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Die "Weserflößer Reinhardshagen" kämpfen (nicht nur) für die Nachhaltigkeit in der Natur

Die Demokratie beginnt am nächsten Weserufer

Fuhlen/Rinteln. Irgendwo, weit hinter Fuhlen, eine gute Stunde nach dem Ablegen, nimmt sich Eckhard Meyer eine Kladde mit stilechtem Holzeinband und beginnt niederzuschreiben, wie es denn gestern war. Gut war es, wird er notieren, rund 500 Menschen haben den Flößern in Fuhlen einen herzlichen Empfang bereitet. Sicher, man ist gut befreundet mit den Fuhlener Flößern, aber von einem Tag auf den anderen eine größere Veranstaltung zu stemmen, das gelingt auch nicht jedem. Manchmal wollen sie auch nicht, wie in Hameln, wo die Flößer nicht so empfangenwurden, wie sie es erwartet hatten. "Aber wir haben dem Rattenfänger trotzdem einen Taler gegeben", erzählt Meyer, während er einträgt: Namen, Adressen, E-Mails, Handy- und Dienstnummern von potenziellen Ansprechpartnern.

veröffentlicht am 21.07.2008 um 00:00 Uhr

Autor:

Frank Westermann

1990 hat alles begonnen, da haben neun Männer einwiederverwendbares Kleinfloß gebaut. Und die Faszination des Flößens hat sie nie wieder losgelassen, die "Weserflößer Reinhardtshagen". Als der NDR vor fünf Jahren eine Mannschaft für den Bau eines Fernsehfloßes suchte, waren sie zur Stelle. Vor zwei Jahren reifte dann der Plan, selber ein Floß zu bauen und von Reinhardshagen bis nach Bremen zu schicken. Man suchte Verstärkung - und fand das Büro "Lebendige Weser" . Heute umfassen die Floßfreunde 15 Akteure, ein gutes Dutzend ist auf der Weser im Sommer 2008 unterwegs. Sie flößen für die gute Sache, denn ein Signal soll das schwimmende 100 Tonnen schwere Holzungetüm sein: Im Sinne einer nachhaltigen Holznutzung in nachhaltig bewirtschafteten Wäldern, ein Anliegen, das vom Holzabsatzfonds wirkungsvoll gefördert wird. "Dort gab es drei Fördertöpfe, aus einem gab es Geld", erzählt Christian Schneider später: "Aus dem für die Öffentlichkeitsarbeit." Denn die "Weserflößer Reinhardshagen" sind keineswegs eine Truppe von Männern im besten Alter, die auf der Weser noch einmal die Abenteuer ihrer Jugend nachspielen und sich abends mit ein paar Bierchen zuprosten wollen, sondern... Ja, was sind sie eigentlich ? Menschen mit einer Mission? Weltverbesserer? Überzeugungstäter im besten Wortsinne? Hermann-Josef Rapp würde es vielleicht so ausdrücken - wenn er denn sprechen könnte. Kann er aber nicht, denn er muss vorne drücken, drücken, drücken. Denn ein Floß wird nicht wirklich gesteuert, es lässt sich treiben. Hinten steht Claus Schellenberger und drückt mit dem Ruder das Floß in die Flussgegend, inder es treiben soll, vorne stehen zwei bis vier Mann, die ebenfalls mit einer Art Ruder das Wasser wegdrücken - es ist schwere Arbeit, fast vier Stunden dauert die Fahrt von Fuhlen bis nach Rinteln, der Wind greift hart nach dem Floß, die Kraft des Wassers ist nicht zu unterschätzen, "los, los, los", schreit Schellenberger - und das Quartett vorn drückt, drückt, drückt. Diskutiert wird nicht, Schellenberger ist der Chef an Bord, sein Wort gilt - die Demokratie beginnt wieder am nächsten Weserufer. Während Hermann-Josef Rapp also drückt, erzählt Christian Schneider von dessen Mission. Rapp ist Revierförster und kämpft in Beberbeck gegen kapitalistische Windmühlen. In der Nähe von Hofgeismar soll in einem Waldgebiet