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"Ich will in die erste Liga kommen": Alexander Bellendir drechselt kleine Wunderwerke

"Die Berufswelt wollte mich nicht mehr"

Gelldorf. Wer in "Eggelmann's Hofcafè" in Gelldorf Station macht und dann auf dem Hofgelände eine kleine gemütliche Holzwerkstatt entdeckt, der muss denken: Die gab es hier schon immer! Die Remise, vollgestellt mit eigenartigen Hölzern aus aller Welt und mit ganz besonderen Schalen, Dosen und anderen Holz-Kunststücken, sie wurdeaber erst vor einem dreiviertel Jahr eröffnet und ist der Ort, an dem Alexander Bellendir (54) ein neues Leben begann.

veröffentlicht am 23.05.2007 um 00:00 Uhr

Kapitulieren oder durchstarten: Alexander Bellendir hat seine Wa

Autor:

Cornelia Kurth

Der gelernte Bau- und Möbeltischler hatte zwar von Kindheit an eine Vorliebe fürs Bauen und Basteln mit Holz, in seinem Haus gibt es nichts Hölzernes, was nicht durch seine Hände gegangen ist, aber beruflich entschloss er sich dann doch, als "Söldner" der Metallindustrie bei Otis zu arbeiten. 30 Jahre lang gehörte er zur Belegschaft, was allerdings nichts daran änderte, dass sein Arbeitsplatz quasi von Heute auf Morgen weggekürzt wurde. "Die normale Berufswelt wollte mich nicht mehr", sagt er. "Ich hatte nur noch die Wahl, zu kapitulieren oder auf einem ganz neuen Weg durchzustarten." Jetzt, da er sich mit seinen gedrechselten und oft unglaublich schönen Stücken erfolgreich auf dem "Bückeburger Weihnachtszauber" und anderen Märkten bewährte und überhaupt rundherum auf große Resonanz, ja Bewunderung stößt, scheint sein Weg in die Selbständigkeit ganz gradlinig zu sein. "Aber dreieinhalb Jahre Arbeitslosigkeit ohne Aussicht auf Wiedereinstellung - das war einfach deprimierend." Immerhin hatte er, zunächst nur als Hobby gedacht, Kurse an einer Drechselschule belegt, deren Adresse er beim nächtelangen Suchen nach einer neuen Berufsmöglichkeit im Internet entdeckte. Während er unzählige vergebliche Bewerbungsschreiben formulierte, stand er immer wieder in seiner Werkstatt und experimentiertean der Drechselbank. Nach einem Existenzgründungsseminar dann und den vielen Ermutigungen durch Leute, die in derselben Situation waren wie er, entwickelte sich eine richtige "Existenzgründungs-Euphorie" und er wagte daran zu glauben, dass er als Kunstdrechsler etwas werden könnte. "Zeitlos Gedrechseltes" nennt sich seine Werkstatt, die jederzeit mit ihren kleinen Wundern offensteht für Besucher, denn "wenn ich vorher einen Achtstundentag hatte, so sind es jetzt immer 10 bis 12 Stunden an fast jedem Tag der Woche", sagt er. Die heimischen Hölzer liebt er am meisten, vor allem dann, wenn sie ganzen Pilzkolonien als Wohnung dienten und dadurch mit rätselhaften Maserungen durchzogen sind, die kein Künstler zustande bringen könnte. Aus ihnen macht er breite und hohe Schalen, manchmal auch nur Kugeln, die durch die individuelle Struktur des Holzstückes wie eine Skulptur wirken. Ganz phantastische Hölzer, wie zum Beispiel die australische Goldfield-Knolle oder alte dunkle Zaunpfähle aus Eukalyptus, deren raue Oberfläche zeigt, dass sie mitten im Busch standen, sie werden oft zu flachen Schalen, in denen Wurzelentwicklungen wie Feuerflammen wachsen oder unterschiedliche Farbschichten Landschaften bilden, viel zu schön, um sie alltäglich zu nutzen: "Aus wilden Wurzeln werden gezähmte Teller", sagt er. "Wenn die Leute fragen: Was soll ich da drauf legen? Dann sage ich: Gar nichts! Die Schönheit des Holzes reicht aus!" Natürlich fertigt er auch "Wald- und Wiesenschalen", einfache, glatte Holzschalen für Obst und Gemüse, die durchaus ihren Reiz haben und sehr gerne gekauft werden. Manchmal kann man in seine Werkstatt kommen, und dann steht er da im "Ostfriesennerz", im Regenmantel, vollkommen nass gespritzt, weil er feuchte Hölzer in seine Drechselmaschine gespannt hat, die das Wasser meterweit herumspritzen. Auf diese Weise kann er auch ganz tiefe Schalen drechseln, das wäre mit trockenem Holz vollkommen unmöglich. "Ich will jetzt in die 1. Liga kommen", sagt er, mit einem Teller in der Hand, der kunstvoll durchlöchert ist und einen Rand aus uralter, eisenharter Rinde besitzt. "Ja, in meinem Alter will ich das!"



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