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„Der Skulptur auf der Spur“: Erich Lethgaus „o.T.“ steht und verdreckt seit 1984 am Finanzamt

„Die Bombenjahre sind längst vorbei“

Hameln. Sie stehen im Bürgergarten, an der Weser, in der Fußgängerzone: Skulpturen gibt es in Hameln nahezu überall. Woher kommen sie? Weshalb zieren sie den jeweiligen Standort? Und wie lange schon? Julia Marre hat sich umgesehen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche stellen wir in loser Folge vor. Heute: „o.T.“ von Erich Lethgau.

veröffentlicht am 11.05.2011 um 15:39 Uhr
aktualisiert am 18.07.2011 um 18:06 Uhr

Es sei „eine einzige Sauerei“, kommentiert Erich Lethgau den Status seines namenlosen Objektes an der Süntelstraße. Eine Sauerei, „weil es dermaßen verdreckt ist“, ärgert sich der Künstler. In Lübeck betreibt er eine Galerie an der Hüxstraße. Werke junger Künstler zeigt er dort. „In den vergangenen 15 Jahren habe ich erst einmal selbst ausgestellt“, sagt der 70-jährige Galerist. „Der Anfang ist schwierig, daher möchte ich Absolventen der Kunsthochschule Aufträge vermitteln und Ausstellungsmöglichkeiten bieten.“ Lethgau, der in Hamburg an der Kunsthochschule studierte, gibt dem Künstlernachwuchs Ratschläge. Was aber zu tun ist, wenn ein Kunstwerk so verkommt wie seines in Hameln, gibt auch ihm Rätsel auf. „Es wäre schön, wenn jemand die Pflege übernehmen könnte.“

Überhaupt: Manchmal sei er beim Besuch seiner Werke in Norddeutschland „böse überrascht“ und findet „immer ein bisschen schade“, was aus ihnen wird.

1984 noch sah das anders aus. Die Begeisterung in Hameln sei groß gewesen, berichtet der Künstler, der an der Süntelstraße die Betonelemente lackierte. Gefertigt hat er sie in Schleswig-Holstein und dann mit einem Tieflader angeliefert. „Was soll das denn?“, haben Passanten ihn damals gefragt, erinnert sich Lethgau. Mancherorts sei seine Arbeit im öffentlichen Raum kritisiert worden. „Dafür kann man einen Krippenplatz schaffen oder einen Baum pflanzen“, sind Kommentare, mit denen Lethgau bei seiner Arbeit konfrontiert worden ist. In Hameln jedoch sei es ruhig geblieben.

2 Bilder

Bei der hannoverschen Oberfinanzdirektion hat Erich Lethgau damals einen Wettbewerb gewonnen. Ausgeschrieben worden war eine Gestaltung der Eingangssituation des Finanzamtes. Die Umsetzung hat das damalige Staatshochbauamt in Hameln planend begleitet. So zumindest ist es in den Bauunterlagen des Finanzamtes nachzulesen. Dort, beim heutigen Staatlichen Baumanagement Weser-Leine, heißt es: „Wir müssen suchen.“ Durch Umzüge und Zusammenlegung der Ämter seien die Archive „zurzeit nicht so gut geordnet“. Karsten Pilz, Pressesprecher von der Oberfinanzdirektion Niedersachsen, hingegen weiß: „Der Künstler hat den Wettbewerb damals gewonnen, weil er ein interessantes Eingangskonzept vorgelegt hat.“ Ausschlaggebend sei auch die für damalige Verhältnisse „ungewöhnliche farbliche Gestaltung“ gewesen. Nicht nur am Eingang, sondern auch an dessen Rückseite und in der Kantine habe sich Lethgau etwa mit einem Relief an der Gestaltung beteiligt.

Sein Betonmonument hat der Lübecker sich zuletzt vor sieben Jahren angesehen. „Je nach Ausgangspunkt verändert sich die Form, es ist ein Spiel mit Licht und Schatten“, erklärt Lethgau sein Konzept. Sein Objekt vor dem Haupteingang des Finanzamtes ziert eine fünf bis sechs Meter hohe Markierungsstande. Mittlerweile hat sich Lethgau von großen Skulpturen abgekehrt. „Im Moment fertige ich kleine Arbeiten“, sagt der Künstler. Sie seien besser für Ausstellungen geeignet. Und „die Bombenjahre“, sagt Lethgau, „in denen Kunst im öffentlichen Raum gefördert wurde, sind längst vorbei“.

So antwortet auch Pressesprecher Karsten Pilz „leider mit einer Standardausrede“ auf die Frage, warum „o.T.“ nicht gepflegt wird: „Natürlich haben wir erkannt, dass etwas getan werden müsste. Aber durch die schlechte Haushaltslage geht ein undichtes Dach vor.“

Lesen Sie auf dewezet.de die Texte der Serie „Der Skulptur auf der Spur“.

Mit dem beim Bootsbau benutzten DD-Lack hat der Künstler seine Betonobjekte damals vor Ort lackiert.

Fotos: Wal



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