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Gefährdetenhilfe als Alternative zu Erziehungscamps / Arbeitstraining dient Ausstieg aus dem Drogenkonsum

"Die beste Therapie ist das normale Leben!"

Bad Eilsen (tw). Erziehungscamps für Jugendliche? Was von Politikern im Zuge der Hessenwahl kontrovers diskutiert wurde, gibt's an der Arensburger Straße schon seit 20 Jahren. Das allerdings in der speziellen Bad Eilser Variante, die unter der Maxime steht: "Die beste Therapie ist das normale Leben!" Statt Härte gibt's viel Aufmerksamkeit - und Geduld.

veröffentlicht am 30.01.2008 um 00:00 Uhr

Es funkt: Eugen (20) poliert in der Werkstatt der Gefährdetenhil

Getreu diesem Motto kümmert sich Viktor Brakowski (45), Leiter der im April 1988 gegründeten Gefährdetenhilfe Bad Eilsen e. V., um Jugendliche, die - meist als Folge von Drogenkonsum - auf die schiefe Bahn geraten sind oder zumindest zu geraten drohen. Sein Verein ist dem Diakonischen Werk der ev. Kirche in Schaumburg-Lippe angeschlossen. Der Bedarf an Hilfe ist bei den Gefährdeten enorm; bei einer Aufenthaltsdauer von im Schnitt zwei Jahren ist die Einrichtung, die sich allein durch Spenden und den Erlös des Zweckbetriebs trägt, derzeit ausgebucht. 30 Menschen sind's, die unter der Regie von Brakowski und seiner elf Mitarbeiter in von Hauseltern geleiteten Wohngemeinschaften an das "normale Leben" gewöhnt werden; zwei dieser Kleingruppen gibt's in Bad Eilsen, jeweils eine in Rolfshagen, Oerlingausen-Helpup und seit 2007 auch in Blomberg. Das Konzept scheint aufzugehen, denn: "Sechs der elf Mitarbeiter", sagt der Leiter, "sind selbst ehemalige Bewohner". Einmal mehr bestätigt sieht sich Brakowski, durch die jüngste Diskussion über "Erziehungscamps" aufgeschreckt, durch den jüngsten Fall eines 23-Jährigen Mindeners, der offenbar die falschen Freunde hatte, zuletzt in der Stadthäger Obdachlosenunterkunft lebte - und nun an der Arensburger Straße die ersten Schritte in ein normales Leben versucht. Brakowski: "Obwohl ich anfangs skeptisch war, haben wir den jungen Mann in eine Wohngemeinschaft aufgenommen. Dort entwickelt er sich prächtig." Der 23-Jährige möchte eine Malerausbildung machen. Was auch geht, weil die Gefährdetenhilfe seit 2007 einen eigenen Meister hat. Für alle 30 Jugendlichen gilt: Sie hängen in den Wohngemeinschaften nicht "herum", sondern nehmen an dem vom Verein finanzierten Arbeitstrainung teil. Das begann bei der Gefährdetenhilfe zunächst mit Tätigkeiten im Garten- und Landschaftsbau, wo Brakowski in Kürze sogar eine Lehrstelle schaffen will. Typische Arbeiten sind etwa das Neugestalten und die Pflege von Gartenanlagen, Ausschachten und Pflastern; auch für Entrümpelungen und Umzüge stehen die jungen Männer bereit. Hinzugekommen ist jüngst - wie gesagt - der Bereich "Malen". Die Jugendlichen bestreiten ihren Lebensunterhalt allein aus der Sozialhilfe respektive Hartz IV-Mitteln. Etwaige Gewinne aus ihrer Tätigkeit werden in den Betrieb der Gefährdetenhilfe investiert. Brakowskis Appell: "Die Gesellschaft sollte sich den Gefährdeten gegenüber stärker öffnen." Und "seine" Jugendlichen zum Beispiel vermehrt in die örtlichen Vereine integrieren. Denn eines ist für den Bad Eilser klar: "Wenn wir diese Menschen nicht erst aus der Gesellschaft ausstoßen, brauchen wir sie später auch nicht - mühsam - wieder zurückholen." Ziel der Gefährdetenhilfe für 2008: "Wir wollen einen Geräteschuppen errichten, in dem wir eine kleine Werkstatt unterbringen möchten", sagt der Leiter. Dort sollen Dinge wie Bohrer, Fräsen und Rasenmäher repariert werden, die beim Arbeitstraining kaputt gegangen sind. Bislang erfolgen diese Reparaturen in zwei - zugigen - Garagen. Brakowski: "Wenn uns also jemand Baumaterial spenden möchte ..." Kontakt: Gefährdetenhilfe Bad Eilsen e. V., Arensburger Straße 9a - 9c, Tel. (0 57 22) 8 14 22, Fax (0 57 22) 8 50 23.

Dennis (19) fräst in der Werkstatt derGefährdetenhilfe für eine
  • Dennis (19) fräst in der Werkstatt derGefährdetenhilfe für eine Firma die Aufhänger von Gardinenstangen. Viktor Brakowski (r.) lobt: "Gute Arbeit."

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