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Unterwegs mit Dr. Rüdiger Schmitz – ein Tierarzt, der rausfährt zu Kuh und Pferd

Der Doktor und seine Liebe für das große Vieh

Langenfeld. „Arbeite niemals vor dem Frühstück; wenn du vor dem Frühstück arbeiten musst, frühstücke vorher.“ Das wusste schon Josh Billings. Und so beginnt dieser Dienstagmorgen für den Landtierarzt Dr. Rüdiger Schmitz mit Kaffee und Brötchen in der gemütlichen Wohnstube. Gestärkt geht es ans Werk. Dr. Rüdiger Schmitz packt seine Materialien zusammen. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als selbstständiger Landtierarzt mit eigener Praxis.

veröffentlicht am 20.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 21.04.2010 um 12:37 Uhr

Wallach Ikarus hat eine Verletzung am Hufkronenrand. Der Doktor

Von Johanna Landeck

Langenfeld. „Arbeite niemals vor dem Frühstück; wenn du vor dem Frühstück arbeiten musst, frühstücke vorher.“ Das wusste schon Josh Billings. Und so beginnt dieser Dienstagmorgen für den Landtierarzt Dr. Rüdiger Schmitz mit Kaffee und Brötchen in der gemütlichen Wohnstube. Gestärkt geht es ans Werk. Dr. Rüdiger Schmitz packt seine Materialien zusammen. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als selbstständiger Landtierarzt mit eigener Praxis. Er ist einer der wenigen, der noch rausfährt zu den Kuh- und Pferdeställen der Region, um vor Ort Großtiere zu versorgen, denn von den Tiermedizinstudenten sind derzeit rund 90 Prozent Damen, und die zieht es selten in den Kuhstall.

Dr. Rüdiger Schmitz wollte schon als Jugendlicher Tiermedizin studieren. „Ich wollte etwas Handwerkliches machen, etwas, bei dem ich Abwechslung habe. Und ich hasse Schreibtische“, lacht er. „Meine Eltern hatten eine Oldenburgerstute, und mein Bruder und ich sind schon als Kinder geritten.“ Anfangs waren die Eltern wenig begeistert von dem Berufswunsch ihres Sprösslings. „Mit Blut und Dreck hatte in der Fami-lie eben niemand etwas zu tun.“ Doch der Sohn setzte sich durch. „Nach der Bundeswehr habe ich einen Landtierarzt ein Dreivierteljahr begleitet – und später seine Praxis übernommen.“ An diesem Morgen führt es den Tierarzt zu einem kleinen Hof in Holtensen. Dreißig schwarz-weiß gescheckte Schönheiten stehen in der Scheune eines Ehepaares in der Nähe von Hameln.

In der Mitte liegen aufgeschichtet feuchte Strohberge. Aus dem warmen, langgezogenen Stall dringen leises Kettengeklapper und dumpfe Muhgeräusche. Neugierig stecken die Kälber ihre feuchten Nasen durch das Gatter und beobachten mit großen, braunen Augen das Geschehen. Hier haben alle Kühe einen Namen. Sorgfältig mit Kreide stehen dort „Molina“, „Klara“ und „Bonita“ auf die Gitterstäbe geschrieben. Dies ist eher selten. Meist besitzen Kühe zur Identifizierung lediglich Nummern. „Die Kühe sind für die Landwirte nur ein Wirtschaftsfaktor“, erklärt Dr. Rüdiger Schmitz. „Sie werden auf Hochleistung gezüchtet und mit spätestens fünf Jahren geschlachtet. Der Grund ist dann mangelnde Fruchtbarkeit.“ Denn nur Kühe, die regelmäßig kalben, produzieren auch genügend Milch. Ein Tier aus der Herde des Ehepaares wird bald eine lange Reise nach Marokko antreten. Das Ehepaar hat es dorthin verkauft. Der Tierarzt führt anhand einer Blutprobe eine „Untersuchung auf die Freiheit von Kuhseuchen“ durch. Nur gesunde Tiere dürfen exportiert werden. Anschließend kommt der altbekannte Gummihandschuh zum Einsatz, um festzustellen, ob zwei weitere Schwarzweiße trächtig sind. Das Ergebnis ist positiv. Beide Kühe werden bald Kälbchen zur Welt bringen.

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Die Anzahl der Behandlungen von professionellen Landtierärzten bei Nutztieren wie Schweinen und Kühen wird weniger. Diesen Trend spürt auch Dr. Rüdiger Schmitz. „Der Großteil der Tiere wird von den Landwirten selbst therapiert. Ärzte stellen oft nur die Diagnosen. Hier geht der Trend zur Beratung, das nennt sich dann Bestandsbetreuung.“ Der Hauptgrund für derartige Sparmaßnahmen ist laut Dr. Schmitz der enorme Preisdruck für die Landwirte. Auch die Einbußen im Milchgeschäft schlagen sich in der strengen Kostenrechnung der Nutzviehbetriebe nieder. Nach einem kurzen Plausch geht es für den gutgelaunten Tierarzt in dunkelbraunen Gummistiefeln und grünem Rollkragenpullover unter gleichfarbigem Kittel weiter zum nächsten Termin. Dort wartet bereits Pünktchen, eine Ponystute wie aus dem Pippi- Langstrumpf-Buch. Dr. Rüdiger Schmitz sucht den passenden Impfstoff aus einer der zahlreichen Schubladen im Kofferraum seines schwarzen VW-Kombis. Der Stall ist angefüllt vom leisen Strohrascheln und Schnauben der Pferde des Reitvereins Fisch-beck. Bevor er das Tier auf Fiebersymptome untersucht, streicht der Arzt dem Pony vorsichtig das Stroh vom weichen Rückenfell. 37 Grad Normaltemperatur. Auch die Lymphknoten sind nicht geschwollen. Ein kleiner Pieks, und schon wird die Stute zurück in ihre Box geführt. „Das hast du gut gemacht, Pünktchen“, lobt der Tierarzt. Überhaupt ist zwischendurch immer noch Zeit für ein freundschaftliches Gespräch mit den Besitzern. Der Ton ist ausgelassen. Man kennt sich. Ein prüfender Blick über die Halbbrille mit dem schwarzen Gestell und auf seinen „Spickzettel“ verrät dem Arzt die Adresse seines nächsten Einsatzes. Wallach Ikarus hat sich eine schmerzhafte Verletzung am Hufkronenrand zugezogen. Dank der Behandlung durch den Tierarzt ist der Huf gut verheilt. Trotzdem muss Dr. Rüdiger Schmitz die Hornkanten mit einem Messer abschälen und einen neuen Verband anlegen. Während der Arzt den Fuß des Pferdes auf dem Bein abgelegt behandelt, knotet eine kokette Grauschimmelstute aus der Nachbarbox mit spitzem Maul die Leine des Hengstes durch die dazwischenliegenden Gitterstäbe auf. Das Beschneiden des Hufes bereitet dem Tier keine Schmerzen und ist mit dem Schneiden eines Fingernagels vergleichbar. Ein kurzer Blick in eine weitere Box muss in diesem Stall noch sein. Dort liegt ein wenige Wochen altes schwarzes Schimmelfohlen im frischen Stroh.

Einsätze bei Großtieren können jedoch auch gefährlich werden. Vor allem junge Bullen sind oft unberechenbar. „Sie sind dann ungestüm und wollen spielen. Gut, dass die Tiere nicht wissen, was sie für Kraftressourcen haben. Einmal hat mir ein junges Rind einen Arm gebrochen.“ Das verschreckte Tier brach dem Tierarzt mit seiner har-ten Schädeldecke die Elle. „Ich bin dann zu mir in die Praxis gefahren. Habe mich dort selbst geröntgt und bin mit dem Bild zum Chirurgen gefahren.“ Die nächsten Patienten für heute warten schon. Ein Landwirt aus dem Auetal meldete dem Tierarzt eine erhöhte Zellenanzahl in der Milch zweier Kühe. Diese darf einen bestimmten Wert nicht überschreiten und ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Bei Erkrankungen scheidet die Kuh mehr Zellen aus als üblich. Unter Umständen ist das das Todesurteil für das Tier.

„Die Milch kann nicht verkauft, sondern nur an Kälber verfüttert werden. Werden die Kühe in der Trockenphase mit Antibiotika behandelt, stehen die Heilungschancen da manchmal nur bei 30 Prozent. Dann droht im Zweifelsfall der Schlachter“, erklärt Schmitz. Denn Kühe sind reine Nutztiere. Und eine teure Behandlung lohnt sich im landwirtschaftlichen Betrieb oftmals nicht. Die Kuh Nummer 135 aus dem Stall des Landwirtes benötigt vor jedem Melkgang eine Spritze mit dem Hormon Oxytoxin, damit die Milch aus dem Euter abfließen kann. „Wenn die nicht so viel Milch geben würde, hätte sie den Kopf schon längst ab.“ Doch bei einer Milchproduktion von 12 000 Litern im Jahr lohnt sich die medizinische Behandlung. Glück für die Kuh. Dr. Rüdiger Schmitz steckt die Milchproben in den durchsichtigen Reagenzgläsern in die Brusttasche seines Kittels. Sie werden im Labor untersucht.

Der letzte Patient an diesem Vormittag steht in einem Stall in der Nähe Lauenaus. Das teure Dressurpferd leidet an einer Augenveränderung. Mit einer Kopfleuchte betrachtet Dr. Rüdiger Schmitz das geschädigte Auge des Fuchses. Der Verdacht fällt auf eine periodische Augenentzündung oder die sogenannte Mondblindheit. Bestätigt sich der Verdacht in den nächsten Wochen, verringert sich der Wert des Tieres dramatisch. „Bei sowas kann ein Pferd von einem Wert von 300 000 locker auf 3000 Euro runtergehen“, erklärt der Arzt. Endgültige Gewissheit wird die Pferdeklinik in Hochmoor bringen. Dorthin soll das Tier in einigen Tagen gebracht werden.

„Ich vergleiche unseren Beruf immer gern mit dem eines Kinderarztes. Kinder haben immer Bauchweh, egal, was sie haben. Und bei den Tieren ist es genauso. Sie können eben nicht sprechen. Da müssen wir uns dann langsam rantasten und schauen, was es ist. Wenn man es philosophisch betrachten will und darüber nachdenkt, ob Tiere Gefühle haben, ob sie beim Schlachten Panik bekommen, nun ja, das ist nicht so leicht zu beantworten. Und am besten hinterfragt man das in unserem Beruf auch gar nicht.“ Denn eine zu starke emotionale Bindung zu den Tieren kann die Arbeit behindern. Nach diesem Termin geht es für den Doktor erst einmal zurück in die Praxis. Am Nachmittag warten noch viele andere Patienten auf seine Hilfe. Dr. Rüdiger Schmitz schlägt die Tür zu seinem Wagen zu und startet den Motor.

Trotz viel Fahrerei und anstrengender Arbeit lächelt er vergnügt unter seinem graumelierten Schnauzbart. Er hat als Landtierarzt seinen Traum zum Beruf gemacht. „Und jetzt werde ich erst mal eine Tasse Tee trinken.“

Dr. Rüdiger Schmitz untersucht Pünktchen, eine Ponystute wie aus dem Pippi- Langstrumpf-Buch, bevor er sie impft.

Fotos: Joh



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