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Agentur für Arbeit: Immer weniger Jugendliche beginnen direkt nach der Schule eine Ausbildung

Der Trend heißt Schulbank statt Werkbank

Hameln. Zwei Stunden ist er jetzt an jeden Morgen unterwegs, um von Barsinghausen nach Hameln zu kommen und zwei Stunden für den Rückweg. Mit Bus und Bahn. Edmund Rätzel (18) nimmt einiges auf sich, um seine Ausbildung für Flachdruckrotation im Druckzentrum der Dewezet zu absolvieren. Der 1. August war für ihn wie für viele andere der erste Tag in der Praxis. Was vor einigen Jahren noch der klassische Weg war – Schule, Ausbildung, Job –, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, wie die Agentur für Arbeit in Hameln meldet: Immer mehr Jugendliche gehen demnach lieber weiterhin zur Schule, als eine praktische Ausbildung zu beginnen.

veröffentlicht am 03.08.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Nicht jeder, der sich für eine weiterführende Schule wie die Han

Autor:

Tomas Krauseund Birte Wulff

Von Thomas Krause und Birte Wulff

 

Hameln. Zwei Stunden ist er jetzt an jeden Morgen unterwegs, um von Barsinghausen nach Hameln zu kommen und zwei Stunden für den Rückweg. Mit Bus und Bahn. Edmund Rätzel (18) nimmt einiges auf sich, um seine Ausbildung für Flachdruckrotation im Druckzentrum der Dewezet zu absolvieren. Der 1. August war für ihn wie für viele andere der erste Tag in der Praxis. Was vor einigen Jahren noch der klassische Weg war – Schule, Ausbildung, Job –, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, wie die Agentur für Arbeit in Hameln meldet: Immer mehr Jugendliche gehen demnach lieber weiterhin zur Schule, als eine praktische Ausbildung zu beginnen. Das ist eine Entwicklung, die die Bundesagentur für Arbeit in den letzten Jahren sorgenvoll beobachtet. Auch Edmund hat sich nach der Realschule noch ein Jahr lang schulisch weitergebildet, weil er nicht genau gewusst habe, was er machen wollte.

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Viele Jugendliche bleiben offenbar lieber in bekanntem Fahrwasser und reihen sich ein in die sogenannte „Generation Warteschleife“, eine Generation der 16- bis 25-Jährigen, die lieber die Schulbank drückt als den Hammer zu schwingen. Und so schlimm wie in diesem Jahr sei es noch nie gewesen, sagt Christina Rasokat von der Hamelner Agentur für Arbeit. Für Juli zählt die Statistik der Arbeitsagentur 575 Lehrstellen-Bewerber weniger als noch im Juli 2008. Und damals waren es 351 weniger als im Vorjahresmonat 2007. Immerhin: 2578 Jugendliche wollen noch eine Ausbildung machen und haben sich bei der Agentur gemeldet. „Der Rest wählt vorerst eine Schulkarriere“, weiß auch Hans Joachim Schwenke von der Hamelner Agentur. Die Gründe für die rückläufige Bewerberentwicklung sind seiner Meinung nach vielfältig: Ob Eigensuche im Internet oder erhöhte Studierneigung – die Jugend leide unter einer generellen Orientierungslosigkeit. Der Besuch einer weiterführenden Schule sei dabei oft nur eine Notlösung, denn „viele wissen einfach nicht, was sie werden wollen oder sind davon überzeugt, auf dem Ausbildungsmarkt keine Chance zu haben“. Jugendliche ließen sich dadurch allzu leicht abschrecken.

„Jede Menge Angebote für Hauptschüler“

„Es handelt sich schlicht um ein Vermeidungsverhalten – was ich nicht kenne, das mache ich auch nicht“, ist Rasokats Erklärung. Schule hingegen sei bekanntes Terrain. Zudem gingen die meisten Schüler davon aus, dass sie mit einem erweiterten Schulabschluss auch eine bessere Qualifikation für den Arbeitsmarkt erwerben. Mit dieser Annahme liegen die Jugendlichen gar nicht schlecht. Bildung als Ressource gilt generell als Grundlage einer Leistungsgesellschaft. Aber: Es gebe etliche Absolventen mit beispielsweise recht ordentlichen Hauptschulabschlüssen, die sich auf einer weiterführenden Schule aber verschlechtern und so ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt minimieren. Bei Realschüler Jörn Harland (17) lief es dagegen wie geplant. Der Tünderaner hat sich im angehängten Jahr auf der Handelslehranstalt in Mathe und Deutsch verbessert und hat gestern seine Ausbildung zum Bürokaufmann bei CW Niemeyer Service begonnen. Sein Kumpel, erzählt er, hatte aber genau das genannte Problem – der sei auf der weiterführenden Schule schlechter geworden. Rainer Manzau von der Handelslehranstalt bestätigt, dass einige Real- und Hauptschüler, die sich für kaufmännische Berufe weiterqualifizieren wollen und den ersten Bewerbungs- und Absagenfrust nach der Hälfte der Ausbildung hinter sich haben, nachlassen. „Die geben dann so’n bisschen auf.“

Lieber einen „soliden Schulabschluss“ als einen verschlechterten erweiterten, lautet Rasokats Ratschlag vor allem an Hauptschulabsolventen. „Es ist außerdem nicht wahr, dass ein Hauptschulabschluss nichts wert ist. Es gibt jede Menge Angebote für Hauptschüler“, insistiert Rasokat. Gerade bei ihnen sei Lernbereitschaft ein wichtiges Signal. Könnten die Bewerber glaubhaft versichern, sich verbessern zu wollen, dann hätten sie gute Chancen, bei den Arbeitgebern zu punkten.

Langfristig fehlen Arbeitskräfte

Dass die duale Berufsausbildung bei den Jugendlichen nicht mehr so gut ankommt, scheint auch ein hausgemachtes Problem der Arbeitsagenturen zu sein: Stark gewachsen sind die Programme von beruflichen Schulen und der Bundesagentur für Arbeit, in denen sich Jugendliche weiterbilden können, aber keinen Berufsabschluss erwerben. Rund 500 000 Jugendliche hangelten sich 2008 in sogenannten Übergangssystemen vom Berufsgrundbildungsjahr zur Einstiegsqualifizierung und vom Jugendsofortprogramm zur Berufsvorbereitungsmaßnahme, ohne dass ihre Chance auf eine reguläre Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gewachsen wären.

Diese Akzentverschiebung hat Folgen – sie bedeutet, „dass die strukturelle Unsicherheit für eine ganze Generation zugenommen hat“, fand ein Forschungsteam am Soziologischen Institut der Uni Göttingen heraus. Sie sehen im sich ausdehnenden Übergangswesen ein ernstes Problem. Neben anderen Folgen werde damit in Deutschland ein Potenzial an Arbeitskräften brachgelegt, das angesichts der demografischen Entwicklung mittel- und langfristig fehle.

Am Donnerstag, 13. August, veranstaltet die Hamelner Agentur für Arbeit ab 8 Uhr eine Last-Minute-Ausbildungsstellenpräsentation im Berufsinformationszentrum. Dort werden die in Hameln, Bad Pyrmont und in Holzminden noch offenen Ausbildungsstellen vorgestellt.

Erster Tag der Ausbildung: Edmund Rätzel (re.) und Jörn Harland lassen sich von Personalreferentin Manuela Gerlach durch die verschiedenen Bereiche des Unternehmens CW Niemeyer führen.

Fotos: Dana

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