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Alte Bahnbrücke steht noch immer – trotz des hohen Schrottpreises

Der Schneidbrenner – oder ein zweites Leben?

Hameln. Still rostet sie vor sich hin – die fast 111 Jahre alte Eisenbahnbrücke über der Weser in Hameln. Die Deutsche Bahn AG hatte vor drei Jahren ins Auge gefasst, das markante Stahlträger-Bauwerk spätestens 2007 abreißen zu lassen. Doch daraus ist nichts geworden – trotz des auf dem Weltmarkt anhaltend hohen Schrottpreises.

veröffentlicht am 09.05.2008 um 14:48 Uhr
aktualisiert am 18.05.2017 um 14:59 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis erklärt auf Dewezet-Nachfrage: „Ein Unternehmer hat sein Angebot zurückgezogen, die Brücke für die Bahn kostenfrei abzureißen.“ Die Arbeiten seien doch aufwendiger als von den Abbruchexperten zunächst gedacht, sodass die Kosten nicht durch den Schrottwert abzudecken seien. Wie Branchenkenner Julius Lax aus Minden erläutert, ist das finanzielle Risiko bei der Vermarktung eines derartigen Objektes groß: „Die Preise ändern sich von Woche zu Woche, gehen hoch und runter.“ Derzeit wird Schrott der Sorte 3 für 280 Euro pro Tonne gehandelt, Ende vorigen Jahres waren es weniger als 200 Euro. Frank Kreimer vom Abbruchunternehmen Hagedorn (Gütersloh), das Erfahrung mit Großabrissen hat, bestätigt, dass die Demontage einer Brücke dieser Dimension „ein gewisses wirtschaftliches Risiko“ birgt. Vorsichtig kalkuliert, könnte durch den schwankenden Schrottpreis leicht ein Mindererlös von 140 000 Euro anfallen.

Fußgängersteg wird demnächst demontiert

Weil die Hamelner Brücke als standsicher gilt, sieht sich die Deutsche Bahn nicht unter Zugzwang. Gefahren durch herabstürzende Teile gehen laut Meyer-Lovis von dem Bauwerk nicht aus. Bernhard Nitsche, Leiter des Hamelner Außenbezirks beim Wasser- und Schifffahrtsamt Hannoversch Münden, bestätigt: „Wir haben keine Kenntnis davon, dass sich Bauteile der Brücke lösen.“ Die Bahn als Eigentümerin sei zu regelmäßigen Inspektionen verpflichtet. Im Dezember 2003 war der 25 Meter lange Abschnitt über der Pyrmonter Straße aus Sicherheitsgründen abgebaut worden, nachdem mehrfach Metallteile auf die Fahrbahn gefallen waren.

Die Stadt wird „demnächst“ ihren seit langem gesperrten Fußgängersteg an dem Bauwerk demontieren. Die Versorgungsleitungen der Stadtwerke sind bereits gekappt. Die 370 Meter lange Brücke war einst Teil der Bahnverbindung von Hameln nach Lage und Detmold; 1980 wurde diese Strecke stillgelegt. Der historische Bau wird im Rathaus bisher offenbar nichts in die Pläne zur verstärkten Nutzung des Weserufers für Freizeitzwecke einbezogen – obwohl durch diese Querung ein landschaftlich und historisch reizvoller Rundweg an der Weser möglich würde; auch eine Radwegverbindung vom Klüt-Ufer ins Industriegebiet Süd und Bahnhofsviertel ist denkbar. Dirk Wuschko von der Initiative „Weserquartier“ begeistert sich für eine Fußgänger- und Radlerquere an dieser Stelle. Umso mehr, wenn auf der Holz-König-Brache mit ihrer Brandruine tatsächlich ein Freizeit- und Erholungsgebiet entsteht.

Doch Stadtsprecher Thomas Wahmes verweist auf die „wahrscheinlich zu hohen Kosten“ einer Brückensanierung oder eines Umbaus: „Unsere Tendenz ist, in die Brücke nichts mehr zu investieren.“ Damit stößt er auf Widerspruch bei der FDP-Ratsfraktion. Deren Vertreter Rüdiger Zemlin wird nun beantragen, dass die Stadtverwaltung die genauen Kosten ermittelt – für die Restaurierung und neue Anbindung der bestehenden Brücke oder den Ersatz durch eine kleinere Variante. Für Ursula Wehrmann (Grüne) „wäre ein Abriss der Brücke bedauerlich“. Auch Claudio Griese (CDU) möchte sie in die Planungen für das Weserufer einbezogen sehen; entscheidend seien am Ende aber die Kosten. Uwe Schoormann (SPD) hingegen ist überzeugt: „Wir sind nicht in der Lage, hier mit eigenem Geld etwas zu machen. Es besteht auch kein dringender Handlungsbedarf.“

Emden hat bereits einen „Meilenstein“ gesetzt

Fritz Rieger (Bürgerliste) erinnert: „Seit 15 Jahren wird versprochen, die Weser touristisch zu erschließen, aber nichts passiert.“ Die Brücke könne eine Attraktion sein, die Kosten und der Nutzen müssten abgewogen werden.

Wenn im Zuge der Südumgehung eine Weserbrücke zum Fort Luise gebaut wird, möchte die Stadt an dieser Bundesstraße einen Radweg bezahlen. Vielleicht wäre das Geld an der alten Bahnbrücke sinnvoller investiert. Möglicherweise könnten für dieses Projekt EU-Gelder eingeworben werden – wie zuletzt für die Erlebniswelt Renaissance, die Hafenquere (Weser-Radweg) und die Fußgängerzonen-Sanierung. Dazu konnte das Baudezernat gestern aber keine Aussagen machen.

Die Stadt Emden hat kürzlich für 9,5 Millionen Euro den Delft, ihren alten Binnenhafen, durch die Anlage eines Erlebnis-Rundweges „in die Stadt zurückgeholt“, wie es ihr Sprecher Eduard Dinkela ausdrückt. Dadurch seien weitere öffentliche und private Investitionen in diesem Innenstadtgebiet von 90 Millionen Euro angestoßen worden. Eine „Allianz der Vernunft“ habe hier einen „Meilenstein städtebaulicher Aktivitäten“ gesetzt, der seinesgleichen in Niedersachsen suche.



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