weather-image
24°
×

Fünf unterschiedliche Beispiele aus dem Pyrmonter Einzelhandel geben aber Anlass zur Hoffnung

Der Generationswechsel wird zum Prüfstein

Bad Pyrmont (khr). Wenn zum Jahreswechsel „Mäc-Geiz“ in die Geschäftsräume des Spielwarengeschäfts Engelhardt in der Brunnenstraße einzieht (wir berichteten), dürfte das von vielen nicht gerade als Bereicherung des Innenstadtangebots empfunden werden. Wirtschaftliche Zwänge, aber auch das Fehlen eines geeigneten Nachfolgers für das Fachgeschäft haben zu dieser Entwicklung geführt. Die Schließung des Modegeschäfts Kewitz in der Heiligennangerstraße oder die Pleite von kdm hatten ähnliche Gründe. Die Attraktivität der Kernstadt steht und fällt aber mit einem gut strukturierten Einzelhandel.

veröffentlicht am 22.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Dabei stellen inhabergeführte Geschäfte mit kompetentem Personal und bedarfsgerechtem Angebot einen wichtigen Aktivposten dar. Aus der Boomzeit des Einzelhandels nach dem Krieg steht jetzt der Wechsel auf die dritte Generation an. Aber wollen die „jungen Leute“ sich überhaupt so ins Zeug legen wie ihre Eltern? Lange Arbeitszeiten, Arbeiten am Wochenende, hohe Verantwortung und wirtschaftliche Risiken lassen viele zurückschrecken. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn hat herausgefunden, dass die familieninterne Lösung nur in 44 Prozent der Fälle gelingt.

Das Reformhaus Kreisel - Siebe feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Firmenjubiläum und ist ein Beispiel für eine erfolgreiche generationsübergreifende Zusammenarbeit. Tochter Maren Marx steht zusammen mit ihrer Mutter Eva Siebe jeden Tag ihre Frau im Geschäft, und im Hintergrund ist die Geschäftsgründerin Hildegard Kreisel sogar noch als Mithilfe bei der Buchhaltung tätig. Die Liebe zum Beruf, fachliche Aufgabenteilung, gemeinsame Ziele und eine gute Streitkultur machen dies möglich.

Aber auch dort, wo der Übergang schon gelungen erschien, können Schicksalsschläge alles wieder zunichtemachen wie im Falle des Fachgeschäfts Kaltenborn, seit 56 Jahren Spezialist für Herrenmode und Schirme in der Brunnenstraße. Der Tod ihrer Tochter Ingrid Rausch, an die das Geschäft schon übergeben war, hat alle Zukunftspläne von Dorothea Kaltenborn zerstört und ihr große Sorgen hinsichtlich der Fortführung des Geschäfts hinterlassen.

4 Bilder
Sabine Willeke (li.) und Dorothea Kaltenborn sorgen sich um die Fortführung des Fachgeschäfts für Herrenmode und Schirme.

Wie es gehen kann, macht Ralf Schwager vor, Inhaber des Textilkaufhauses in der Brunnenstraße und von acht weiteren Kaufhäusern an verschiedenen Standorten in Deutschland. Auch in seiner Familie steht kein Nachfolger bereit. Deshalb hat er die Geschäftsführer der Häuser vor Ort so ausgewählt, dass sie Eigentümer werden und die Geschäfte selbstständig fortführen können. Helmut Fahle, Geschäftsführer des Modehauses in Bad Pyrmont, ist schon seit über fünf Jahren im Unternehmen tätig und freut sich jetzt auf die Übernahme zum 1. Januar 2010.

Engagierter Nachwuchs

Bei der Buchhandlung Heuer ist der Übergang an einen Angestellten bereits gelungen. Jens Falke wusste, worauf er sich einlässt, als er im Januar 2009 das Geschäft von der Familie Heuer übernahm. Denn er war bereits viele Jahre als Fachverkäufer im Geschäft tätig. Bei der Finanzierung der Übernahme durch die Sparkasse habe es bei ihm glücklicherweise keine Probleme gegeben, berichtet er und ist froh, alle Mitarbeiter weiterbeschäftigen zu können. Auch seine Frau ist im Geschäft tätig. Gute Aussichten also, dass hier eine neue Familientradition begründet wird.

Im Modehaus Steinhage war der Verkauf oder die Übergabe an einen Mitarbeiter nie ein Thema. „Ich bin als Kind zwischen den Kleiderständern groß geworden“, erzählt Bettina Steinhage, die mit ihren 33 Jahren als Geschäftsführerin im elterlichen Unternehmen tätig ist. Sie hat sogar ihre Lehre im eigenen Geschäft absolviert, und für sie war es immer klar, das Familienunternehmen in dritter Generation weiterzuführen. „Abgesehen von meiner familiären Vordisposition, ist es heute auch kaum möglich, ein Textilgeschäft zu verkaufen“, meint sie. Die hohe Kapitalbindung, die Risiken im Modebereich und die Probleme, eine Übernahme zu finanzieren, seien große Hürden. Die Leidenschaft für Mode und die Kundenorientierung hat sie offensichtlich von ihrer Mutter Ingrid Steinhage geerbt. Man glaubt es ihr deshalb gerne, wenn sie sagt. „Uns wird es hier noch lange geben.“

Solange es einen so engagierten Nachwuchs gibt, muss man sich um die Einzelhandelsvielfalt in der Kurstadt nicht sorgen. Auch die Statistik lässt hoffen. Laut IfM wird der Anteil von Geschäftsaufgaben wegen ungelöster Nachfolge auf nur 8,3 Prozent prognostiziert.

Ein eingespieltes Familienteam: Bettina, Ingrid und Dieter Steinhage (v.li.).



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige