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Schaumburger „Kaisertage“ – rauschende Inszenierungen für die heimischen Untertanen

Der Kaiser, er lebe hoch, hoch, hoch!

Von Wilhelm Gerntrup

veröffentlicht am 03.07.2010 um 00:00 Uhr

Fischbeck, Obernkirchen und immer wieder Bückeburg – in kaum einer anderen deutschen Region war Kaiser Wilhelm II. so oft zu Besuch wie im Schaumburger Land. Mehr als 15 Mal hielt sich der 1888 zum König von Preußen und zum Herrscher aller Deutschen gewählte Hohenzollernspross während seiner 30-jährigen Amtszeit in hiesigen Gefilden auf. Das auffallend große Interesse galt jedoch weniger den hierzulande lebenden Menschen. Noch mehr fühlte sich der als begeisterter Jäger bekannte Monarch von den im Schaumburger Wald und auf dem Bückeberg kreuchen- und fleuchenden Wildbeständen angezogen. Nach überschlägigen Berechnungen brachte er bei seinen zahlreichen heimischen Pirschgängen mehr als 500 Hirsche, Rehe, Fasanen und Wildschweine zur Strecke.

Der Begeisterung der Zweibeiner tat das offenbar keinen größeren Abbruch. Im Gegenteil: Das Gros der Schaumburger wurde schon im Vorfeld der so genannten „Kaisertage“ von einer Art „kollektivem Glücksrausch“ erfasst. Das größte Spektakel löste der erste Besuch Wilhelms im Januar 1889 aus. Der Trip ins Schaumburger Land wenige Monate nach dem Dienstantritt sei als ehrenvolle Anerkennung und Vorzugsbehandlung zu werten, war man sich einig. Besonders stolz wurde vermerkt, dass das Gastspiel auf drei Tage angesetzt war – eine für Wilhelm außerordentlich lange Zeitspanne. Der Herr der Deutschen pflegte seine Termine und Auftritte außerhalb Berlins gewöhnlich innerhalb weniger Stunden abzuwickeln.

„Beim lieben greisen Fürsten kehret der teure junge Kaiser ein“, brachte der Bückeburger Laienpoet Wilhelm Fischer seine Begeisterung in Gedichtform zum Ausdruck. „Willkommen, Heldenspross, willkommen!“ hieß es am Ende seiner umfangreichen, in der Landes-Zeitung abgedruckten Verse.

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Schloss Baum im Schaumburger Wald war Ausgangs- und Treffpunkt der meisten heimischen kaiserlichen Jagdunternehmungen.

Am 15. Januar abends traf der so heiß Ersehnte per Sonderzug im Bahnhof Bückeburg ein. Die ganze Stadt war festlich geschmückt. Die ein Kilometer lange Bahnhofstraße glich einer „Via Triumphales“. In Höhe des Rathauses war eine Ehrenpforte aufgestellt, auf der laut Zeitungsbericht „ein kolossales „W“ und eine prächtige Kaiserkrone prangten“. Bürgerkompanien, Kriegervereine, Turner und Hunderte von Schülern standen mit schwenkenden Fahnen unter Girlandenketten Spalier. „Aus allen Fenstern schaute ein freundliches Angesicht und dichte, froh bewegte Scharen durchwogten die Stadt“. Besonders aufmerksam wurde vermerkt, dass sich auch zahlreiche Vereine, Abordnungen und Schulklassen aus Rinteln, Obernkirchen und den anderen Orten der Grafschaft Schaumburg eingefunden hatten. Der größte Ansturm kam aus dem benachbarten Minden. Aus der alten Preußenprovinzmetropole kamen allein 7000 Fans mit den von der Bahn eingesetzten Sonderzügen an.

Nach der Auftakt-Jubelorgie zogen sich die hohen Herrschaften zu einem „Galadiner mit 60 Gedecken“ ins Schloss zurück. Es gab Austern, Schildkrötensuppe, kleine Pasteten, Rheinlachs, Rehrücken, gedämpfte Poularden mit Trüffelragout, Fasanenbraten, Artischocken, Champagnergelee und Ananas-Eis. Die Hofkapelle spielte neben Weisen von Schubert, Wagner und Strauß vor allem „alte Preußenmärsche“. Danach nahmen die „höchsten und allerhöchsten Kreise“ vom Balkon aus die Huldigungen der in einem langen Fackelzug aufmarschierten Landeskinder entgegen. „Der 15., 16. und 17. Januar 1889 werden künftig in goldenen Lettern in der Geschichte der schaumburg-lippischen Haupt- und Residenzstadt prangen“, rief Bückeburgs Oberbürgermeister Borchardt mit bebender Stimme in den nächtlichen Himmel. „Seine Majestät, Wilhelm II, Deutscher Kaiser, König von Preußen, er lebe hoch, hoch, hoch!“ Dann erklang die Nationalhymne.

Nach diesem strapaziösen Auftakt waren zwei Tage kaiserliches Weidmannsvergnügen angesagt. Ziel war das Frostrevier Baum im Schaumburger Wald. „Zahlreiches Wild dazu ist längst eingestellt und selten dürften dort auf einmal so viele Stücke abgeschlossen sein sie diesmal fallen werden“ hatte bereits im Vorfeld die Landes-Zeitung prophezeit. Das war nicht übertrieben. Als der Kaiser gegen Abend des dritten Tages wieder seinen Salon-Zug bestieg, hatte er exakt 111 Tiere erlegt, darunter allein 45 kapitale Hirsche, die meisten „von einem erhöhten Stande aus“. Anders gesagt: Das Wild war ihm durch zuvor aufgestellte Gatterverhaue direkt vor die Flinte getrieben worden. Absolutes Trophäen-Highlight war der „Böse Peter“ – ein viereinhalb Zentner schwerer Sechzehnender. Den Beinamen verdankte der einige Jahre zuvor zur Blutsauffrischung der heimischen Artgenossen aus Ungarn importierte und mittlerweile überregional bekannte König des Waldes seinem aggressiven Zweikampfverhalten während der Brunft.

Noch heute erinnert ein Gedenkstein an den Ort von Peters Ende. „Seine Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm II. erlegte hier im Schaumburger Wald auf der Pirsch einen Hirsch von 16 Enden im Gewichte von 451 Pfund, am 16. Januar 1889“ ist darauf zu lesen. Der präparierte Kadaver des Tieres wurde noch eine ganze Zeit lang – auch in anderen deutschen Residenzstädten – zur Schau gestellt.

So ähnlich wie beim Premierenbesuch ging es auch bei den bis 1914 beinahe jährlich stattfindenden Jagdunternehmen des Kaisers zu. Die Gastgeber am Bückeburger Hof hatten für die Schießleidenschaft ihres hohen Gastes vollstes Verständnis. Sowohl der von 1860 bis 1893 amtierende Fürst Adolf Georg als auch dessen bis 1911 residierender Sohn Georg waren ebenfalls als große Liebhaber des „edlen Waidmannswerks“ bekannt. Die Folge: Die häufigen Pirschgänge in Schaumburgs Revieren trugen erheblich zur Aufstockung von Wilhelms Trophäensammlung bei.

Gedenkstein mit Wappenkrone zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm II. und den „bösen Peter“.



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