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In Eilsen fing alles an – 200 Jahre gemeinnützige Geldinstitute in Schaumburg

Die erste Sparkasse entstand in Eilsen

Auf ein bedeutsames Jubiläum kann in diesem Jahr die hiesige Bankenwelt zurückblicken. Vor 200 Jahren wurde in Eilsen das erste heimische Spar- und Darlehensinstitut aus der Taufe gehoben. Für alle, die mehr wissen möchten und einen Internetanschluss haben, hat die Sparkasse Schaumburg eine „Jubiläums-Homepage“ (www.spk200-schaumburg.de) eingerichtet.

veröffentlicht am 21.04.2017 um 17:11 Uhr

Die Eilser „Sparlade“ in einer historischen Aufnahme. Foto: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite

Eine solche Art von Kommunikation hätte sich Friedrich Wilhelm Witte (1792-1857), „Erfinder“ und Gründer des ersten heimischen Kreditinstituts, nicht einmal im Traum vorstellen können. An elektronische Nachrichtenübermittlung, Online-Banking, Kontoführung via Smartphone und Gedautomaten dachte noch keiner. Stattdessen hatte es der gerade mal 24-jährige Schustergeselle mit ganz anderen und ungleich schwierigeren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. Die napoleonischen Kriege und die siebenjährige französische Besatzungszeit hatten schlimme Spuren hinterlassen. Dem Gros der heimischen Untertanen ging es schlecht. Handel und Gewerbe lagen am Boden. Die Zukunftsperspektiven waren düster und ungewiss.

In dieser Situation kam dem aufgeweckten, einige Jahre mit wachem Verstand als Wandergeselle durch die Lande gezogenen jungen Mann eine Idee: eine solide und verläßliche Methode des Geld-Aufbewahrens und der Geld-Anlage musste her. Der Grundgedanke war ebenso einfach wie überzeugend: Besser betuchte Einwohner und/oder Saisonarbeiter sollten ihr nicht sofort benötigtes, (über-) flüssiges Geld für einen festgelegten Zeitraum in sichere Verwahrung geben. Während dieser Zeit konnte es vertrauenswürdigen Nachbarn, die in Not geraten waren oder eine Anschaffung planten, als Leihgabe zur Verfügung gestellt werden. Die „Einleger“ bekamen Guthabenzinsen, die „Darlehensnehmer“ mussten Schuldzinsen bezahlen.

Ende 1816 trug Witte seine Vorstellungen einem Kreis aufgeschlossener Leute seines kleinen Heimatdorfs Eilsen sowie interessierten Einwohnern der Nachbargemeinden vor. Spontan wurde eine Spar- und Darlehensgemeinschaft aus der Taufe gehoben. Als Mitglieder trugen sich hauptsächlich Bauern und Handwerker ein. Starttermin war der 1. Januar 1817. Offizieller Name war „Eilser Sparkasse“. In der Einwohnerschaft sprach man von „Sparlade“.

In einem beinahe heiligen Ritual wurden die beiden Schlösser der Truhe geöffnet. Repro: Gp
  • In einem beinahe heiligen Ritual wurden die beiden Schlösser der Truhe geöffnet. Repro: Gp
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Eine auf die Bedürfnisse der kleinen Leute ausgerichtete Geldeinrichtung war damals – nicht nur hierzulande – eine absolute Rarität. In der weiteren Umgebung gab es ähnliche Initiativen nur in Oldenburg (seit 1786), Göttingen (1801) und Detmold (1804). Selbst in Hannover fing das Gemeinschaftssparen erst einige Jahre später (1823) an.

Die Eilser Einzahler konnten zwischen sechs Beitragsklassen wählen: ein Groschen, zwei Groschen, vier Groschen, acht Groschen oder ein Taler. Die Sparer der Klassen eins bis fünf bekamen 4 Prozent, die der Klasse sechs 3 1/2 Prozent Zinsen. Eine Auszahlung der Einlagen und Zinsen war generell erst nach 16 Jahren möglich. Über Ausnahmen entschied die „Deputierten-Versammlung“. Auch für die Gewährung von Darlehen war die Zusammenkunft der Mitglieder zuständig. „Leihgeld“ wurde anfangs nur an „Colonen des hiesigen Landes“ ausgezahlt.

Damit alles mit rechten Dingen zuging, gab es strenge Statuten. Zur Verwaltung und Beaufsichtigung der Kasse wurden zwei Vorsitzende, ein Rechnungsführer und der so genannte „Ladenherr“ gewählt. Besondere Sorgfalt widmete man der Aufbewahrung und Überwachung der Einzahlungen. Stahlkammern und Tresore gab es noch nicht. Stattdessen wurden die eingezahlten Münzen und Scheine und alle wichtigen Rechnungsunterlagen in einem geräumigen Holzkasten – der sogenannten „Sparlade“ – verwahrt. Sie stand im Hause des Ladenherrn und durfte nur zu ganz bestimmten Anlässen geöffnet werden. Das vollzog sich nach einem strengen, beinahe „heiligen“ Ritual. Die Lade hatte zwei Schlösser. Die beiden verschiedenen Schlüssel trugen der Ladenherr und die beiden Vorsitzenden mit sich. Beim Aufschließen traten sie – in Anwesenheit der festlich gekleideten Deputierten – nacheinander in Aktion.

Ein wichtiger Punkt waren die Regeln zur Unterstützung der älteren und/oder unverschuldet in Not geratenen Mitglieder. 1839 fanden es Vorstand und Deputierte „nach reiflicher Überlegung zweckmäßig, daß dem Gärtner Wiegrebe, der am 7. Februar d. J. durch eine Feuersbrunst großen Schaden erlitten, 20 Reichstaler, sowie auch die Magd daselbst, die auch Interessentin dieser Kasse ist, 5 Reichstaler als Unterstützung aus dem Reservefond ausgezahlt werden“.

Mit ihrem Bekenntnis zu sozialer Verantwortung darf die Eilser Initiative nicht nur als Voläufer, sondern auch als Vorbild der späteren öffentlich-rechtlichen Kassengründungen gelten. In der aktuellen Satzung der Sparkasse Schaumburg klingt das so: „Die Erzielung von Gewinn ist nicht Hauptzweck des Geschäftsbetriebs“.

Die fürstlich-schaumburg-lippische Obrigkeit sah dem Treiben der Eilser lange Zeit misstrauisch, aber tatenlos zu. Dann, knapp 20 Jahre nach ihrer Gründung wurde die Sparlade offiziell anerkannt. „Wir befehlen Jedermann, die Eilser Sparkasse als ein von Uns landesherrlich bestätigtes öffentliches Institut anzusehen, dessen statutenmäßig erwählte Administratoren ermächtigt sind, allenthalben, es sei gerichtlich oder außergerichtlich, den Nutzen und des Beste der Anstalt zu besorgen und zu vertreten“, ließ Fürst Georg Wilhelm seine Untertanen 1834 wissen.

Zu dieser Zeit konnte das Geldinstitut bereits beeindruckende Zahlen vorweisen. Der Kasse gehörten mittlerweile 275 Mitglieder an. Das Kapital betrug 7850 Reichstaler. Und das Zinsguthaben war auf mehr als 1000 Reichstaler angewachsen.

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