weather-image
Preis auf Niveau der 70-er Jahre: Sinkende Einnahmen und steigende Kosten empören Milchbauern

Der Kampf um die Milch: "40 Cent sind fair"

Auetal. Um die Zukunft seines Hofes braucht sich Karl-Ludwig Gellermann keine Sorgen zu machen. "Hier", ruft Louis (9), "und hier auch", stimmt sein ein Jahr jüngerer Bruder Hagen bei der Frage ein, wer einmal Landwirt wird. Gellermann beschäftigt vielmehr die Gegenwart. Und die kennt in diesen Tagen neben dem Wetter und der Ernte nur ein Thema: Den Kampf um die Milch.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 11:42 Uhr

Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe: Der Kampf um die Mil

Autor:

Frank Westermann

50 Kühe hat Gellermann auf seinen Weiden stehen, das ist in etwa der niedersächsische Durchschnitt. 70 Prozent seines Jahreseinkommens bezieht er über die Milch, viele Ländereien hat er nicht. Kummer mit der Milch ist er seit Jahrzehnten gewohnt, die langfristige Entwicklung der Milchauszahlungspreise an die Milchbauern zeigt ein leichtes Auf und Ab, die Tendenz geht aber seit Einführung der Milchquote im Jahr 1984 eher nach unten. Ein Jahr vor Einführung der Milchquote erhielten die Bauern für ihre Milch mit 3,7 Prozent Fett und 4,3 Prozent Eiweiß bei Abholung ab Hof einen Preis von 32,56 Cent je Kilogramm ohne Mehrwertsteuer. 1990 war dieser Betrag auf 31,50 Cent je kg gesunken, im Jahr 2000 waren es 29,35 Cent je kg, und im Jahr 2006 war der Tiefpunkt mit 26,89 Cent je kg erreicht, rechnet der Niedersächsische Landvolk-Pressedienst gestern vor. Heißt auf Deutsch: Der Milchpreis bewegt sich auf dem Niveau der 70-er Jahre, eine Aussage, die im Gespräch mit den Bauern immer wieder fällt. Dass den Milchbauern jetzt mehr Geld pro Liter versprochen wird, findet Gellermann zwar erfreulich, aber großen Illusionen gibt er sich nicht: "Wir verdienen zwar ein paar Cent mehr, aber der Milchpreis wird als Folge der Globalisierung in Zukunft immer wieder zyklisch auftreten, mal ist er hoch, mal ist er niedrig." 45 Kühe stehen im Offenstall und auf den Wiesen von Jens Büthe in Borstel. "Nur vom Acker kann ein Landwirt nicht leben", sagt er. Unter 30 Cent pro Liter sei jenseits jeder Schmerzgrenze, auch wenn die Molkereien bis zum Herbst den Preis auf 38 Cent anheben würden, würde er im Schnitt gerade mal bei 32,33 Cent liegen. Und das bei seit Jahren regelrecht explodierenden Futtermittel-, Diesel- und Energiekosten. Die Diskussion um die Milch, ihn freut sie natürlich: "Die Marktlage kommt uns entgegen, ohne dass wir tätig werden müssen." Nicht tätig zu werden, das werfen Milchbauern wie Gellermann dem Deutschen Bauernverband vor. Noch ist der Altenhagener Mitglied, aber er überlegt, ob er nicht wechselt: zum BDM, dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter. Dass der Bauernverband unter seinem Präsidenten Gerd Sonnleitner den Milchbauern wenig Willen gezeigt habe, für gerechte Preise zu kämpfen, kann er sogar ein Stück weit nachvollziehen: "Das sind halt vorwiegend Ackerbauern." Denn auf dem Lande mucken die Bauern auf. Und dieser Zorn trifft auch den Bauernverband. Das ist neu, bisherärgerten sich die Bauern über den Agrarminister, der Geld streicht, oder über den Verbraucher, der zu wenig zahlt. Über den Bauernverband gab es kaum böse Worte Er hat gleichsam einen Alleinvertretungsanspruch, 90 