weather-image
23°

Was Claus Lindner an dem mystischen Rattenfänger fasziniert und warum er selbst so ganz anders ist

Der dunkle Pfeifer hat für ihn viele Gesichter

Hameln. Verführer? Scharlatan? Gauner? Halunke? Auf jeden Fall: Ein geheimnisvoller Fremder, der aus dem Nichts auftauchte und im Nichts verschwand. Hamelns Rattenfänger hat viele Gesichter, ist einnehmend und abstoßend, gerissen, charmant, verwegen und unberechenbar. Im Jubiläumsjahr darf er seine finstere Seite zeigen, ist als „verführter Verführer“ eine ambivalente Persönlichkeit mit dämonischen Zügen. Monat für Monat schlüpft Claus Lindner seit Anfang des Jahres in die Rolle des dunklen Pfeifers, hat ihm Profil gegeben, ist selbst zu einem Teil der Figur geworden, vereinnahmt aber hat ihn der Rattenfänger nicht: „Eher bereichert“, sagt der Schauspieler, der die Rolle zu Anfang gar nicht wollte, weil er sich davor gruselte, „alle bei Laune halten zu müssen.“ Über 60-mal hat sich der 48-Jährige das zerlumpte Kostüm übergestreift, sein Gesicht in der Kutte verborgen, am Ende die blutigen Kinderköpfe entblößt. Hat ihn die Rolle verändert? „Es gibt nichts, was nicht verändert“, meint Lindner. Zunächst aber sei die Rolle eine Herausforderung gewesen: „Ich war schockiert, wie viel Text ich lernen musste und dachte erst, das schaffe ich nie“, meint Lindner rückblickend. Mit wachsender Textsicherheit sei er selbstbewusster geworden, gelassener und ruhiger und habe dadurch auch mehr Spielraum für Neues gewonnen: „Ich verändere mich, probiere andere Gesten aus, versuche, den ganzen Facettenreichtum dieser Figur zu bedienen“, erzählt der Schauspieler, listet als deren Wesensmerkmale Arroganz, Selbstüberschätzung und Angst auf, sagt: „Der Pfeifer ist ein Psychopath, hässlich, abgewrackt, er bettelt, sein Flötenspiel ist nicht mal schön.“ Und erklärt im gleichen Atemzug: „Düster ist er nur deswegen, weil die Schattenanteile des Menschlichen hier gelebt werden dürfen.“ Schon bevor er das erste Mal diesen Rattenfänger verkörperte, hatte Lindner für dessen dunkle Seite plädiert: „Ein Teil des Tages ist die Nacht. Wenn man die abschneidet, fehlt etwas.“

veröffentlicht am 28.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.12.2009 um 10:13 Uhr

270_008_4222502_hm807_2212.jpg

Autor:

Karin Rohr

Wenn er spielt, bleibt er seiner Rolle treu – egal, was um ihn herum passiert: Im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit schafft er nicht nur Illusionen, sondern provoziert auch Reaktionen, sorgt für Verblüffung. Dem Bettler, der ihn bei einer Führung anhaut und um einen Euro bittet, antwortet der Pfeifer: „Guter Mann, ich bin selbst einer wie Ihr. Wollt Ihr nicht m i r einen Taler geben? Auch ich habe Hunger und Durst...“ Ob Regenschirm oder Auto, „ich bleibe in meinem Zeitalter“, sagt Lindner. Seine heftige Reaktion auf neuzeitliche Errungenschaften, seine Angst vor dem „stinkenden Ding“, das gerade lärmend an ihnen vorüberfährt, irritiert das Publikum, frappiert und amüsiert, stimmt es aber auch nachdenklich.

Das Kostüm hilft ihm, in die Rolle zu schlüpfen: „Kleider machen Leute.“ In sein Privatleben aber nimmt Claus Lindner nichts von diesem Rattenfänger mit: „Wenn ich die Kutte ablege, ist es, als ob ich einen Hebel umlege“, sagt der Schauspieler: „Danach bin ich wieder Claus.“ Die Rolle des Rattenfängers habe nicht auf ihn abgefärbt, sondern: „Der Rattenfänger hat viel von mir“, meint der 48-Jährige, nennt das Äußere, die langen Haare, die Angst: „Was sagen die Leute?“ Er weiß selbst wie es ist, nach dem Aussehen beurteilt zu werden, sagt, der größte Irrtum sei bei ihm, „dass die Leute denken, dass ich unzuverlässig bin“. Doch Lindner hat Verständnis: „Ich glaube, dass es menschlich ist, einzuordnen, weil das auch ein Stück Sicherheit ist.“

Sonst aber trennen ihn Lichtjahre von der Sagenfigur: „Ich könnte nie im Leben ohne Obdach leben“, stellt der gebürtige Aachener fest: „Ich könnte nicht von Ort zu Ort ziehen. Ich liebe es, sesshaft zu sein. Selbst unter einer Brücke würde ich mir ein Heim schaffen. Heimatlosigkeit ist für mich undenkbar.“ Er liebe Ruhe und Behaglichkeit, erzählt der Rattenfänger-Darsteller, sei ganz deutsch, wenn es um Gemütlichkeit gehe, liebe Weihnachten, erinnere sich gern an die schöne, geheimnisvolle Zeit, als seine Eltern die Weihnachtsstube hergerichtet haben. „Weihnachtschöre und echtes Gefühl, Kirchen und Glockenklang – das sind sinnliche Erfahrungen“, sagt Lindner, der sich privat als Lyrik-Fan outet, Gedichte von Rilke und Storm besonders ins Herz geschlossen hat, aber auch gern Kinderbücher zur Hand nimmt: Astrid Lindgren, Cornelia Funke, auch Harry Potter, dem er erst skeptisch gegenüberstand, hat er schätzen gelernt.

5 Bilder

Er könne gut faulenzen, gibt er zu: „Aber ich bin kein fauler Mensch.“ Er ist ein ruhiger Gesprächspartner, hört genau zu, ist hellwach, antwortet nachdenklich und überlegt. Glück? Glück ist für ihn „eine Art freudiges Beben, das nicht andauern kann“, sinniert er und zitiert: „...ein gar flüchtig Ding“. Für Sekunden scheint er in die Vergangenheit zu entgleiten, ist aber sofort wieder da, ist wieder Claus: „Glück können auch kleine, unscheinbare Dinge hervorrufen. Oder Natur und Stille.“

Staunen wie ein Kind könne er, was in so großen Bauwerken wie Kirchen stecke. Dieses Staunen verspürt er auch in der Natur. „Pappeln“, sagt er, „Pappeln sind meine Lieblingsbäume. Sie rascheln so geheimnisvoll.“ Und zu seiner Ehrfurcht vor der Natur hat sich der Respekt vor dem Leben gesellt. Dem Leben der Tiere. Seit 25 Jahren ist Lindner überzeugter Vegetarier: „Aber auch ich bin mal als ganz normaler Aasfresser groß geworden“, formuliert er drastisch. Ein Film über Massentierhaltung, Mast und Legebatterien habe an einem Kino-Abend in der Sumpfblume seine Einstellung zum Essen radikal verändert.

Wandlungen. Veränderungen. Da kommt bei Claus Lindner auch der Rattenfänger ins Spiel. Er hat in seinem Leben Spuren hinterlassen: „Die Rolle ist toll für das Selbstbewusstsein. Man braucht Mut, sich vor alle hinzustellen und fühlt sich, als müsse man Hüllen fallen lassen.“ Aber das Spiel habe auch einen schönen kindlichen Aspekt.

Den darf sich der Schauspieler weiter bewahren, denn auch wenn jetzt das Jubiläumsjahr zu Ende geht – der mystische Rattenfänger wird weiterleben und als „verführter Verführer“ durch Hamelns Gassen streifen. Die dunkle Seite des Pfeifers kommt an. Das Publikum mag Claus Lindners dämonisches Spiel – seine Mimik, seine Gestik, sein Charisma.

Claus Lindner ganz privat. Und ganz anders als der Rattenfänger, der einst durch die Lande zog: „Ich liebe es, sesshaft zu sein. Heimatlosigkeit ist für mich undenkbar,“ sagt der Schauspieler.

Expressive Gestik und Mimik: Claus Lindner gibt der ambivalenten Persönlichkeit des Pfeifers Profil.

„Der Rattenfänger hat viel von mir“, sagt Schauspieler Claus Lindner. Äußerlich musste er sich für die Rolle des mystischen Rattenfängers nicht verbiegen. Sonst aber trennen ihn Lichtjahre von der Persönlichkeit des Pfeifers. Wenn Claus Lindner für Stadtführungen in das düstere Kostüm schlüpft, wird er zum „verführten Verführer“. Fotos: Wal



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?