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Souveräne Kleinkunstoffensive im Brückentorsaal / Im Dialog mit dem Publikum

Deutschmanns Wutanfälle - immer auf der Höhe der Tagesaktualität

Rinteln. Gut 200 Zeitgenossen im durchschnittlich gefühlten besten Mittelalter hatten sich im Brückentorsaal eingefunden, um mit Matthias Deutschmann auf die "Reise nach Jerusalem" zu gehen und wer sich auf einen Abend im herzlichen Einvernehmen zwischen kritischem Kabarett und wachem Publikum gehofft hatte, der musste dabei sicher nicht zwischen den Stühlen sitzen bleiben.

veröffentlicht am 17.11.2008 um 00:00 Uhr

Matthias Deutschmann. Foto: pr.

Autor:

Ulrich Reineking

Immer wieder macht Scheibenwischer Deutschmann dieses Verhältnis zwischen den Zuschauern und sich selbst zum Thema seiner Pointen und Assoziationen, die so unermüdlich aus ihm herausschießen und so ziemlich alles behandeln, was uns in diesen Tagen so bewegen und erregen könnte. In einer Welt, in der sich laut Deutschmann der KGB in einen Energiekonzern verwandelt hat, der inzwischen nicht nur Sponsor von Schalke 04 ist, sondern gar einen früheren deutschen Kanzler als Azubi verpflichtet hat. Selbstkritisch bekennt der diplomierte Verschwörungswissenschaftler und Geheimdienstexperte, dass es gar nicht so einfach ist, für das Publikum jeden Abend Punkt 8 Uhr stellvertretend einen Wutanfall auf der Höhe der Tagesaktualität zu bekommen und dabei auch noch die Kurve zum Positiven des scharfzüngigen Amüsements zu kriegen . Das Positive, das in diesen Tagen natürlich gern schon mal Obama heißt, wobei die in dieses Mantra gesetzten Hoffnungen und Erwartungen natürlich suspekt genug sind, um mit eben jener analytischen Schärfe seziert zu werden, die die auf den Punkt gebrachten und doch wie zufällig daherkommenden Monologe um Merkel, Bush und das übrige Personal der Welt- und Zeitgeschichte so herrlich unterhaltsam machen. Und wenn dann Biermann als alter Wolf geschildert wird, wie er sitzend auf den Schultern von Joan Baez ein absurdes "We shall overcome" in die Welt hineinbrüllt und überlegt wird, wie man fünf Hitlerdarsteller gleichzeitig in einer Koch-Show nach dem Motto "Arisch, arisch - vegetarisch" unterbringt, dann macht dieses um die Ecke Denken auch dann Spaß, wenn es gelegentlich mal etwas überdreht daher kommt. Und wenn Deutschmann danach auch noch Mecklenburg den Arabern und Vorpommern den Kurden als Siedlungsgebiete zur Lösung der "Volk ohne Raum"-Probleme anbietet, dann sind wir damit zwar noch nicht im neuen Jerusalem angekommen, können es aber von dieser Warte aus schon ganz gut sehen. Ziemlich kumpelhaft dient der Protagonist des Abends sich dem statistischen Durchschnitt im Auditorium immer wieder unter dem gemeinsamen "Wir alten 68er" an, ohne dabei darauf zu verzichten, die begrenzte Gültigkeit von Rebellions-Attituden aufzuzeigen, wenn es etwa um den Kauf von Klimabomben im Stil von panzertrassen-gängigen Geländewagen beim schmierigsten aller schmierigen Autohändler geht. Was dem Wolfgang Neuss einst seine Pauke war, das ist dem schachspielenden Freiburger sein Cello: weniger Musikinstrument als vielmehr Orchestrion zur akustischen Gestaltung von Gefühlskulissen. Dass er aber mit dem Ding auch noch einiges mehr anstellen kann, belegt er im Finale durch eine grandiose Hommage an die Jimi-Hendrix-Version der amerikanischen Nationalhymne - wie schön wäre es gewesen, wenn unser aller Starschnitt-Motiv Uschi Obermeier persönlich dazu über die Bühne geschwebt wäre. Herzlicher, wohlverdienter Beifall. Und wiederkommen will Matthias Deutschmann. Nach Rinteln. Von mir aus: nur immer zu!



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