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Stadtmanager Dennis Andres über Baustellen und andere drängende Themen des Hamelner Einzelhandels

„Die Geduld der Kunden ist begrenzt“

Hameln. Der Online-Handel breitet sich immer stärker aus – mit gravierenden Folgen für den stationären Handel. Wie kann die heimische Geschäftswelt auf diese scheinbar übermächtige Konkurrenz reagieren? Und vor allem: Welche Unterstützung ist vom Stadtmarketing zu erwarten? Ein Gespräch mit Stadtmanager Dennis Andres.

veröffentlicht am 06.10.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 07.10.2014 um 14:44 Uhr

Herr Andres, haben Sie schon einmal im Internet eingekauft?

Ja, Einkaufserlebnisse und Erinnerungswert hatten die aber nicht im Angebot.

Die Konkurrenten aus dem weltweiten Netz gewinnen zunehmend Marktanteile. Wie sollte sich der heimische Handel gegen den Trend zum Einkaufen im Internet zur Wehr setzen?

Der stationäre Handel muss sich zuallererst auf seine traditionellen Stärken besinnen und es schaffen, Geschäft und Internet zu verbinden. Das Internet bietet eine zusätzliche Infrastruktur, um näher am Kunden sein. Multichannelfähigkeit ist das Stichwort. Es gilt aber auch, dem Kunden eine besonders attraktive Umgebung zu bieten. Ladenflächen müssen zu Treffpunkten werden. Servicequalität, Einkaufserlebnis und Individualität sind die Schlüssel zum Erfolg. Guten Verkäufern sollte es besser gelingen, Kunden an sich zu binden, als irgendeiner programmierten Logik im Onlineshop.

Was können Sie als Stadtmanager dazu beitragen, dass die Menschen vor Ort eher ins Geschäft gehen, statt als Online-Shopper durchs Internet zu flanieren?

Marketing und Veranstaltungen können die Menschen in die Einkaufsstadt ziehen und den Geschäften so die Chance geben, sich einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, neue und verlorene Kunden zu gewinnen und den Einzugsbereich zu vergrößern. Es führt die Geschäfte in gemeinsamen Aktionen zusammen, um wahrnehmbare Effekte zu erzielen, die der Einzelne nicht erreichen würde. Ähnlich wie eine Stadt-Galerie ist auch die Einkaufsstadt ein Kaufhaus und eine Marke, die als Einheit wahrgenommen wird und gemeinsame Standards braucht. Sie muss immer wieder positiv ins Gedächtnis gerufen werden. Je mehr mitmachen, desto größer sind die Möglichkeiten des Stadtmarketings.

In verschiedenen Städten haben Einzelhändler ihre Schaufenster verhängt, um damit auf das drohende Geschäftssterben aufmerksam zu machen, wenn sich das Internet-Shopping weiter ausbreitet. Können Sie sich solch eine Aktion auch beispielsweise für Hameln oder Hessisch Oldendorf vorstellen?

Nein, unsere Innenstadt lebt und der stationäre Handel lebt. Wir sollten uns in Hameln nicht so darstellen. Dennoch fand ich die Aktion gut, sie hat Aufmerksamkeit erregt und vielen Leuten ins Gedächtnis gerufen: Die Stadt braucht den stationären Handel, um attraktiv zu bleiben! Einmal reicht jedoch. Vielleicht finden wir eine eigene provokante Aktion, die diese Botschaft ausstrahlt, ohne dabei eine Geisterstadt zu assoziieren.

In Klagenfurt soll für 200 000 Euro aus öffentlichen Mitteln ein Online-Shop installiert werden. Betreiber wird das Stadtmarketing sein. Lokale Unternehmen sollen auf der neuen Plattform integriert werden. In Deutschland plant die Online-City Wuppertal ein besonderes Pilotprojekt zur Verbindung von stationärem mit Online-Handel. Sind solche Projekte auch für Hameln denkbar?

In Klagenfurt werden der stationäre Handel und die damit verbundenen Gewerbesteuern offenbar sehr geschätzt, vorbildlich! Beides sind interessante Pilotprojekte, die neue Wege aufzeigen. Ein gemeinschaftlicher lebendiger Online-Marktplatz für Hameln wäre der große Wurf, das ist uns schon lange bewusst. Es bedarf aber enormer Anstrengungen und Kosten, die vielen, teils konkurrierenden, Einzelhändler und Filialisten zur Mitarbeit zu bewegen und den Shop dauerhaft am Markt zu etablieren. Ich bin noch nicht überzeugt, dass wir das in Hameln mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen schaffen.

Stichwort interaktives Schaufenster: Vor allem die Interface-basierten und die aktiven Schaufenster haben den Vorteil der Einsetzbarkeit rund um die Uhr. Käme das für den heimischen Handel ebenfalls in Frage?

Vor dem Schaufenster virtuell eine Jeans zerfetzen oder sich direkt im ausgestellten Anzug begutachten, ohne ihn anprobieren zu müssen: Es gibt viele sinnige und unsinnige Anwendungsbeispiele. Es kann definitiv zum positiven Shopping-Erlebnis beitragen. Auch als Schnittstelle zu unseren Smartphones eröffnen sich tolle Möglichkeiten, denen man sich nicht verschließen darf. Ein aufgeräumtes Schaufenster mit einer ansprechenden einfallsreichen Warenpräsentation kommt aber noch ohne aus.

Ein attraktiver Einkaufsstandort definiert sich auch über gute Rahmenbedingungen. Gibt es Bereiche, in denen Nachholbedarf besteht?

In Sachen Parken und Verkehrsleitsystem sind wir zumindest für den „Normalfall“ gut aufgestellt. Die Schwierigkeiten mit dem ÖPNV sind bekannt, auch wenn er für den Einkaufsverkehr eine untergeordnete Rolle spielt. Die Bedeutung der Fahrräder und Fußgänger für den Handel wird jedoch häufig unterschätzt, hier kann in Sachen Komfort noch weiträumig nachgelegt werden. Nehmen wir nur den Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt als Beispiel. Verbesserungsbedarf gibt es immer.

Viele Händler vermissen ein funktionierendes Baustellenmanagement. Kann Stadtmarketing hier für eine bessere Koordination sorgen?

Ja, wenn man es lässt. Es kann nicht nur darum gehen, festgelegte Entscheidungen zu kommunizieren. Stadtmarketing und andere Organisationen müssen aktiv am Planungsprozess und vor allem bei der Terminfindung beteiligt werden. Das passiert derzeit nicht. Die Geduld der Kunden ist begrenzt und wir stehen im Wettbewerb. Negative Erfahrungen können schnell Einkaufsgewohnheiten verändern und dauerhaftes Fernbleiben nach sich ziehen.

Interview: Guido Erol Hesse-Öztanil

Alle Folgen der Serie „Kauf hier!“ finden Sie auf dewezet.de!



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