weather-image
17°

Als jüdischer Anwalt und SPD-Mitglied von den Nazis verfolgt

Der Hamelner Max Frank: Ein frühes Opfer der NS-Diktatur

Max Frank, geboren 1870, war Sozialdemokrat und einer der profiliertesten Strafverteidiger im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik. Er stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Familie in Hameln. Sein Elternhaus in der Bäckerstraße 22 gehört noch heute zu den prägenden Gebäuden in der Innenstadt. Am 10. Mai vor 86 Jahren ist der Hamelner verstorben.

veröffentlicht am 11.05.2019 um 07:30 Uhr

Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Familie Frank in der Hamelner Bäckerstraße. Max Frank war einer der profiliertesten Strafverteidiger im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik. Foto: Gelderblom
Avatar2

Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Max Franks Vater, Adolf Frank, war bürgerlich und deutsch-national eingestellt. Er besaß eine Getreidehandlung, die er später um eine Bank erweiterte. Mit seinem sozialdemokratischen Engagement hob sich Max Frank daher deutlich von seinem Elternhaus ab.

Nach dem Abitur im März 1889 am Lyzeum I in Hannover studierte Max Frank drei Jahre lang Rechtswissenschaften an den Universitäten Heidelberg, Leipzig und Berlin. Bereits als Student war er der Sozialdemokratie beigetreten. Zur Kaiserzeit bedeutete das für ihn, dass eine Karriere im juristischen Staatsdienst unmöglich war. Nach erfolgreichem zweiten Examen wurde Frank 1898 aber in die Liste der beim „Königlichen Landgerichte Hannover zugelassenen Rechtsanwälte“ eingetragen. Am 20. März 1900 ließ ihn der preußische Justizminister als Rechtsanwalt am Amts- und Landgericht in Dortmund zu, seit 1926 auch als Notar. In seine frühe Dortmunder Zeit fällt die Hochzeit mit Margarethe Elias. 1903 kam Sohn Heinrich zur Welt. 1925 erklärte Max Frank seinen Austritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft; seine Beweggründe sind heute unbekannt.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg galt Max Frank als „einer der meistbeschäftigten Strafverteidiger im rheinisch-westfälischen Industriegebiet“. Er konzentrierte sich auf die Verteidigung in Prozessen, die im Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung standen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges war er auch als Redner bei Parteiveranstaltungen aktiv. Er sprach zum Beispiel in der Zeit der Novemberrevolution am 28. November 1918 auf einer SPD-Kundgebung in Arnsberg. Anschließend engagierte er sich in Dortmund in der Kommunalpolitik.

2 Bilder
Der Pressezeichner Emil Stumpp zeichnete Max Frank 1930 während eines Plädoyers in Dortmund. Quelle: General-Anzeiger Dortmund, Nr. 246, 7.9.1930

In der Weimarer Republik machte sich Frank einen Namen in politischen Prozessen gegen Sozialdemokraten und Kommunisten. 1924 verteidigte er den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Erich Zeigner gegen den Vorwurf der Aktenvernichtung und Bestechlichkeit in einem Prozess, der weit über die Grenzen des Reiches hinaus menschliches und politisches Interesse erregte.

Öffentliche Aufmerksamkeit erregte er auch als Verteidiger in einem Prozess gegen zwei Ärzte in München-Gladbach, dem heutigen Mönchengladbach, die Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen hatten, um armen Patientinnen zu helfen. Die beiden Ärzte wurden zwar zu mäßigen Gefängnisstrafen verurteilt, vom Reichsgerichtspräsidenten im Revisionstermin aber als Märtyrer ihrer Überzeugung bezeichnet und daraufhin begnadigt.

Schon in der Zeit der Weimarer Republik war Frank der Dortmunder SA, der Nazi-Sturmabteilung, ein besonderer Dorn im Auge. Den Nationalsozialisten war er besonders verhasst, weil er drei Eigenschaften vereinte, die jede für sich in ihren Augen Grund für eine Verfolgung waren: Erstens war er Jude, zweitens Sozialdemokrat und drittens Rechtsanwalt. In der Fantasiewelt der Rechtsextremen nahm der Gedanke der „jüdischen Weltverschwörung“ einen besonderen Platz ein: Die Juden zerstörten demzufolge die Welt nicht nur durch den Kapitalismus, sondern ebenso per Kommunismus und Sozialismus. Unmittelbar nachdem sie an die Macht gelangt waren, griffen die Nazis daher zu Gewalt gegen den mittlerweile 63 Jahre alten Mann.

