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Teil 3 der Serie: Gastarbeiterkinder erinnern sich an ihr „Paradies“

Die Alte Kaserne war „wie heute der Kuckuck“

HAMELN. Die Alte Kaserne an der Deisterallee hat viele Menschen kommen und gehen sehen. Für die einen war sie Arbeitsplatz, für die anderen Wohnstätte. Für die Soldaten war sie beides. Später wohnten viele Angestellte, Arbeiter, aber auch Arbeitslose in ihr, Flüchtlinge, Gastarbeiter-, Sinti- und Schaustellerfamilien. Die Dewezet hat mit dem Geschwisterpaar einer türkischen Gastarbeiterfamilie gesprochen, die in den 70er Jahren in der Alten Kaserne gelebt hat.

veröffentlicht am 21.06.2018 um 07:50 Uhr
aktualisiert am 01.08.2018 um 13:25 Uhr

Im Juni 1983, als die Dewezet den Fahrplan für den Abriss vorstellte, herrschte in der Alten Kaserne noch Leben. Foto: Archiv
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Iskender Öztürk kam 1967 aus dem Osten der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland. Seine erste Station war Oldendorf im Flecken Salzhemmendorf, weil dort sein Bruder schon war. In Marienau arbeitete Iskender Öztürk in einer Schlosserei, später als Kohlelieferant. Ein Jahr später kam seine schmerzlich vermisste Frau aus der Türkei nach. Dann ging es nach Hameln, wo er bei Kaminski als Schweißer arbeitete. Zuerst wohnten sie in der Fischpfortenstraße, dann in der Baustraße, von dort ging es in den Teil der Alten Kaserne, der in der Hermannstraße lag. In Deutschland bleiben wollte das Ehepaar Öztürk eigentlich nur für ein paar Jahre. So lange, bis sie 10 000 Mark zusammen haben würden, um dann wieder zurück in die Türkei zu gehen. Das war der Plan. Doch dann kamen die Kinder und sie verwuchsen immer mehr mit ihrer neuen Heimat. „Heute sind sie 50 Jahre hier“, sagt ihre Tochter Aysel Arikan.

Für die heute 46-Jährige war die Alte Kaserne früher „wie ein Schloss“. Mit dem großen Treppenaufgang an der Deisterallee und den hohen Decken des riesigen Gebäudes habe sie sich „gefühlt wie Dornröschen“, sagt sie und lacht.

Ihre Nachbarn waren neben deutschen Familien weitere türkische Gastarbeiterfamilien, mit denen sie teilweise noch heute in Kontakt stehen, Angehörige der Hamelner Sinti-Familie Weiß und Schaustellerfamilien. „Aber das spielte für uns alles keine Rolle, wir haben einfach zusammen gespielt“, erzählt ihr Bruder Sentürk Öztürk (48). Ihr Vater sei kaum da gewesen, weil er viel auf Montage war. Er hatte inzwischen seinen Meister gemacht und war bundesweit viel am Aufbau von Atomkraftwerken beteiligt. „Unsere Mutter war eine richtige Seelsorgerin – nicht nur für uns, sondern auch für die Nachbarn“, sagt Aysel Arikan. Die Mutter arbeitete als Reinigungskraft im Wilhelms-Krankenhaus. „Trotzdem waren wir keine Schlüsselkinder“, sagt Arikan. „Allein zuhause waren wir nie.“ Wenn keiner der Eltern da war, dann war ihre Tante zur Stelle und passte als Babysitter und Amme auf die Kinder auf.

September 1977: Vertreter aus Politik und Verwaltung machen sich beim Ortstermin ein Bild von der Alten Kaserne. Foto: Archiv
  • September 1977: Vertreter aus Politik und Verwaltung machen sich beim Ortstermin ein Bild von der Alten Kaserne. Foto: Archiv
Sentürk Öztürk Foto: pk
  • Sentürk Öztürk Foto: pk
Aysel Arikan Foto: pk
  • Aysel Arikan Foto: pk

Die Wohnverhältnisse in der Alten Kaserne waren bescheiden. Eine Toilette hat es nur auf dem Hausflur gegeben und gewaschen wurde sich in einer „Plastikwanne“. Komfortabler wurde es mit der Wohnung der Öztürks, die auf die erste in einem anderen Trakt der Alten Kaserne folgte. „Da gab es dann auch ein Bad, das war ein bisschen luxuriöser“, erzählt Arikan.

„Richtig gruselig“ sei das Kellergewölbe gewesen. Dort spielten sie „Werwolf“ mit den anderen Kindern aus der Alten Kaserne. Auf dem Hof haben die beiden Geschwister (insgesamt vier – drei Jungen und ein Mädchen) Fahrradfahren gelernt. Die „Hamelte“, wie sie wie viele der alteingesessenen Hamelner die Hamel noch nennen, war im Sommer ihr Spielpatz. Wenn die Kastanien, die heute noch auf dem Hof des Neubaus stehen, im Herbst ihre Blätter verloren, sprangen sie vom Dach der DRK-Garage in den riesigen Laubhaufen. In der alten Turnhalle gab es einen Box-Club, erinnert sich Öztürk, da habe man Fitness machen können. „Das war die schönste Zeit“, sagen sie einvernehmlich. „Für Kinder war es dort wie im Paradies.“

Erst als wir älter wurden, haben wir erfahren, wie über ,die Türken‘ und ,die Zigeuner‘ gedacht wurde.

Sentürk Öztürk, Ehemaliger Bewohner

„Jeder hat sich mit jedem verstanden“, sagt Aysel Arikan auch über den Umgang der Erwachsenen miteinander. Den schlechten Ruf der Alten Kaserne habe es zwar gegeben, „aber den haben wir nicht zu spüren bekommen“, sagt Öztürk. „Das haben wir auch erst so im Nachhinein erfahren, als wir älter wurden, wie über ,die Türken‘ und ,die Zigeuner‘ so gedacht wurde. Die Alte Kaserne war damals so etwas wie der Kuckuck heute.“

Im September 1977 stattete Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock gemeinsam mit dem Verwaltungsausschuss der Stadt der Alten Kaserne einen Besuch ab und konstatierte: „Das Gebäude ist einem unmöglichen Zustand“, wie damals in der Dewezet zu lesen war. „Bei der Besichtigung vor Ort konnten sich die Beamten und Politiker mit den Problemen der Bewohner auseinandersetzen und überzeugten sich davon, dass der derzeitige Zustand nicht mehr geduldet werden kann.“ Worin dieser Zustand besteht, geht aus dem Artikel nicht hervor. Klar sei man sich aber darüber, „dass etwas geschehen muss, unklar ist noch, wie der Platz in Zukunft genutzt werden soll.“

Wenige Jahre später, Anfang der 80er Jahre zog Familie Öztürk aus der Alten Kaserne aus und in die Königstraße. Dort trafen sie auf mehr oder weniger alte Bekannte. Denn ein anderer Teil der Familie Weiß war schon da. „Da habe ich dann sogar ein bisschen ihre Sprache gelernt“, sagt Öztürk.

Lesen Sie im letzten Teil der Serie über den Jazz-Club.



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