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Den Angehörigen der toten Soldaten blieb nichts – außer dem Dank des Kaisers und Vaterlandes

Die Ehre des Sterbens

Von 33 000 Soldaten aus dem Wehrbezirk Hameln kehrten 5600 nicht von den
Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zurück. Die meisten ruhen auf Soldatenfriedhöfen
in Frankreich.

Von Wilfried Altkrüger und Bernhard Gelderblom

veröffentlicht am 05.08.2014 um 11:58 Uhr

Das Grab von Friedrich Wilhelm Meyer- Hermann im Städtchen Ruyaulcourt. Museum Hameln

Als der 20-jährige Friedrich Wilhelm Meyer-Hermann aus Hameln zu Beginn des Krieges seine Einberufung erhält, meldet sich auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Karl als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Karl, der noch Schüler ist, will hinter seinem Bruder nicht zurückstehen. Beide erhalten am 11. August 1914 ihre Uniform. Nach kurzer Ausbildung stehen sie am 9. Oktober 1914 bereit, um für das 164er Regiment in den Krieg zu ziehen.
Mit den Worten „Dem Gefallenen steht der Himmel offen“ hat Pastor Heine die Soldaten ins Feld verabschiedet. Friedrich Wilhelm, der ältere der Brüder, fällt in der Schlacht an der Somme. Er stirbt hinter der Frontlinie, als eine verirrte Granate am 19. Oktober 1916 die Unterkunft der Soldaten im nordfranzösischen Dorf Villers-au-Flos trifft.
1916 hatten Briten und Franzosen in einer Großoffensive an der Somme die Front der Deutschen mit schwerstem Artilleriefeuer zu durchbrechen versucht. Die Schlacht begann am 1. Juli und wurde ohne militärische Entscheidung am 18. November abgebrochen. Mit über einer Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten war sie die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs.
Wie alle Angehörigen erhielten die in Hameln lebenden Eltern von Friedrich Wilhelm Meyer-Hermann ein farbiges Gedenkblatt. Der Druck im DIN-A3-Format zeigt einen Engel, der einem friedlich am Boden liegenden Soldaten einen Eichenzweig überreicht. Oben steht der Bibelspruch: „Wir sollen auch unser Leben für die Brüder lassen.“ Unten befindet sich im Lorbeer-Rahmen samt Eisernem Kreuz eingedruckt der Satz: „Er starb fürs Vaterland.“
Das Gedenkblatt für die Hinterbliebenen hatte Kaiser Wilhelm II. am 27. Januar 1915 gestiftet. Es sollte den Angehörigen als bleibende Erinnerung dienen. Es hing damals als schwacher Trost in vielen deutschen Wohnzimmern. Gut ein Jahr später bekamen die Eltern Meyer-Hermann erneut einen Brief. Er enthielt das Gedenkblatt für den am 26. Oktober 1917 in Frankreich gefallenen jüngeren Bruder.
Friedrich Wilhelm wurde im Städtchen Ruyaulcourt begraben. Ein Foto zeigt hinter einem aufgeschütteten Grabhügel ein hölzernes Kreuz mit der Inschrift „Hier ruht Leutnant der Reserve Meyer-Hermann“ samt Angabe des Todesdatums. Das Grab liegt inmitten eines Soldatenfriedhofs, der während der Somme-Schlacht von Juli 1916 bis März 1917 und noch einmal im August 1918 belegt wurde. 405 deutsche Soldaten waren hier bestattet. Wie viele kleinere Gräberstätten wurde der Friedhof 1924 verlegt.
Auf dem Kirchhof des Dorfes Boiry – nicht weit entfernt von Ruyaulcourt – legte das 164er Regiment einen Friedhof für mehr als 200 tote Kameraden an. Steinmetze, die in der Truppe dienten, schmückten ihn mit einem steinernen Denkmal. Am schweren Sockel hängen Lorbeerkranz und blankes Schwert. Die knappe Inschrift lautet: Das Hannoversche Infanterieregiment Nr. 164 – Den hier gefallenen Kameraden.
Als die französischen Behörden den Friedhof in Boiry auflösten und die Toten auf den zentralen Friedhof in Neuville-St. Vaast umbetteten, wurde auch das Denkmal umgesetzt.
In Neuville-St. Vaast, einem Sammelfriedhof für deutsche Kriegstote aus dem Raum nordöstlich von Arras, sind 44 888 Soldaten bestattet. Neuville-St. Vaast ist damit der größte deutsche Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges in Frankreich. Die Umbettung der bis dahin provisorisch beigesetzten Toten erfolgte aus mehr als 110 Feldgräbern im Département Calais. Groß war die Zahl der Gefallenen, deren sterbliche Überreste man beim Aufräumen des ehemaligen Schlachtfeldes fand. Noch heute werden Tote bei Bauarbeiten geborgen.