Am 28. März 1933, drei Tage vor der Boykott-Aktion des 1. April gegen jüdische Geschäfte, jüdische Waren, jüdische Ärzte und jüdische Rechtsanwälte, wurde Max Frank zum ersten Mal verhaftet. Nach einem Plädoyer während eines Verfahrens in Hagen nahm ihn die Polizei noch im Schwurgerichtssaal in „Schutzhaft“. Am 2. April wurde er aus der Dortmunder „Steinwache“ wieder entlassen. Unmittelbar anschließend vernichtete das „Gesetz zur Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“ vom 7. April 1933 mit einem Schlag seine berufliche Existenz.

Dieses in engem Zusammenhang mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ stehende Gesetz erlaubte es den Justizbehörden, die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte zu löschen. Auch Personen, die „sich im kommunistischen Sinne betätigt“ hatten, konnten ihre Zulassung verlieren. Jüdische Rechtsanwälte, die seit 1914 zugelassen, im Weltkrieg Frontkämpfer gewesen waren und sich nicht kommunistisch betätigt hatten, sollten ihre Zulassung allerdings behalten.

Wenige Tage später – vom 12. bis 14. April 1933 – saß Max Frank erneut in „Schutzhaft“. Der schwer misshandelte Mann verdankte nur einem polizeiärztlichen Gutachten seine Entlassung aus der Haft. Anschließend suchte er für zwei Wochen in einem nicht bekannten Sanatorium bei Berlin, möglicherweise auch auf seinem Jagdschloss Schwarzhorn am Scharmützelsee, Erholung.

Direkt nach der Rückkehr am 28. April 1933 richtete Max Frank zwei Schreiben an den Präsidenten des Oberlandesgerichts in Hamm und an den preußischen Justizminister in Berlin, in denen er „ergebenst … um Aufrechterhaltung seiner Zulassung als Rechtsanwalt“ bat. Sie sei für ihn und seine Familie überlebenswichtig. Er selbst sei „seelisch fast vollkommen zusammengebrochen, und zwar in einem Ausmaße, dass die mich behandelnden Ärzte bereits ernstliche Befürchtungen gehegt haben“. Seine Ehefrau Margarethe habe einen Nervenzusammenbruch erlitten und befinde sich zeitweise zur Behandlung in einer geschlossenen Anstalt in Remscheid-Lüttringhausen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen um eine Unbedenklichkeitsbescheinigung war offensichtlich. Der Präsident des Oberlandesgerichts in Hamm forderte Max Frank am 29. April auf, „Unterlagen darüber beizubringen, dass Sie sich in der Vergangenheit nicht im kommunistischen Sinne betätigt haben“.

Wie gehässig, wie böswillig der Präsident des Landgerichts Dortmund, Koch, den Rechtsanwalt Frank einschätzte, geht aus einem Dossier hervor, das dieser am 10. Mai 1933 anlegte: „Bekannter SPD-Mann, sehr bekannter und vielfach in sehr zweifelhaften Sachen in Anspruch genommener Verteidiger von zweifelhaftem Ruf. Nach Ansicht der in Dortmund ansässigen Kammermitglieder rechtfertigt sein Verhalten die Annahme, dass eine kommunistische Betätigung nicht ausgeschlossen ist.“

Als der Dortmunder Landgerichtspräsident sechs Tage später, am 16. Mai 1933, Frank aus der Anwaltsliste löschte, war ihm bekannt, dass dieser am 10. Mai gestorben war. Über die Umstände von Franks Tod liegen keine genauen Angaben vor. Nach dem Bericht einer westfälischen Lokalzeitung soll er sich am 10. Mai 1933 in Berlin vergiftet haben. Möglicherweise hatte er nach all den Repressalien noch einmal Ruhe am Scharmützelsee finden wollen. Wo Max Frank begraben ist, ist unbekannt, ebenso wie das Schicksal seiner Ehefrau.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?