Prozent der 380 000 deutsche Bauern sind Mitglied. Doch die Existenzangst der Bauern beschert dem BDM riesigen Zulauf: 24000 Mitglieder besitzt der Verband nach eigenen Angaben. Es sind Mitglieder wie Heinrich-Jürgen Ebeling aus Rolfshagen, der zusammen mit Bernd Reese aus Escher eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet hat und mit ihm zusammen 120 Kühe hat. Ebeling hat vor gut acht Wochen die Kreisgruppe "Weserbergland-Lippe" des BDM mitgegründet. Der richtige Schritt, wie er sagt. Heute Abend treffen sich die Milchbauern in der "Süßen Mutter", um mit den Frischli-Werken aus Rehburg über einen neuen Abnahmepreis zu diskutieren. Ein Treffen, das Ebeling als Erfolg ansieht: "Wir sprechen über höhere Milchpreise, weil wir kräftig Druck gemacht haben." Er verweist auf einen Aspekt, der bei der Debatte über höhere Milch- und Butterpreise gern aus den Augen verloren wird: "Von den Preiserhöhungen, die im Frühjahr zwischen Molkereien und Handel mit Unterstützung durch die Erzeuger ausgehandelt wurden, ist unter dem Strich nichts bei den Bauern angekommen." Zwar habe er zwei Cent mehr bekommen, doch das seien saisonal übliche Preisschwankungen. Allein 2007 seinen die Produktionskosten der Milcherzeuger um drei Prozent gestiegen: "Uns brechen die Kosten über dem Kopf zusammen", sagt Ebeling, der dies nicht als die den Bauern gern nachgesagte Standes-Jammerei verstanden wissen will, sondern von Tatsachen spricht: "Die 40 Cent, die als fairer Preis genannt werden, sind fast schon von der Kostenrealität wieder überholt worden." Sinkende Einnahmen durch strukturellenÜberschuss und Discounterdruck - bei gleichzeitig gestiegenen Kosten bei der Erzeugung und der Lebenshaltung: Ebeling spricht von einem Kreislauf, der durchbrochen werden muss: "Weg von den Subventionen, hin zu einem marktgerechten Preis." Denn der Preisdruck habe auch dazu geführt, dass immer mehr Milcherzeuger aus der Produktion ausgestiegen sind, weil ein kostendeckendes Wirtschaften schon lange nicht mehr möglich sei. Vor 35 Jahren, im Jahr 1972, standen noch auf 105 439 niedersächsischen Betrieben Milchkühe im Stall. Acht Jahre später hatte sich die Zahl der Milchviehhalter bereits auf 63 503 reduziert, vor Einführung der Quote im Jahr 1983 waren es noch 57 054. Elf Jahre später wurden nur noch 30 700 Milchviehhalter in Niedersachsen registriert, und im Jahr 2000 rutschte deren Zahl mit 19 504 erstmals auf die Marke von weniger als 20 000. Mit aktuell 14 494 Milchviehhaltern ist nur noch jeder 14. der 1972 aktiven Milchbauern im Geschäft, teilt der Landvolk gestern mit. Die Folgen erläutert Ebeling so: Dies führe dazu, dass in Europa weniger Milch erzeugt werde - die Folge davon waren abgebaute Milchseen. Bei gestiegener gleichzeitiger Nachfrage auf dem Weltmarkt herrsche nun Milchknappheit. Es sei nun für Erzeuger und Konsumenten "elementar wichtig," Preissteigerungen zuerst an die Milchviehhalter weiterzugeben. Nur so könnten langfristig eine Verknappung verhindert und die Qualität gesichert werden. Es rumort auf dem Lande. "Hier", würden Hagen und Louis sagen.

"Hier!": Hagen und Louis Gellermann wissen, was sie werden wolle
  • "Hier!": Hagen und Louis Gellermann wissen, was sie werden wollen - Landwirt. Hoffentlich gibt es dann mehr Geld für Milch.


Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt