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Zuckerkönige, Kunstmäzene, Historienmaler und Kap-Horn-Segler – die Geschichte der Hövemeyers

Die Auswanderer

Mehr als 8000 Schaumburger haben im 19. Jahrhundert ihre Heimat verlassen. Hauptziel war Amerika. Die Gründe für die Massenflucht waren damals wie heute dieselben: Das Gros der Auswanderer erhoffte sich ein besseres Leben. Etliche trieb vor allem der Wunsch nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben an. Und wagemutige junge Abenteurer machten sich auf den Weg, um ihr Glück in der Fremde zu finden.

veröffentlicht am 31.05.2014 um 00:00 Uhr

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Zu dieser letzten Gruppe gehörten die Brüder Wilhelm und Friedrich Hövemeyer. Sie waren als Söhne eines Bäckers in Bückeburg aufgewachsen und hatten das Handwerk des Vaters erlernt. Die Zukunftsaussichten in der Residenz waren schlecht. 1798 schnürten der damals 28-jährige Wilhelm und der vier Jahre jüngere Friedrich kurz entschlossen ihre Bündel und machten sich auf den Weg über den großen Teich. Das war zu jener Zeit kein einfaches Unterfangen. Reisebüros, Routenpläne, Wegweiser, Eisenbahnverbindungen und feste Schiffspassagen gab es noch nicht, von Telefon, Internet oder Fremdsprachen-Lexika ganz zu schweigen. Und auch auf Hilfe und Unterstützung durch Nachbarn und Freunde, die bereits jenseits des großen Teichs Fuß gefasst hatten, konnten die beiden damals noch nicht hoffen. Aufhalten ließen sie sich trotzdem nicht. Sie hatten nur einen Gedanken im Kopf: Sie wollten die neue Welt erobern. 50 Jahre später waren Wilhelm und Friedrich Hövemeyer ihrem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Sie gehörten zu den reichsten und einflussreichsten Unternehmern der USA.

Erste Station auf dem Weg dorthin war London. Nach einer abenteuerlichen Fahrt auf und über Weser, Ärmelkanal und Themse machten sich die beiden Bückeburger sofort ans Geldverdienen. Die britische Hauptstadt war damals Drehscheibe und Umschlagplatz eines blühenden, transatlantischen „Dreiecksverkehrs“. Ein Heer von Frachtseglern kreuzte zwischen den Küsten Lateinamerikas, Europas und Westafrikas hin und her. Gehandelt wurde – neben Gold, Waffen, Baumwolle und Sklaven – vor allem mit Zuckerrohr. Zu dessen Weiterverarbeitung hatten sich entlang der Londoner Hafenanlagen mehrere kleine, damals noch handwerklich betriebene Raffinerien angesiedelt.

Den beiden deutschen Bäckergesellen wurde schnell klar, welche Chancen sich diesem Gewerbe auf dem riesigen, noch im Entstehen begriffenen Wirtschaftsraum Nordamerika und seinem Hauptzugangstor New York bieten würden. Als Erster machte sich – als Kundschafter – Wilhelm Hövemeyer auf den Weg. Kurz darauf kam auch der jüngere Bruder nach.

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Zuckerkönig-Nachfahre Harry Havemeyer aus New York (l.) bei einem Besuch bei seinem Bückeburger Cousin fünften Grades, dem vor zwei Jahren verstorbenen „Cap Hoornier“ Hermann Hövemeyer.

Was dann folgte, darf getrost unter der Überschrift „Von Bäckerjungen zu Multimillionären“ zusammengefasst werden. Mit unbändigem Ehrgeiz, großem Fleiß, und gnadenloser Härte gegen sich selbst und andere, brachten es die Hövemeyer-Brüder, die sich jetzt William und Frederic Havemeyer nannten, innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem riesigen Vermögen. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich ihr anfangs kleiner Betrieb zum milliardenschweren, marktbeherrschenden Industriekonzern „American Sugar Refining Company“ gemausert. Wilhelms Sohn William F. Havemeyer (1804-1874) machte nebenbei auch als Politiker Karriere. In den 1840er und 1860er Jahren war er mehrmals Mayor (Bürgermeister) von New York.

Heute steht der Name Havemeyer vor allem für Kunstverstand und Mäzenatentum. Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Nachfahren der Firmengründer begonnen, Bilder französischer Avantgarde-Maler zu sammeln. Im Laufe der Zeit entstand mit der „Havemeyer-Collection“ eine der kostbarsten Sammlungen weltweit. Der größte Teil mit rund 2000 Bildern und Plastiken ist heute im Metropolitan Museum zu sehen.

Über die Bückeburger Vorfahren der „Zuckerkönige“ sowie die Herkunft und familiären Verflechtungen der Sippschaft ist wenig bekannt. In den Einwohnerlisten taucht der Name Hövemeyer in verschiedenen Schreibweisen seit Mitte/Ende des 17. Jahrhunderts auf. Auffällig oft ist als Berufsbezeichnung Bäcker, Bäckergeselle oder Maler vermerkt.

Als Markenzeichen der in der Residenz beheimateten Namensträger darf deren Fernweh gelten. Nach den im hiesigen Staatsarchiv aufbewahrten Unterlagen hat es neben den beiden Bäckergesellen Wilhelm und Friedrich noch mindestens 29 weitere Hövemeyer-Auswanderer gegeben. Die Palette ihrer Zielorte reicht von Rio de Janeiro über Zürich und Berlin bis hin zur nahen königlich-preußischen Provinzmetropole Minden.

Daneben scheint es im Hövemeyer-Clan eine gewisse Neigung zu künstlerischer Betätigung gegeben zu haben. Bei zwei berufsmäßigen Anstreichen ist der Begriff „Kunstmaler“ hinzugefügt. Bei einem weiteren Namensvetter (August Hövemeyer) war und ist der Titel – auch aus heutiger Sicht – zweifelsfrei berechtigt. Der junge Mann hatte sich laut Auswanderakten 1855 nach München abgemeldet, um die dortige Kunstakademie zu besuchen. Dem Studium als Meisterschüler der damals berühmten Lehrmeister Wilhelm von Kaulbach und Moritz von Schwind schloss sich eine erfolgreiche Karriere als freischaffender Künstler und renommierter Historienmaler an.

Die ausgeprägte Auswanderermentalität der Hövemeyers hat dazu geführt, dass es heute, soweit bekannt, keine(n) Träger(in) dieses Namens in Bückeburg mehr gibt. Der letzte (Hermann Hövemeyer) ist vor zwei Jahren verstorben. Aber auch er war die meiste Zeit seines Lebens außerhalb seiner Heimatstadt unterwegs. Allein 40 Jahre verbrachte er auf See. Schon als 15-Jähriger hatte er als Schiffsjunge angeheuert. Zuletzt lenkte er als Kapitän große Handelsschiffe über die Weltmeere. Mit seinem Tod ging nicht nur eine bemerkenswerte Episode der hiesigen Familiengeschichte, sondern auch ein Stück Erinnerung an die große Zeit der „Cap Horniers“ zu Ende. Der letzte Bückeburger Hövemeyer hatte noch mit dem Segler „Kommodore Johnson“ die gefährliche Nahtstelle zwischen Pazifik und Atlantik umrundet.

Aus der kleinen Bäckerei in der Bückeburger Braustraße (Bild unten) starteten Ende des 19. Jahrhunderts Wilhelm und Friedrich Hövemeyer in die große weite Welt. 50 Jahre später prägte ihre „Havemeyer American Sugar Refining Company“ (Bild links) die Brooklyn-Skyline am New Yorker East River.

Eines der Glanzstücke der berühmten „Havemeyer-Collection“ ist das Bild „Im Boot“ von Edouard Manet (1832-1883) aus dem Jahre 1874.



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