weather-image
17°
Medizin-Technik, die noch vor Jahren als Sciene-Fiction galt / Tag der offenen Tür im Krankenhaus

Der Patient schluckt Kamera in der Kapsel

Rinteln (wm). In einen Operationssaal kommt der Normalbürger nur im Krankheitsfall - und dann liegend und im Dämmerzustand. Umso größer war das Interesse der vielen Besucher beim "Tag der offenen Tür" am Sonnabend im Rintelner Krankenhaus - Teil des Klinikums Schaumburg - bei guter Gesundheit und wachem Bewusstsein all' die Räume betreten zu können, die sonst verschlossen bleiben.

veröffentlicht am 19.03.2007 um 00:00 Uhr

Dr. Joachim Runkel versucht sich hier als "Chirurg" beim Einrich

Außer der Erkenntnis, dass auch ein relativ kleines Krankenhaus wie in Rinteln durchaus auf dem modernsten Stand der Technik ist - mit bestens qualifiziertem Personal - nahmen die meisten dazu mit nach Hause, dass Übersichtlichkeit, die Nähe zu den Angehörigen, der persönliche Kontakt zu den Mitarbeitern auch eine nicht zu unterschätzende Qualität sein kann, eben "Kompetenz und Menschlichkeit", wie Verwaltungsleiterin Tatjana Daum bei der Eröffnung formuliert hatte. In heutigen Zeiten ebenfalls nicht zu verachten: Mit gut 400 Mitarbeitern ist das Krankenhaus ein wichtiger Arbeitgeber und der größte Dienstleister in der Stadt. Zu sehen gab es bei einem Rundgang auch, was sonst Operateuren oder Pathologen vorbehalten bleibt, der Blick ins menschliche Innenleben - auf diversen Monitoren. "Und das Zeug, das dann am Dünndarm klebt?" wollte ein Besucher wissen. "Das sind Luftbläschen", erklärte Internist und Gastroenterologe Dr. med. Christoph Hunnius seinen staunenden Zuhörern. Was die in der Endoskopie auf einem Computerschirm sahen, ist eine Technik, die man noch vor zehn Jahren in Science-Fiction-Romanenbelächelt hätte. Und das funktioniert so: Der Patient schluckt eine Kapsel - nicht größer als die den meisten bekannte Antibiotikatabletten -, die Minikamera, Sender und Batterie enthält. Die Kamera wandert sechs bis acht Stunden lang dann völlig schmerzfrei durch Dünn- und Dickdarm und sendet pro Sekunde zwei Bilder, die von einem Empfänger gespeichert werden. Den trägt derPatient am Gürtel - etwa so groß, wie früher die Walkmen waren. Diese Bilder wertet Dr. Hunnius dann am Computer aus - der selbstverständlich auch zuordnen kann, in welchem Bereich des Darms welches Bild aufgenommen worden ist. Und die Kapsel? Ganz einfach, erläuterte Hunnius, die wird auf dem natürlichen Weg wieder ausgeschieden. Denn es ist ein Einweg-Gerät - aus Sicherheitsgründen. Dass selbst bisher bekannte Medizin-Technik innovativ weiterentwickelt wird, demonstrierte Hunnius an der Sonde für Magenspiegelungen. Die ist nämlich inzwischen nur noch halb so dick und damit besser zu schlucken. High-Tech sahen auch die Besucher im Operationssaal, wo Chefarzt Dr. Peter Jürgensmeier das neue computergesteuerte System für Knieoperationen erläuterte. Landtagsabgeordneter Dr. Joachim Runkel, von Haus aus Ingenieur, durfte sich als "Chirurg" versuchen, und der Computer signalisierte am Ende der "Operation" grünes Licht, das heißt Beinachse perfekt ausgerichtet - Applaus der Umstehenden. Bleibender Eindruck jedes OP-Besuchers: Chirurgie hat viel mit Feinmechanik und solidem Handwerk zu tun; die auf den Tischen ausgebreiteten Gegenstände erinnerten viele an ein Ersatzteillager. Eine Station im "Emma-Zentrum" widmete sich einem Tabuthema: Harninkontinenz bei Frauen. Auch hier hilft Computertechnik bei der Diagnose. Frauenarzt Peter Friesen zeigte, wie der Facharzt ermittelt, was Ursache der Inkontinenz ist, wichtige Voraussetzung, um die richtige Therapie zu finden, manchmal genügt nämlich auch regelmäßige Beckenbodengymnastik. EineÜberraschung erlebten Besucher der Intensivstation - sicher, man kennt die aufwändige Technik aus "Emergency Room", dem Quotenhit bei Pro Sieben - doch dass da direkt neben dem Patientenbett eine Fotografie mit Angehörigen liegt, ein Buch, eine Uhr und andere persönliche Gegenstände, hatte kaum jemand erwartet. Warum solche alltäglichen Gegenstände wichtig sind, schilderten Fachkrankenschwester Bärbel Wegner und Dr. Natalie Weyer: Alle, die in die Intensivstation kommen, sähen nur die Technik, doch eine Berührung, die persönliche Ansprache seien genau so wichtig. "Sie müssen sich vorstellen, Patienten, die hier liegen, merken, da passiert etwas mit ihnen, aber sie wissen nicht, was es ist". Da helfe selbst "der Duft von Kaffee", einen desorientieren Menschen ein kleines Stück in die Realität zurückzuholen.

Fachkrankenschwester Bärbel Wegner im Rintelner "Emergency Room"
  • Fachkrankenschwester Bärbel Wegner im Rintelner "Emergency Room": "Technik ist nicht alles..." Fotos: wm
In der Kapsel steckt eine Kamera, zeigt hier Dr. Hunnius.
  • In der Kapsel steckt eine Kamera, zeigt hier Dr. Hunnius.


Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare