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Vor Gericht: Richter kassiert den Freispruch - 500 Euro Geldstrafe

"Der Selbstjustiz auf den Straßen muss Einhalt geboten werden"

Bückeburg (ly). Nur kurz durfte sich ein Rentner aus Eilsen im Lichte eines Freispruchs sonnen. Drei Monate nach der erstinstanzlichen Entscheidung (wir berichteten) hat das Landgericht den 71-Jährigen im Berufungsverfahren wegen Nötigung zu 500 Euro Geldstrafe verurteilt. Angefochten hatte das Urteil die Staatsanwaltschaft.

veröffentlicht am 27.04.2006 um 00:00 Uhr

Bei Verkehrsrüpeln versteht Friedrich von Oertzen, Vorsitzender der Berufungskammer, keinen Spaß. "Der Selbstjustiz auf den Straßen muss Einhalt geboten werden", sagt er. Bürger hätten nicht das Recht, Gewalt anzuwenden, um ihre Meinung durchzusetzen. Der Angeklagte gehört nach Überzeugung des Gerichts in die Kategorie "Rechthaber", man könnte ihn auch als "Oberlehrer am Steuer" bezeichnen. Gewalt übt er mit seinem Auto aus. Fairerweise muss man sagen, dass der Rentner ("Ich bremse nicht für Tiere") vor der Tat bedrängt worden ist. Strafbar war sein Verhalten trotzdem. Im Juli vergangenen Jahres hatte der 71-Jährige sich auf der Bergdorfer Straße ziemlich geärgert, weil eine junge Frau (21) an der hinteren Stoßstange seines 200-PS-Autos klebte. Selbst kurze Zwischenspurts zwischen Ahnsen und Bergdorf waren nicht geeignet, den Abstand von teilweise nur einer Wagenlänge zu verringern. Zwischendurch zeigte die Dränglerin dem älteren Herrn einen Vogel, der Bedrängte reagierte mit weniger anstößigen Gesten. Schließlich wurde es dem Rentner zu bunt: "Er verlangsamte die Geschwindigkeit, ohne dass dies verkehrsbedingt nötig war, und bremste sein Fahrzeug dann mitten auf der Straße bis zum Stillstand ab", so Richter von Oertzen. Die Folge war ein Auffahrunfall an der Ecke Breitenkamp. "Die Dynamik einer jungen Frau kollidierte mit der Rechthaberei eines älteren Mannes", fasste von Oertzen in der Urteilsbegründung zusammen und fand deutliche Worte für den Angeklagten: "Sie sind davon überzeugt, der wahrhaft Gerechte zu sein. Es ist nicht ihre Aufgabe, andere zu erziehen." Der 71-Jährige habe sich "so verhalten, wie das klassische Verkehrserzieher tun". Er hatte angehalten, um die Frau "zur Räson zu bringen". Wegen eines ähnlichen Falles hatte der Eilser schon mal Ärger mit der Justiz. Damals war das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt worden, allerdings gegen eine Geldbuße. Die Schuld am Auffahrunfall sah die 4. Kleine Strafkammer bei der Frau. Für Klagen auf Schmerzensgeld oder Schadensersatz sind jedoch Zivilgerichte zuständig.

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