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Gewerkschaften sprechen von Zynismus und Verhöhnung der Belegschaft durch den Vorstandschef

DGB fordert Entschuldigung von Lenze-Chef Tellbüscher

Weserbergland (TT). Der Vorstandschef der Groß Berkeler Lenze AG, Erhard Tellbüscher, hat die Gewerkschaften auf die Barrikaden getrieben: Der DGB fordert von Tellbüscher eine Entschuldigung für Äußerungen in einem Dewezet-Interview, die IG Metall ist wegen Aussagen des Lenze-Chefs „empört“. In einem offenen Brief der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim heißt es: „Die undemokratische Denkweise Tellbüschers gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“

veröffentlicht am 21.09.2009 um 19:44 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Die Äußerungen seien „in ihrem Zynismus entlarvend“, reagierte der DGB-Regionsvorsitzende Sebastian Wertmüller. Opfer der Wirtschaftskrise, die unverschuldet ihren Arbeitsplatz verlieren, auf Tankstellenjobs und Trinkgelder zu verweisen, sei mindestens „eine grobe Geschmacklosigkeit“. Dass Tellbüscher „auch noch Lob erwartet und Fürsorglichkeit für sich reklamiert, wenn er 900 Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt“, mache deutlich, dass viele Arbeitgeber immer noch nichts verstanden hätten. Wertmüller: „Sie wollen weitermachen wie bisher, mit ’hire and fire‘ nach Gutsherrenart. Und wer das zu kritisieren wagt, wird abgemeiert.“ Wer das als eine angemessene Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise und ihre Verursacher ansehe, müsse sich über entsprechende Reaktionen nicht wundern. Dreist seien die Drohungen an die Arbeitnehmerschaft: „Herr Tellbüscher hat die soziale Marktwirtschaft und das Prinzip der Sozialpartnerschaft wohl nicht verstanden: Erpressungen gehören nämlich nicht dazu.“ Der Vorstandsvorsitzende sollte sich für seine Äußerungen entschuldigen, lautet die Forderung von Wertmüller.

Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim, Herbert Scheibe, hat mit dem offenen Brief reagiert. Gegenüber der Dewezet begründete Scheibe den Brief so: „Die Position von Tellbüscher ist menschenverachtend und baut auf einem Menschenbild des 19. Jahrhunderts auf.“

Tellbüscher hatte für die Lenze AG reklamiert, dass in Deutschland trotz der Krise 1600 Arbeitsplätze gerettet worden seien. Neue Jobs nach der Krise würde er aber eher im Ausland schaffen wollen: „Das, was jetzt hier passiert ist, initiiert ja nicht unbedingt dazu, hier weiter Arbeitsplätze auszubauen.“ Auf die Frage, ob dies eine Drohung sei, hatte Tellbüscher geantwortet: „Nehmen Sie das so.“

In dem Brief werfen Scheibe und dessen Stellvertreter Uwe Mebs dem Lenze-Vorstandschef vor, offen die Abkehr von der Sozialen Marktwirtschaft zu fordern. Tellbüschers „Positionen in Bezug auf Arbeitnehmerrechte sind Teil der hässlichen Fratze des Raubtierkapitalismus“. Damit kehre er „der Sozialen Marktwirtschaft und letztlich dem Grundgesetz der Bundesrepublik den Rücken“. Demokratiefeindlicher gehe es nicht. Mebs bezeichnete Tellbüschers Äußerungen als eine „Verhöhnung der eigenen Mitarbeiter“. Zugleich stehe Lenze, so erklärte die IG Metall ergänzend, „konzeptionslos da und gefährdet weitere Arbeitsplätze“. Tellbüscher, so der Vorwurf von Mebs, gehe es „gar nicht darum, die deutschen Standorte zu stärken, sondern die ausländischen Standorte“. Zielsetzung seien offenbar amerikanische Verhältnisse. Mebs: „Wer ein Unternehmen so führt, der verspielt die Zukunft.“ Bei Tellbüscher liege die Konzentration auf Kosteneinsparungen, dagegen seien die technischen Innovationen nicht ausreichend. In dem offenen Brief heißt es dazu, man vermisse „konkrete Vorschläge zur Innovationsfähigkeit des Unternehmens“.

Am heutigen Dienstag wird die Lenze AG bei einer Pressekonferenz in Stuttgart ihre Bilanz für das Geschäftsjahr 2008/09 (30. April) vorlegen.



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