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In Hülsede schließt das letzte Lebensmittelgeschäft / Straßenausbau "hat sehr weh getan"

"Der tägliche Schwatz wird uns fehlen"

Hülsede (nah). Genau 100 Jahre nach seiner Eröffnung schließt das Hülseder Lebensmittelgeschäft Metfies. Mehr als drei Generationen hat es die Bevölkerung mit Dingen für das tägliche Leben versorgt - vom Wurstaufschnitt bis zum Haarshampoo, von frischem Obst bis zur aktuellen Illustrierten, vom Fertiggericht bis zur Mausefalle. "Der tägliche Schwatz über Dorf und Politik wird uns fehlen", sind sich Heidrun und Jürgen Metfies einig. Es sind hauptsächlich Altersgründe, die sie zum Aufhören veranlassen. Eher nur am Rande spielt die Wirtschaftlichkeit eine Rolle: "Wir hätten einiges investieren müssen."

veröffentlicht am 07.11.2007 um 00:00 Uhr

Aus Altersgründen schließen Heidrun und Jürgen Metfies das letzt

Schon lange galten die beiden Kaufleute als Exoten. Denn ringsherum in den Dörfern ist diese Art von Geschäften zum Teil bereits vor vielen Jahren verschwunden. Zwar gab es in Hülsede einst bis zu vier Läden, aber der "Nahkauf" in der Straße "Über der Beeke" hat sich vermutlich aufgrund seiner langen Tradition bis heute erhalten. Nur vor einigen Jahren erlebte die Familie einen schweren Einbruch, als die Straße vor ihrer Haustür über Monate ausgebaut wurde. "Das hat uns sehr wehgetan", ärgert sich Metfies noch heute. Großvater Wilhelm hatte 1907 das kleine Geschäft gegründet. Eigentlich war er Schneidermeister. Doch in einem winzigen Nebenraum fanden die Einwohner ein kleines Sortiment vor. Niemand kennt heute mehr das genaue Datum des Beginns, bedauert der heutige Eigentümer: "Mein Vater hat mir nur immer davon erzählt." Dieser war ebenfalls Schneidermeister, erkannte jedoch bald nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, dass in dem durch Flüchtlinge und Vertriebene fast auf das Doppelte gewachsene Dorf ein großer Bedarf bestehe. Ein Anbau wurde errichtet samt großer Treppe und einem ersten großen Schaufenster. Als Jürgen Metfies 1970 seine Braut zum Altar führte, wurde ihm das Geschäft übertragen. Heidrun Lohmann, deren Eltern ebenfalls Ladenbesitzer im Dorf waren, schmunzelt heute noch ein wenig über ihre Partnerwahl: "Als kleines Kind hatte ich doch immer erklärt, nie einen Kaufmann heiraten zu wollen." Besonders die langen Öffnungszeiten der Eltern am Heiligen Abend seien ihr stets zuwider gewesen. Ein kleines Verdienst am langenÜberleben des Dorfladens mag wohl auch die Bundespost haben. Denn sie übertrug ihrem Zustellbeamten 1974 die Leitung der örtlichen Filiale. Jürgen Metfies richtete sie in seinem Haus ein und führte sie bis 1998. Dann hatte der Privatisierungsprozess des gelben Riesen auch Hülsede erreicht. Heute ist davon nur noch der Briefkasten übrig. Weil der bald 64-Jährige inzwischen den Ruhestand angetreten hat, fiel der Entschluss leichter, im nächsten Schritt das Geschäft aufzugeben. Schon lange hätte zum Beispiel die betagte Kühltruhe ausgetauscht werden müssen. Andererseits aber war eine Nachfolge nicht in Sicht: Die Kinder haben - "zu Recht", wie Heidrun Metfies meint - andere Interessen. Zudem sterbe die Generation der guten und regelmäßigen Kunden allmählich aus: "Junge Leute kennen andere Einkaufsgewohnheiten." Trotzdem: "Aldi und Plus in Lauenau haben uns nicht einmal wehgetan", bilanziert der Kaufmann, "da war der Straßenbau schlimmer." Wenn beide Ende November den weißen Kittel endgültig ausziehen und die Tür für immer verschließen, dürften die Einwohner doch sehr schnell merken, welche Lücke nun im dörflichen Leben entstanden ist. Denn aus dem örtlichen Leben sind längst Bankfilialen, das Traditionsgasthaus Steinmeyer und zuletzt auch der an Wochenenden beliebte Treff "Krackes Ruh" verschwunden.



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