Gefallene Soldaten wurden in der Regel nicht in ihre Heimat überführt, sondern auf Friedhöfen hinter der Front bestattet. Angesichts zahlreicher Versuche von Angehörigen, ihre Söhne oder Enkel in die Heimat zurückzuholen, hatte das Kriegsministerium im Januar 1915 Bestimmungen über die Rückführung vom Kriegsschauplatz in die Heimat erlassen. Die Dewezet unterrichtete ihre Leser darüber am 30. Januar 1915. Voraussetzung für eine Genehmigung war, dass es sich um ein Einzelgrab handelte. Massen- und Reihengräber durften nicht geöffnet werden. Grundsätzlich musste ein Verwandter oder Freund hinzugezogen werden, der bei der „Agnoszierung der Leiche“ mitwirken sollte. Die Überführung durfte nur mit Eisenbahn oder Pferdefuhrwerk geschehen. Die Verwendung von Kraftwagen war verboten. Waren alle bürokratischen Hürden genommen, blieben noch die hohen Kosten. Ein Berliner Bestatter bot die Rückführung Gefallener zum Preise von 900 Mark an.
Das Kriegsministerium sah die Rückführung von Leichen in die Heimat als etwas außerordentlich Störendes an. Es vertrat den Standpunkt: „Der für sein Vaterland Gefallene ruht am Ehrenvollsten im Soldatengrab, wo er stritt und fiel, inmitten seiner Kameraden, deren Ruhe nicht um Eines willen gestört werden darf. Kameraden haben dort an vielen Grabstätten bereits harmonisch wirkende Anlagen geschaffen, die erhalten bleiben sollen.“
So verwundert es nicht, dass in Hameln Soldatengräber aus dem Ersten Weltkrieg selten sind. Auf dem Garnisonsfriedhof existiert ein Gräberfeld von Männern, die in den Hamelner Lazaretten gestorben sind. Auf dem Friedhof Wehl gibt es ein großes Gräberfeld von Russen und Serben, die im Kriegsgefangenenlager ihren Krankheiten erlagen. Die dort ebenfalls beerdigten britischen, französischen und belgischen Soldaten wurden in den 1920er Jahren in ihre Heimatländer überführt. Zwei Gräber von Kriegsgefangenen jüdischen Glaubens haben sich auf dem jüdischen Friedhof erhalten.
Wie viele tote Soldaten hatte eine Stadt wie Hameln im Ersten Weltkrieg zu beklagen?
Aus dem Wehrbezirk Hameln wurden von 1914 bis 1918 mehr als 33 000 Soldaten an die Front kommandiert. 5600 Männer von ihnen fielen, blieben vermisst oder starben an Verwundungen und Erkrankungen. Bis 1922 wurden in der Stadt Hameln 612 tote und vermisste Soldaten registriert. Diese Zahl bezieht sich allerdings allein auf die Gefallenen der Münster- und Marktkirchengemeinde. Die Zahl der Gefallenen, die einer anderen oder keiner Religionsgemeinschaft angehörten, ist nicht bekannt.
Im Landkreis (einschließlich Pyrmont) waren es 2019 Menschen, die starben oder vermisst blieben. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zur Bevölkerung, so ergibt sich für den Kreis Hameln-Pyrmont ein Wert von 42 Gefallenen je tausend Einwohner. Für das Reichsgebiet lag der Durchschnittswert bei 26.
Aus der ländlichen Bevölkerung wurden mehr Rekruten gezogen als aus der städtischen Arbeiterschaft. Überdurchschnittlich hohe Todesraten haben zum Beispiel die Gemeinden der Ottensteiner Hochebene zu verzeichnen: Hier kommen 119 Tote und Vermisste auf 1470 Einwohner (81 auf tausend Einwohner). Auch die Ortschaft Hilligsfeld lag mit 36 Gefallenen bei 640 Einwohnern (56 auf tausend Einwohner) sehr hoch, wobei Klein Hilligsfeld mit 19 Toten bei 179 Einwohnern eine extreme Rate zu verzeichnen hatte.
Insgesamt fielen in Deutschland etwa zwei Millionen Männer. 2,7 Millionen Soldaten kamen schwer verletzt oder psychisch traumatisiert heim.
Aber nicht nur dadurch schrumpfte die Bevölkerung. Obwohl der Krieg kaum auf deutschem Boden stattfand und die Bevölkerung von Kriegshandlungen fast nur in Ostpreußen betroffen war, forderte der Krieg auch eine hohe Zahl von Toten unter den Zivilisten. Im Winter 1916/17 starben 700 000 Menschen an Hunger und 1918 300 000 an Grippe. Hinzu kam der Ausfall von 3,3 Millionen Geburten von April 1915 bis August 1919. Damals war die Zahl der Geburten um 40 Prozent zurückgegangen.
Für die Stadt Hameln liegt die Zahl der zivilen Kriegstoten bei etwa 400 und damit über dem Reichsdurchschnitt. Der Geburtenrückgang wirkte sich mit rund 956 fehlenden Neugeborenen aus.

3 Bilder
Friedrich Wilhelm und Karl Meyer-Hermann im Oktober 1914. Foto: pr


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