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Zu den ersten Anwendungsgebieten der Elektrizität mit unterschiedlichen Erfolgen gehörte die Medizin

Der Galvanismus hat sie ganz geheilt

War bisher von F. H. Basse nur bekannt geworden, dass er Physiker sei und in Hameln im Jahre 1803 die elektrische Leitfähigkeit des Erdbodens entdeckt habe und über seine Versuche einen Artikel im 13. Band der Annalen der Physik, herausgegeben von Ludwig Wilhelm Gilbert in Göttingen, über den in der Dewezet am 9.7.2005 berichtet worden ist, geschrieben hat, so kennt man jetzt seine Vornamen: Friedrich Heinrich. Er war auch kein Physiker, wie in einer Chronik der Technik dargestellt, sondern in der Rats-

apotheke in Hameln tätig.

veröffentlicht am 01.01.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 06.01.2010 um 17:29 Uhr

An der Strecke Nürnberg – Fürth wurde die elektrische Leit

Autor:

Klaus Schubert

War bisher von F. H. Basse nur bekannt geworden, dass er Physiker sei und in Hameln im Jahre 1803 die elektrische Leitfähigkeit des Erdbodens entdeckt habe und über seine Versuche einen Artikel im 13. Band der Annalen der Physik, herausgegeben von Ludwig Wilhelm Gilbert in Göttingen, über den in der Dewezet am 9.7.2005 berichtet worden ist, geschrieben hat, so kennt man jetzt seine Vornamen: Friedrich Heinrich. Er war auch kein Physiker, wie in einer Chronik der Technik dargestellt, sondern in der Rats-

apotheke in Hameln tätig. Die Ratsapotheke war damals von zwei namhaften Apothekern gepachtet worden. Von 1819 bis 1841 hatte der berühmte Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner, der Entdecker des Morphiums, die Apotheke gepachtet. Sein Vorgänger war Johann Friedrich Westrumb von 1779 bis 1819. Westrumb hat sich weit über seine Tätigkeit als Apotheker hinaus mit Fragen der Chemie befasst und zahlreiche Veröffentlichungen herausgegeben. Größere Bedeutung erlangte sein „Handbuch für die Anfänge der Apothekerkunst“. Er war auch Schriftleiter des Journals für Pharmazie.

In den Annalen der Physik schreibt der Bergcommissär Westrumb, wobei dieser Titel noch einer Erläuterung bedarf, am 8. März 1803: „Herr Basse, ein eifriger Verfolger der Galvanischen Versuche, ist mein erster Gehülfe, und hat, da ich keine Kosten scheue, wenn es Menschenwohl und Aufsuchung chemischer und physischer Wahrheiten betrifft, Gelegenheit, seine Neigung und Wünsche zu befriedigen. Seit fast 2 Jahren sind täglich mehrere Gehör – und andere Kranke von ihm galvanisiert worden. Leider können wir aber in das Geschrei der Voreiligen nicht einstimmen. Mehrere Gehörkranke sind ohne Heilung entlassen. Andere, die Erschütterungen von 10 bis 30 Plattenpaaren nicht ertragen konnten, mussten entlassen werden. Keiner ist ganz geheilt, und nur allein von drei Gelähmten darf ich rühmen, dass der Galvanismus sie ganz geheilt hat. Den einen, einen alten 70-jährigen Greis, hatte der Schlag gerührt und die ganze linken Seite gelähmt; - er wurde über 6 Monate elektrisiert und galvanisiert. Der zweite, ein 20-jähriger Soldat, war hingefallen, hatte die Handwurzel verletzt, – wurde 10 Monat unter den Händen der Ärzte auf mehrere Weise behandelt, 3 Monate galvanisiert, und hergestellt. Der dritte, ein 12-jähriger Knabe, zerschellte auf dem Eise den Ellenbogen, bekam Schwinden und Contrcatur des Arms, und ist jetzt, nach 14-tägigem Galvanisieren, so gut als hergestellt. Beim zweiten Kranken halfen das berühmt gewesene Extract von Rhus radicans, zu einer Unze des Tages, (es war von Brüssel, von Hannover, von Göttingen und hier bereitet), die Moxa, die Canthariden, die Guajaktinctur mit Salzblumen, nichts, gar nichts. Herr Basse arbeitet jetzt an der Schrift für Ihr Journal, und wird sie Ihnen ehestens senden. Sie werden merkwürdige Versuche darin finden. Gern theilte ich einige dieser Versuche mit, fürchte ich nicht, dass wir, bei Wiederholung derselben, vielleicht eine andere Ansicht erhalten könnten, als wir heute davon haben. Da einige dieser merkwürdigen Versuche in und an Flüssen, und zwar dem Weserstrom, angestellt sind, und die Witterung uns jetzt nicht günstig ist, so muss deren Wiederholung bis zu heiteren, sonnenreichen Tagen verschoben werden. Ausgemacht scheint es indes zu sein, dass im Innern der Säule überall Gas, und zwar am Zink brennbares, am Kupfer u.s.w. Oxygengas entstehe, und dass an Einsaugung des Oxygens aus der Säule umgebenden Atmosphäre, so wie an Wasserzerlegung, schwerlich weiter zu denken seyn werde. In unserem Apparate werden die Gasarten in solchen Mengen, vorzüglich das brennbare Gas, entbunden, wie ich es bei anderen sich nie entbinden sah.“

Ohrenbehandlung mit zwei Griffelektroden. 
 Fotos unten: Museum
  • Ohrenbehandlung mit zwei Griffelektroden. Fotos unten: Museum für Energiegeschichte, Hannover
Vierzellenbad.
  • Vierzellenbad.

