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Am oberen Wehr wird die Weser zum Rinnsal / Historische Wassernutzungsrechte sind schuld

Der trostlose Anblick ist rechtlich verbrieft

Hameln. Eine unattraktive Mauer, Schotter, Steine, blanker Zement – es sieht trostlos aus an den Hamelner Wehren. Wasser, so scheint’s, fließt da schon lange nicht mehr rüber. Die Weser – zu einem Rinnsal geschrumpft, das kaum wahrnehmbar über das obere Wehr tröpfelt, am unteren herrscht totale Ebbe. „Früher war das anders“, erinnern sich alteingesessene Hamelner: „Da rauschten die Wehre.“ Und die Leute blieben verwundert stehen, wenn es mal trockenfiel. Heute ist es umgekehrt: Wassermassen, die sich über die Wehre ergießen, sind inzwischen eine kleine Sensation und meist nur bei Hochwasser zu beobachten.

veröffentlicht am 08.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2009 um 12:51 Uhr

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Hameln. Eine unattraktive Mauer, Schotter, Steine, blanker Zement – es sieht trostlos aus an den Hamelner Wehren. Wasser, so scheint’s, fließt da schon lange nicht mehr rüber. Die Weser – zu einem Rinnsal geschrumpft, das kaum wahrnehmbar über das obere Wehr tröpfelt, am unteren herrscht totale Ebbe. „Früher war das anders“, erinnern sich alteingesessene Hamelner: „Da rauschten die Wehre.“ Und die Leute blieben verwundert stehen, wenn es mal trockenfiel. Heute ist es umgekehrt: Wassermassen, die sich über die Wehre ergießen, sind inzwischen eine kleine Sensation und meist nur bei Hochwasser zu beobachten. „Die Turbinen der Stadtwerke sind schuld“, sagen die einen. „Das hängt mit der Edertalsperre zusammen“, die anderen. Die Antwort erschließt sich zum Teil aus der Historie. Denn: nicht nur die Wehre gibt es sehr lange, auch das Wassernutzungsrecht hat schon viele Jahre Bestand, der trostlose Anblick ist quasi rechtlich verbrieft.

Die Vorläufer der Wehre wurden bereits Ende des 13. Jahrhunderts gebaut, um die Schiffer abzukassieren. „1277 bekam die Stadt Hameln zusätzliche Rechte und Privilegien von Herzog Albrecht II. von Braunschweig verliehen: Sie durften von der Weserbrücke bis zur Südspitze des Werders Zoll von den Schiffern auf der Weser erheben“, erklärt Dietmar Buchholz, als Gästeführer bei der Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT) auf „Das Hamelner Loch“ spezialisiert und Experte, wenn es um die Geschichte der Wehre geht.

Schlau umgingen die Schiffer dieses Abkassieren am Ostufer, indem sie sich am unbebauten Westufer entlangdrückten. Die Hamelner richteten eine Falle ein, das berühmte „Hamelner Loch“: Sie rammten Holzpfähle ins Wasser und schufen so zwei Staustufen mit einem Höhenunterschied von 70 bis 90 Zentimetern. „Die Schiffe waren nun gezwungen anzuhalten“, sagt Buchholz. Auf dem Stapelplatz an der Mühle mussten sie drei Tage lang ihre Waren anbieten. Die Schiffe konnten dann leer über die Schräge am unteren Wehr gehievt werden.

Mit dem Bau der allerersten Schleuse im Jahr 1734 war’s mit der Zollerhebung zwar vorbei. Die Wehre aber blieben, wurden im Laufe der Jahrhunderte durch modernere Bauwerke ersetzt. „Die heutigen Wehre messen von der Sohle bis zur Oberkante über drei Meter“, sagt Buchholz. Sie abzubauen wäre eine Mordsarbeit – „und nicht zu bezahlen“, so der Experte von der HMT. Überdies erfüllen die Wehre einen Zweck: „Sie verlangsamen die Fließgeschwindigkeit der Weser“, erklärt Buchholz. Mit 50 Meter Gefälle auf 135 Kilometern zählt die Weser zu den schnellsten Flüssen Deutschlands. Buhnen und Wehre dienen da als Stopper.

Vertragsabschluss auf „unendliche Zeit“

Und natürlich wurde die Wasserkraft des Flusses von der Mühlenstadt Hameln schon lange genutzt, bevor es die Stadtwerke überhaupt gab. „Der Vertrag über das aktuelle Wassernutzungsrecht stammt aus dem Jahr 1924“, so Buchholz. Er wurde auf „unendliche Zeiten“ abgeschlossen und ging von den Wesermühlen auf die Stadtwerke über. Demnach darf das obere Wehr nicht trockenfallen, an einer Stelle muss immer Wasser fließen. In Zahlen heißt das: Von durchschnittlich 120 Kubikmetern Wasser, die sich pro Sekunde über das Wehr ergießen, dürfen 112 Kubikmeter entnommen werden. Acht Kubikmeter müssten dann ständig über das Wehr fließen. Ob dies derzeit der Fall ist, vermag Buchholz nicht zu beurteilen.

Grundsätzlich gilt, dass die Wasserentnahme so angepasst sein muss, dass das obere Wehr benetzt bleibt: „Dieser Tatbestand ist derzeit erfüllt“, sagt Ralph Schwekendiek, Wasserbaumeister beim Wasser- und Schifffahrtsamt Außenstelle Hameln. Er macht das Tosbecken, das gebaut wurde, um eine Unterhöhlung der Wehrmauer an der Sohle zu verhindern, für die veränderte Optik verantwortlich und einer damit verbundenen subjektiv negativen Wahrnehmung. „Das ist wie mit dem Wetter: Früher war immer alles besser“, meint er lakonisch. Auch die Klimaveränderung – lange Trockenperioden im Sommer (und immer häufiger auch im Winter) – spielt beim Weserpegel eine Rolle. Mit dem Bau der Edertalsperre wurden für den Wasserstand der Weser bei Hannoversch Münden zwar mindestens 1,20 Meter garantiert und für Hameln mindestens 1,10 Meter – ist in der Talsperre während extremer Trockenphasen aber nur wenig Wasser vorhanden, kann der Weser nichts zugeführt werden und der Pegel fällt.

Stadtwerke erfüllen besondere Auflagen

„Die aktuell geführte Wassermenge liegt derzeit bei 81 Kubikmetern pro Sekunde. Unsere Wasserkraftanlagen werden entsprechend gedrosselt, damit das obere Wehr nicht trockenfällt“, sagt Beate Mehren, Pressesprecherin der Stadtwerke Hameln und betont, dass die „besonderen Auflagen“ seitens des Betreibers stets erfüllt werden. Eine Reduzierung der Wasserentnahme allein aus optischen Gründen für das Wehr bedeute jedoch auch die Reduzierung der Stromproduktion. „Unser Ziel ist es, den Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie kontinuierlich weiter auszubauen. Eine Reduzierung der Stromproduktion, zum Beispiel aus optischen Gründen, führt zum einen zu einem wirtschaftlichen Verlust, darüber hinaus verringert sich dann auch der Anteil der Stromerzeugung aus regenerativen Energien insgesamt“, erklärt Mehren. Derzeit decken die Stadtwerke rund zehn Prozent des Hamelner Strombedarfes aus regenerativen Energien – die Hälfte davon aus den Wasserkraftanlagen an der Weser.

Kein schöner Anblick: das trockengefallene obere Wehr. Das wenige Wasser, das noch fließt, aber reicht aus, um nicht gegen den historischen Vertrag zu verstoßen. Foto: Dana



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