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Blüten sprießen, Winterschläfer sind putzmunter / Weicher Waldboden beeinträchtigt Holzabfuhr

Der Frühling ist erwacht - mitten im Winter

Weserbergland. In so frühlingsmildem Grau hat sich ein Januar noch nie präsentiert: 15 und 16 Grad plus mitten im Winter bringen Flora und Fauna gewaltig durcheinander, lassen Blüten sprießen und Tiere an Winterschlaf gar nicht erst denken. Väterchen Frost macht sich rar und will sich, wenn man den Wetterfröschen glauben mag, auch in absehbarer Zeit nicht blicken lassen. Was nicht heißt, dass es nicht doch noch zum Wintereinbruch kommen kann.

veröffentlicht am 15.01.2007 um 00:00 Uhr

Noch früher als sonst: Leberblümchen, Haselnuss und Primel gibt'

Autor:

Karin Rohr

Vorerst aber sorgen die ersten Frühblüher, Krokusse, Schneeglöckchen und Winterlinge, und blühende Gehölze wie Winterduftgeisblatt, Haselnuss oder Winterjasmin für frische Farbtupfer unter einem seit Wochen grauen Zementhimmel. Keine Chance für Sonnenstrahlen, da durchzudringen. Stattdessen: kübelweise Regen und satte Südwestwinde mit stürmischen Böen. Jede Menge feuchte, milde Luftmassen, also. Des einen Freud und des andern Leid. Denn das Frühlingserwachen mitten im Winter treibt nicht nur frühzeitig ungeahnt schöne Blüten, sondern verleidet den Igeln auch den notwendigen Winterschlaf, lässt Singvögel schon an den Nestbau denken, erste Erdkröten wandern und Insekten schwirren. In ungeheurer Zahl haben sich die Mäuse bereits vermehrt. "Die natürliche Auslese durch den Frost fehlt", sagt Friedel Rädecker vom Natur- schutzbund, der bei dauerhaft milden Temperaturen auch eine Explosion bei Schädlingen wie Blattläusen oder Schnecken befürchtet. Daran würde auch ein kurzer Wintereinbruch nichts ändern, meint er. Denn: "Bei nur wenigen Tagen Frost friert der Boden drei bis vier Zentimeter tief, und alles, was an Larven darunter sitzt, bleibt", weiß der Umwelt-Experte. Nur eine dauerhafte Frostperiode könne daran etwas ändern. Zur Panik gibt es für Rädecker trotzdem keinen Grund, ist er doch sicher, dass sich die Natur oft ganz von selbst regelt, sprich: Jede Art, die sich stark vermehrt auch meist wieder auf natürliche Fressfeinde trifft, die sich dann ebenfalls stark vermehren. Ähnlich sieht das Diplom-Biologe Thomas Brandt, als wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer in Winzlar derzeit ein vielgefragter Mann, gibt es doch nicht wenige, die der allzu milde Januar und seine möglichen Folgen beunruhigt. Zwar hat er festgestellt: "Die Insekten sind da." Dass aber eine Plage durch Stechmücken drohe, lasse sich noch nicht vorhersagen. Brandt: "Der Winter allein macht's nicht. Die Häufigkeit der Stechmücken hängt vom Regen ab: Bei einem nassen Frühjahr gibt's viele Mücken". Nun ist es zwar sehr feucht, aber eben noch nicht Frühjahr, also im Hinblick auf die Stechmücken weiter alles offen. Bei den Zecken allerdings teilt der Biologe dieÄngste vieler Menschen, sind diese zur Familie der Spinnentiere zählenden Milben, die als gefährliche Krankheitsüberträger gefürchtet sind, doch derzeit putzmunter. "Ein knackiger Winter ist für Zecken ein wichtiger Selektionsfaktor", so Brandt. Normalerweise sei für die Blutsauger im Oktober Schluss. Erst im Mai werden sie wieder aktiv. Aktiv ist auch der Borkenkäfer. Im vergangenen Frühjahr machte er den heimischen Forstleuten schwer zu schaffen. "Die milde Witterung muss aber nicht zur Explosion der Borkenkäfer führen," meint Revierförster Ottmar Heise und erklärt: "Förderlich wäre jetzt eine Verpilzung, die ein Feind der Borkenkäfer ist." Feuchtigkeit und milde Temperaturen könnten diese Verpilzung derzeit begünstigen. Gesunde, grüne Fichten, die nicht zu trocken stehen, würden sich überdies durch Verharzung selbst gegen den Käfer wehren. Die kritischen Stellen im Revier haben Heise und seine Leute im Auge. Die Beobachtung fällt allerdings weniger intensiv aus als früher. "In allen Forstämtern wird Personal eingespart. Das wirkt sich negativ aus", bedauert Heise. Zwar beunruhigt den Revierförster der milde Januar nicht, dennoch wünscht er sich sehnlichst eine längere Frostperiode: "Weil wir zwar Holz schlagen, aber es nicht rücken können. Der Boden ist zu matschig." Holz sei genug da: "Aber wir haben Probleme, es mit den schweren Geräten an die Wege zu bekommen." Die Folge: Lieferschwierigkeiten und ungeduldige Händler. Holz aber wertet Heise als wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region und wirbt daher bei Wanderern um Verständnis für zerfurchte Waldwege: "Wir müssen versuchen, unseren Aufträgen nachzukommen."

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