Zu den ersten Anwendungsgebieten der Elektrizität gehört die Medizin. Der Arzt Luigo Galvani hatte 1789 elektrische Wirkungen an Froschschenkeln beobachtet. Bald wurde das elektrische Fluidum, wie man es damals nannte, auch zur Linderung von Schmerzen und zur Heilung herangezogen. Später folgte die elektrische Nachrichtentechnik.

F. H. Basse war durch die oben beschriebenen Anwendungen mit elektrischen Geräten einfachster Art vertraut und fand bei seinen Versuchen die wohlwollende Unterstützung des Apothekers Westrumb.

Im Jahre 2001 hat die Rats-

apotheke Hameln eine kleine Schrift zum 250. Geburtstag des Johann Friedrich Westrumb herausgegeben. Der Autor Georg Schwedt schreibt über ihn: „Sein Handbuch der Apothekerkunst (zuerst erschienen 1792 in sechs Bänden und nachher mehrere Male wieder aufgelegt) machte Epoche in der Pharmazie. Auch bildeten sich unter seinen Augen treffliche Apotheker, wie Schröder in Hannover, Basse in Bremen, Heukenkamp in Magdeburg, Backhauß in Lüneburg und viele Andere, die sich in ihrem Beruf auszeichnen.“ Ob F. H. Basse in Bremen als Apotheker tätig war, ist nicht bekannt. Das Staatsarchiv Bremen teilte mit, dass Basse von 1816 an in Bremen eine Bleiweißfabrik betrieben hat und am 23. Januar 1829 in Bremen verstorben ist. Gewohnt hat er in der Bremer Neustadt, Hohetorstraße 14. Geboren wurde er am 6. Januar 1773 in Eltze, heute Elze/Leine. Sein Vater Johann Friedrich Basse war Senator, Bürger, Brauer und Chirurgius. Seine Mutter Beate Sophie Henrietta stammte aus der angesehenen Familie Domann. In der Stadt Elze war Friedrich Heinrich Basse nicht bekannt. So ist es wohl zu erklären, dass die Stadtverwaltung die Anfrage des Autors nicht beantwortet hat. Als der größte Sohn der Stadt wird der Professor Louis Krüger (1857 – 1923) angesehen. Als Professor an der Technischen Hochschule Braunschweig hat er sich unter anderem, um die Herausgabe des geodätischen Nachlasses von Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855) verdient gemacht. Es ist immerhin erstaunlich, dass C. F. Gauß und Wilhelm Eduard Weber (1804 – 1891), einer der Göttinger Sieben, bei der Errichtung der weltersten Telegraphenlinie in Göttingen im Jahre 1835 zwei Drähte verlegen ließen. Allerdings lag die Veröffentlichung Basses schon über 30 Jahre zurück. Als Gauß seinem ehemaligen Schüler Carl August von Steinheil vorschlug zu untersuchen, ob die beiden Schienen der Eisenbahn zum Telegrafieren geeignet seien, stellt Steinheil 1838 fest, dass dieses nicht möglich sei, da die Ströme durch das Erdreich abgeleitet würden. Versuchsstrecke war die erste deutsche Eisenbahn Nürnberg – Fürth von 1835. Steinheil hatte aber entdeckt, dass man zur Rückleitung die Erde verwenden konnte, was er fortan bei seinen Telegraphenanlagen auch tat. Man kam also mit einem Draht aus. Die Fachwelt urteilte 1888: „Die Entdeckung der Erdleitung führte nicht nur zu einer wesentlichen Ersparnis an Draht und anderen Linienmaterialien, sowie an Batterien, indem wegen des geringeren Widerstandes des Erdbodens mit verhältnismäßig schwachen Strömen gearbeitet werden konnte, sondern sie trug auch in hohem Grade zur Vereinfachung des Baues und zur Fernhaltung von Betriebsstörungen bei.“

Der Adler ist die erste aus England importierte Lokomotive der am 7. Dezember 1835 eröffneten Ludwigs-Eisenbahn Nürnberg – Fürth. Neben den Versuchen des Physikers von Steinbeis spielt diese Strecke auch in der Biographie des in Nürnberg geborenen Unternehmers Max Grundig (1908 – 1989) eine Rolle, soll er doch am Damm dieser Bahn Beifuß-Kräuter gesammelt und in kleinen Sträußen als Küchengewürze verkauft haben. Kaufmännische Grundlage für ein Weltunternehmen? Beifuß gilt auch als Heilkraut.



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