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So reagieren die Hamelner auf die Insolvenz-Nachricht der bislang erfolgreichen Unternehmensgruppe

Die Cemag-Pleite schlägt ein wie eine Bombe

Hameln. Tränen liefen über die Wangen des Machers, als er in einer Betriebsversammlung verkünden musste, dass der Gang zum Insolvenzrichter unausweichlich sei. Ali Memari Fard gilt zwar als ein knallharter Geschäftsmann, doch das Eingeständnis, dass sein „Lebenstraum zerstört ist“, ging Fard vor seinen Mitarbeitern gestern alles andere als leicht über die Lippen.

veröffentlicht am 17.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Thomas Thimm

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Die Insolvenz der fast kompletten Cemag-Firmengruppe – nicht betroffen ist die MEM-Bau GmbH – hatte sich für Insider in den letzten Tagen zumindest angedeutet: Immer wieder kam es zu Gesprächen mit Bankenvertretern, zuletzt kam sogar eine Bankenrunde zusammen, weil den Cemag-Firmen die Liquidität fehlte. Ob die Zahlungsunfähigkeit plötzlich auftrat oder schon seit längerem erkennbar gewesen sein muss, blieb gestern für die Öffentlichkeit unklar. Auch zu den Gründen der ausbleibenden Zahlungen wollte Ali Memari Fard nicht viel sagen. Fard erklärte gegenüber der Dewezet lediglich: „Durch die Wirtschaftskrise haben viele Kunden ihre Projekte verzögert und zahlen nicht. Dadurch entstand bei uns eine Lücke von 20 Millionen Euro und die Liquidität ist nicht mehr gegeben.“ Die Banken, so heißt es bei Fard, hätten „dem Unternehmen keine Zeit mehr gegeben“. Nun wird der Insolvenzverwalter entscheiden, was aus der Cemag-Gruppe mit ihrem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro und den 400 Mitarbeitern werden wird.

Einen Betriebsrat gibt es bei Cemag nicht

Die Mitarbeiter gehen in eine ungewisse Zukunft, viele von ihnen sind erst in den letzten Jahren von dem Glanz des stets als innovativ und auf allen internationalen Märkten heimisch geltenden Unternehmens nach Hameln gezogen worden. Fard will nach eigener Aussage „so viel retten wie möglich und die Unternehmen weiterführen, wenn das auch der Insolvenzverwalter für richtig hält“. Für die Mitarbeiter geht es um die Existenz, hieß es doch gestern hier und dort bereits, dass nichts mehr zu retten sei und in drei Monaten alle Tore verschlossen seien. Wirklich auskunftsfreudig zeigen sich die wenigsten der Cemag-Mitarbeiter, in den meisten Fällen will man einfach nicht mit dem Namen in der Presse stehen. Erzählungen von einem hierarchisch geführten Unternehmen sind zu hören, fest steht aber nur: Bei Cemag gab es keinen Betriebsrat.

Jutta Krellmann von der IG Metall bestätigt: „An Betriebsrat war bei Cemag nicht zu denken. Wir haben dort einzelne Mitglieder, aber auch die sind eher auf Tauchstation.“ Die Insolvenz, so Krellmann, „überrascht mich nicht wirklich“. Schließlich, so führt die Gewerkschafterin aus, habe Fard „viel Geld in vielen Bereichen investiert, und dabei können Firmen schnell ins kurze Gras kommen. Ein bisschen Großmannssucht war schon dabei.“

Bekam den Innovationspreis 2008: Cemag-Chef Ali Memari Fard. Foto: Dana

Das will Hamelns Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann nicht beurteilen, ihr geht es mehr um „den Schlag, den die Insolvenz der Stadt Hameln versetzt“. Die Arbeitsplätze seien das Allerwichtigste für die Stadt, Ziel könne nur sein, „so viele wie möglich davon zu retten“. Allerdings hätte auch eine Landesbürgschaft, um die man sich noch in den letzten Tagen mit vereinten Kräften bemüht habe, dieses zum Ziel gehabt – allein: „Die Banken haben nicht mitgespielt.“ Von den beteiligten Banken gab es dazu keinerlei Auskünfte.

Natürlich treffe die Insolvenz „einen wichtigen Gewerbesteuerzahler“, so Lippmann. Aber sie treffe eben auch einen Arbeitgeber, der in den letzten Jahren „sehr viel investiert und sehr viel gebaut hat, sehr innovativ gewesen ist und für die Zukunft noch große Pläne gehabt“ habe. So habe Cemag das real,-Gelände im Hottenbergsfeld gekauft, um dort eine Fachhochschule für Ingenieure zu gründen. Auch wenn aus diesen Plänen wohl nichts mehr werden wird, Lippmann hofft: „Eine Insolvenz kann auch bedeuten: Fortführung des Unternehmens unter neuer Flagge und neuer Führung.“

Viele Millionen stecken in großen Bauten

Auch eine ganze Reihe von Unternehmen hofft, dass die Cemag-Gruppe noch irgendwie den Dreh hinbekommt. Lieferanten und Handwerker fordern ihr Geld, auch Große der Branche wie Heidelberger Zement wollen noch etwas von der Cemag. Volksbank-Vorstandschef Heinz-Walter Wiedbrauck weiß: „Viele unserer Kunden aus dem mittelständischen Handwerk sind betroffen, weil sie auf offenen Rechnungen sitzen.“

Fard will alle Rechnungen bezahlen und seinem Ruf als Geschäftsmann gerecht werden. Er hat die Cemag 1995 in einem Hinterhof an der Deisterstraße gegründet und lange Zeit hart für den Erfolg kämpfen müssen. Aus dem anfänglichen Vier-Mann-Betrieb machte Fard ein weltweit operierendes Industrieunternehmen mit Dependancen in Teheran und Tripolis. Die Cemag-Gruppe ist mehrfach für ihre innovativen Ideen ausgezeichnet worden.

Den Hamelnern ist Fard allerdings vor allem auch durch große und luxuriöse Bauten ins Blickfeld gerückt: So investierten seine Unternehmen in einen städtischen Firmensitz am Wall, eine moderne Firmenzentrale im Hottenbergsfeld sowie in das altehrwürdige Klütturm-Restaurant Millionen um Millionen.



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