weather-image
10°
×

Der Charme der „Kleinen“

Der Mittelstand schafft in Deutschland rund jeden zweiten Job. Noch dazu sind 3,5 Millionen Betriebe oftmals flexibler als Großunternehmen – und als Arbeitgeber somit besonders attraktiv.

veröffentlicht am 11.06.2019 um 11:22 Uhr
aktualisiert am 11.06.2019 um 12:05 Uhr

Mittelstand – hat dieser Begriff aus der Wirtschaft nicht etwas Abwertendes? Klar, es gibt die, die sich darunter befinden, aber eben auch jene, so klingt das Wort jedenfalls, die es nach ganz oben geschafft haben.
Information

Was versteht man unter Mittelstand?

Der Wirtschaftsbegriff Mittelstand ist nicht scharf abgegrenzt. In diesem Segment findet sich das traditionelle Familienunternehmen, das junge Start-up, der klassische Handwerksbetrieb, der Freiberufler, der Soloselbstständige oder die größere Hightech-Firma.

Unterschieden wird oft nach der Gruppe der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) mit bis zu 250 Beschäftigten und nach dem größeren Mittelstand mit bis zu 1000 Mitarbeitern. Kleine und mittlere Unternehmen, die in Abhängigkeit zu einem anderen Unternehmen stehen, werden nicht zum Mittelstand gerechnet.

Der Mittelstand ist gekennzeichnet durch die Einheit von Eigentum, Leitung, Haftung und Risiko – im Gegensatz etwa zur Aktiengesellschaft. Die öffentliche Bankengruppe KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) legt die Grenze für einen mittelständischen Betrieb bei 500 Millionen Euro Jahresumsatz fest.

Nach einer Analyse der Zeitschrift „Die Deutsche Wirtschaft“ befinden sich mit mehr als 22 Prozent die meisten mittelständischen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern (21 Prozent) und Baden-Württemberg (17 Prozent).

Der Mittelstand ist zudem sehr typisch für Deutschland – er ist so charakteristisch, dass der Begriff Eingang in viele Sprachen gefunden hat. Er wird in der deutschen Form nicht nur in vielen europäischen Ländern, sondern auch in China, Japan, Russland oder im arabischen Sprachraum verwendet. In Deutschland wurde daher schon mehrfach angeregt, dass der „German Mittelstand“ – wie bereits das Genossenschaftswesen – in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Vereinten Nationen aufgenommen werden sollte.

Mittelstand? Ist doch irgendwie mittelmäßig. Wahrscheinlich muss man aus großer Ferne auf jene Unternehmen blicken, die zum deutschen Mittelstand gerechnet werden, um zu erkennen, wie abwegig eine abwertende Sicht ist.

Mehr als 99 Prozent der deutschen Firmen werden zum Mittelstand gerechnet

Nach der weltweiten Rezession 2008/2009 fiel US-amerikanischen Experten auf, wie gut die deutsche Wirtschaft durch die Flaute gesegelt war. Viele machten sich nach Deutschland auf, um die Ursachen zu ergründen – und fanden sie in der Stärke von „the German Mittelstand“. Es gab auch kraftvollere Ausdrücke des amerikanischen Respekts vor den unternehmerischen Leistungen der deutschen Firmen: Von „hidden champions“, also „versteckten Weltmeistern", war die Rede, oder gar von der ­„secret weapon“, der „Wunderwaffe“, der Bundesrepublik.

Weltweiter Respekt vor den „hidden champions“

Tatsächlich bestechen die mittelständischen Unternehmen nicht durch ihre Größe, da sind ihnen die Konzerne überlegen. Aber durch ihre Zahl: Mehr als 99 Prozent der deutschen Firmen werden zum Mittelstand gerechnet.

Die etwa 3,5 Millionen Betriebe vereinen ein Bündel von Erfolgsfaktoren: Sie sind flexibler als Großunternehmen, weil sie sich schnell umorganisieren, das Personal besser anpassen und neue Techniken schneller in den Produktionsprozess eingliedern und damit neue Produkte rascher am Markt platzieren können. Ihre Entscheidungsstrukturen sind einfacher; die Hierarchien flacher. Und: Langfristige Beziehungen und informelle Kontakte zu Kunden, Lieferanten und Banken machen den Kontakt unkompliziert.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige