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Warum das Prinzip des freien Marktes dazu führen kann, dass das System sich irgendwann selbst frisst

Die Geister, die ich rief – wie werde ich sie wieder los?

Als Josef Ackermann im vergangenen Jahr öffentlich damit protzte, dass die Deutsche Bank keine Staatsknete brauche, um die Finanzkrise zu überstehen, da war es wieder da: das Bild des großspurigen, mächtigen Kapitalisten. Als Deutschlands bekanntester Banker ist Ackermann selbst schuld am eigenen Bild, schließlich hatte er sich schon einige Jahre zuvor durch sein im Mannesmann-Vodafone-Prozess vor Gericht unnötig zur Schau gestelltes Victory-Zeichen selbst unpopulär gemacht.

veröffentlicht am 13.05.2010 um 17:43 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Von Thomas Thimm

Als Josef Ackermann im vergangenen Jahr öffentlich damit protzte, dass die Deutsche Bank keine Staatsknete brauche, um die Finanzkrise zu überstehen, da war es wieder da: das Bild des großspurigen, mächtigen Kapitalisten. Als Deutschlands bekanntester Banker ist Ackermann selbst schuld am eigenen Bild, schließlich hatte er sich schon einige Jahre zuvor durch sein im Mannesmann-Vodafone-Prozess vor Gericht unnötig zur Schau gestelltes Victory-Zeichen selbst unpopulär gemacht. Jetzt aber rückt der Deutsche-Bank-Chef sein Bild völlig unfreiwillig etwas gerade: Zum Anfang der Euro-Krise erklärt er im Prozess um die Beinahepleite der IKB-Bank, wie Finanzmärkte auch funktionieren können: Ist jemand in Schieflage geraten, kann man den Geldhahn zudrehen und muss nicht immer „gutes Geld schlechtem hinterherwerfen“.

So egoistisch, wie es sich anhört, ist dieses Verhalten nicht. Es beschreibt letztlich nur den Endpunkt einer möglichen Entwicklung in unserem Wirtschaftssystem. Das freie Spiel der freien Kräfte in einem freien Markt. Die Marktwirtschaft. Solange alles gut geht, sind immer alle dafür, schließlich lebt es sich mit und in diesem Wirtschaftssystem ganz gut. Dass dieses System aber auch Ellenbogen, Verdrängungswettbewerb und damit auch den Niedergang des Schwächeren vorsieht, wird hier und dort gerne verschwiegen.

So ist es auf den Wirtschafts- und auch auf den Finanzmärkten, die untrennbar zu betrachten sind. Die Spekulanten, die derzeit versuchen, mit Milliarden und Abermilliarden zulasten des Euro Geld zu scheffeln, machen nichts anderes. Sie haben sich ein Opfer ausgesucht, nutzen die Schwächen des Systems aus und wollen selbst profitieren. Man muss es nicht gutheißen, aber auch das gehört zum Spiel des internationalen Kapitals.

Das Licht für die Motten haben die Euro-Länder übrigens selbst angemacht. Spekulanten stürzen sich nur dann auf einzelne Staaten, wenn diese schwach sind. Und dass Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Irland schwächeln, haben die ihrer eigenen unzulänglichen Politik sowie der verdammt nachlässigen Euro-Aufsicht zu verdanken. Es ist wie beim Boxen: Ein angeknockter Gegner lässt sich schneller auf die Bretter schicken. Früher wurden Währungen in Krisenzeiten abgewertet, heute geraten sie zum Spielball des globalen Finanzgeschäfts. Hedgefonds gegen den Euro. Ein Zweikampf mit einem Brutalo-Showdown ohne ethische Grundsätze. Und ohne Emotionen. Kein Hedgefonds-Manager hat persönlich etwas gegen Athen oder Madrid. Es geht nur ums Geldmachen. Und das in einer Brutalität, dass der einst als legendär geltende Hollywoodfilm „Wall Street“ heute von Finanzprofis als müder Streifen belächelt wird.

Die Auswirkungen können verheerend sein: Wenn der Finanzmarkt hustet, ist die Wirtschaft krank. Vor allem den Mittelstand in Deutschland sehen Marktteilnehmer in der Bredouille. Egal wie es läuft im Spiel der Währungen, so erzählt der Vorstandschef der Volksbank Hameln-Stadthagen, Heinz-Walter Wiedbrauck, die deutsche Wirtschaft treffe es immer. Er blickt zurück auf 1992/93, als Italien die Lira um 20 Prozent abgewertet hat – und am Ende die deutsche Industrie die Zeche mit Auftragsrückgängen und 10 000 Arbeitsplätzen bezahlen musste. Heute, so Wiedbrauck, zahle Deutschland halt mit Krediten und Bürgschaften. Der Rettungsschirm mit seinen 750 Milliarden Euro sei sinnvoll, aber ob er halten wird? „Die Spekulanten“, so Wiedbrauck, „werden testen, ob der Rettungsschirm überhaupt hält. Wenn nicht, dann wird es bitter.“

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass eine Währung von Spekulanten unter Beschuss genommen wird. Der Ungar George Soros, der heute als Börsenlegende gilt, hat 1992 im großen Stil gegen das englische Pfund gewettet und dabei mehr als eine Milliarde Dollar verdient. Soros brachte damals das Königreich an den Rand des Ruins. Das Schlimmste war: Der Markt gehorchte nicht mehr den Notenbanken und der Politik, sondern seinen eigenen Gesetzen. Soros wurde bekannt unter dem Beinamen „Der Mann, der die Bank von England Pleite machte“.

Die Euro-Verfechter sehen die noch junge Währung nicht in einer solchen Gefahr. Das ist eine politische Einschätzung, die richtig sein kann – aber nicht muss. Heiner Geißler erkannte jüngst die „schlechte Seite des Kapitalismus“. Die Frage, die sich die EU und alle Mitgliedsstaaten stellen und nach Möglichkeit auch beantworten müssen, lautet: Wie können wir uns vor den bösen Auswüchsen eines Marktes schützen, den wir selbst erfunden haben? Die Geister, die ich rief, können nur durch Eingriffe in den Markt gebändigt werden. Das Problem daran ist, dass Regulierungen wie Verbote etwa von Leerverkäufen, Derivaten oder Hebelprodukten nur Sinn machen, wenn weltweit alle an einem Strang ziehen. Auf einem globalen Markt haben nur globale Regeln einen Sinn. So sieht es auch der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Jean-Claude Juncker: Er diagnostizierte eine „weltweit organisierte Attacke gegen den Euro“. Deshalb müsse man auch weltweit geeint gegen diese Angriffe vorgehen. Klappt das nicht, wird man auch mal Ackermanns Philosophie des Marktes folgen müssen, und eine Bank oder einen Staat pleite gehen lassen.



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