Deutschlands größte Ferienanlage gebaut werden: Fünf Hotels, 600 Apartments, künstliche Seen, Trabrennbahn und Golfplätze. In der strukturschwachen Region könnten 2000 neue Arbeitsplätze entstehen. Wird mitten im geschichtsträchtigen Reinhardswald ein Tourismus-Märchen wahr? Oder wird es zum Albtraum für die Umwelt? Für Rapp keine Frage: "Da kommt der programmierter Leerstand." An Bord hat er drei Pflanzen, "unsere wichtigste Fracht", wie Meyer erklärt: Einen Ableger von Deutschlands ältesten Apfelbaum, eine kleine Gerichtslinde und eine Jung-Eiche. Alles soll in Bremen in einem botanischen Garten gepflanzt werden, damit wäre symbolträchtig der verbindende Wasser-Bogen auch beim Holz geschlagen. Christian Schneider ist Geschäftsführer vom "Büro am Fluss - Lebendige Weser" in Höxter und war früher, in einem anderen Leben, Landschaftsarchitekt, bis er keine Lust mehr hatte, "Pläne zu zeichnen, die dann im Schrank verschwinden". Jetzt ist er mit den Flößern Netzwerker, hinter ihnen stehen die Deutsche Umwelthilfe, die Hochschule Ostwestfalen, Ex-Umweltminister Klaus Töpfer als Schirmherr der Floß-Aktion, und und und. Schneider und seine Mannen haben jede Hilfe nötig, denn bei Fragen rund um die Weser müssen unterschiedliche Interessen unter einem Dach vereint werden: Anrainer, Kommunen, Landkreise, Torismusverbände, Sportler und Angler, um ein paar wenige zu nennen. "Kein Landkreis wird das Problem der Salzbelastung oder die Versenkung des Salzabwassers allein lösen", sagt Schneider, der auch auf den Nachwuchs setzt. Allein zehn Schulen in Nordrhein-Westfalen arbeiten mit der "Lebendigen Weser" zusammen, haben Bachpatenschaften übernommen (nicht unter drei Jahren, wegen der Nachhaltigkeit) und viele Betreuer und Lehrer (Multiplikatoren nennt sie Schneider) in Seminaren aus- und fortgebildet, denn "Projekte mit Kindern bringen schnelle Erfolge". Gleichzeitig versucht das "Büro am Fluss", "die fachlichen Komponenten anzufassen", sagt Schneider. Etwa beim Salz, wo sie erst Expertenrunden zusammenstellten, aus denen dann ein Strategiepapier entwickelt wurde, das wiederum als Forderungskatalog zusammengefasst wurde. "Es war wichtig, dass nicht jede Kommune ihr eigenes Ding macht", betont Schneider. Den Forderungskatalog haben über 100 Verbände, Kommunen, Landkreises unterschrieben, nicht ganz zu Unrecht kann der Mann aus Höxter darauf verweisen, dass "Millionen von Menschen dahinter stehen". Um ihre Natur-Anliegen den Menschen näher zu bringen, haben sie das Floß gebaut. "Wir müssen Öffentlichkeit suchen", sagt Schneider. Dass sie von eiligen und oberflächlichen Medien zumeist auf einen Trupp Nostalgiker reduziert werden, die an eine 50 Jahre zurückliegende Tätigkeit erinnern, dass sie in manchen Städten nicht so willkommen sind - geschenkt. Denn dann gibt es auch wieder diese magischen Momente wie in Fuhlen, wo 500 Menschen warten, wie in Rinteln, wo ihren 1000 Bürger bei der Ankunft applaudieren - Momente, die dazu führen, dass man sich abends zusammensetzt, miteinander redet und sein inhaltliches Anliegen erklärt. Von einem Gefühl können die Weserflößer dabei auch noch erzählen. Es ist ein Gefühl, das nur der Fluss einem schenken kann: Flößer waren und sind Menschen, die ihren Beruf im Einklang mit der Natur ausüben. Und damit auch im Einklang mit sich selbst ruhen.



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