion" - und meint ihre Ta

Bückeburg. "Pommerland ist abgebrannt...": Die Flucht Marion Gräfin Dönhoffs auf ihrem "Ahlerich" ist vielen Menschen auch heute noch ein Begriff. Das die verstorbene "Zeit"-Herausgeberin nach Bad Eilsen wollte, weiß heute aber kaum noch einer. Tatjana Gräfin Dönhoff zeichnete am Freitag in einer Lesung im Le-Theule-Saal die Flucht ihrer Großtante nach. Familiengeschichten und Erinnerungsbücher haben Konjunktur im deutschen Literaturbetrieb. Auch Tatjana Gräfin Dönhoff hat sich 60 Jahre nach Kriegsende auf die Fluchtroute ihrer Großtante begeben, um Erinnerungen und Eindrücke zusammenzutragen. "Ich habe mit meiner Tante darüber gesprochen und sie fand es gut, dass sich eine jüngere Generation mit europäischem Blick dort umsieht", berichtete die "Nachgeborene". Vor rund 150 Zuhörern erzählte sie von dieser Spurensuche im ehemaligen Ostpreußen und zeigte neue Bilder eines alten Landes. Ohne Sentimentalitäten oder Vorurteile hat die Autorin in "Weit ist der Weg nach Westen" die Geschichte ihrer Familie und damit zweier Nationen zusammengetragen. Elf Porträts von deutschstämmigen "Dagebliebenen", aber auch von jungen Polen, lassen nicht den Gedanken aufkommen, es handele sich um einen "Heimatroman". Tatjana Gräfin Dönhoff bleibt im Hier und Heute, sammelt Fundstücke und setzt Vergangenheit und Gegenwart in eine spannungsreiche Beziehung. Zusätzlich enthält das Buch eine Fotostrecke, die den Reportage-Charakter weiter unterstreicht. Da ist der Friseurladen, in dem sich die Geschichte des Landes seit Kaiser Wilhelm in Friseurinnungs-Dokumenten spiegelt. Und da sind die homosexuellen Männer, die sie auf ihrer Reise kennen lernt. "Sogar heute noch sind die Leute in Masuren eher liberal - wenn die beiden eine Party geben, kommt der Pfarrer", erzählt die Journalistin. Natürlich spricht die Gräfin auch über Wunden, die Krieg und Zeit geschlagen haben: die alten Schlösser und Herrensitze, die verfallen. Sie macht aber klar, dass sich inzwischen auch Polen für diesen Teil ihrer Geschichte interessieren. Das wird deutlich, als die Autorin eine Denkmalschützerin begleitet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Marienburg zu restaurieren. Dönhoff: "Auf der Burg herrschen jetzt, nachdem sie Jahrhunderte eine Männerdomäne war, Frauen." Dieser ressentimentfreie Blick für die Brüche und Verwerfungen in einer langen Beziehung zweier Nationen kam beim Publikum gut an. "Die Lesung war sehr eindrucksvoll, ohne Pathos und ohne Übertreibung. Sie ist da gewesen, kann also mitreden", betont Norbert Graf Matuschka, dessen Familie aus Schlesien (Proskau) stammt und dessen Mutter nach Bückeburg fliehen musste. Auch Dr. Othard Müller war von der multimedialen Präsentation beeindruckt - er hat Tatjana Gräfin Dönhoff während seines Studiums kennengelernt. Müller: "Wir sind alte Freunde, besuchen einander immer wieder." Dank des guten Kontakts war Tatjana Gräfin Dönhoff sofort bereit, in Bückeburg zu lesen. Sie stand danach für viele Fragen zur Verfügung.

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