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72 Meter hoher und 95 Jahre alter Schornstein auf dem Gelände der Rohkrämerschen Fabrik gesprengt

Der 2000 Tonnen schwere Riese fällt passgenau

Holzminden (bs). Rolf Wischnat ist die Ruhe in Person. Dabei hat der Mann aus Staufenberg einen explosiven Job. Der 57-Jährige ist Sprengmeister. Vier- bis fünfmal wöchentlich jagt er irgendwo etwas in die Luft. Diesmal ist es ein alter Schornstein. 95 Jahre stand er auf dem Gelände der ehemaligen Rohkrämerschen Fabrik. Jetzt ist der Riese im Weg. Weil in der Fabrik schon lange nichts mehr produziert wird, die Hallendächer aber für eine Photovoltaik-Anlage genutzt werden sollen und der Schornstein sie verschattet, muss er weg.

veröffentlicht am 10.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:41 Uhr

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Und das passiert auch: Eine Stunde später als kalkuliert, gibt es zunächst einen gehörigen Knall – und dann legt sich der 2000 Tonnen schwere Riese genau dorthin, wo Rolf Wischnat ihn hinhaben wollte. Der Sprengingenieur hat Maßarbeit geleistet.

Die Rohkrämersche Fabrik in Holzminden – sie liegt zwischen den Stiebel-Werken und dem Gelände der Firma Müller + Altvatter, dürfte vielen Holzmindenern gar nicht mehr bekannt sein. 1913 wurde sie gebaut für die Produktion von Düngemitteln. Produziert wird dort schon lange nicht mehr.

Nach einer wechselvollen Geschichte nutzt heute die Firma Stiebel die Hälfte der Hallen als Lager, die andere Hälfte dient als Garage für Wohnmobile und Wohnwagen. Die Freifläche wird für die Annahme und Kompostierung von Grüngut genutzt.

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Der Schornstein ist überflüssig. Und weil er das Vorhaben eines Unternehmens, das per Photovoltaik Strom erzeugt, im Wege steht, muss er weg. Eine Aufgabe für Rolf Wischnat. Der reist nicht allein nach Holzminden, sondern bringt neben seinen Mitarbeitern auch einen Trupp des Technischen Hilfswerkes aus Braunschweig mit. Der muss im Katastrophenfall sprengen können, deshalb üben sie mit dem Experten. Der vermisst die Höhe des Schornsteins, berechnet das Volumen und die Masse. Rund 2000 Tonnen Material wird Wischnat mit seinen Sprengladungen bewegen. Der doppelwandig aus Ziegeln gemauerte Schornstein ist nämlich bis zu einer Höhe von rund 30 Metern mit feuerfestem Schamott-Stein verfüllt.

Doch Wischnat ist zuversichtlich. Er hat Bunker gesprengt, arbeitet in Steinbrüchen und unter Wasser. Für ihn ist ein Schornstein nichts Spektakuläres. „Filigranarbeit eben“, wie er betont. Die Schneise, in die der Schornstein fallen soll, hat Wischnat genau berechnet, die 39 Bohrlöcher außen und die 29 Bohrlöcher innen entsprechend angebracht. Angeschobener Bauschutt in der Fallschneise soll die Fallenergie minimieren. „Das Schlimmste ist der Kopf“, blickt Wischnat nach oben, der soll mit dem Schornstein zusammen runterkommen.

Auf die Sprengung, vor allem aber auf die befürchtete Staubwolke, haben sich auch die Firmen mit Werkbrandmeister Folker Grimm vorbereitet. Staub in den Produktionshallen, das wäre fatal. Die Lüftungsanlagen der Produktionshallen werden abgedichtet. Und die Werkfeuerwehr baut einen Hydroschild auf. Das Wasser soll die Staubwolke bremsen.

Um 10 Uhr, hat Wischnat angekündigt, will er sprengen. Er hat darum gebeten, dass die spektakuläre Aktion vorher nicht angekündigt wird. Zu vorwitzige Schaulustige fürchtet er. Mit 10 Uhr wird es dann aber nichts. Irgendwo sitzt ein Kontakt nicht. Das Team sucht, eine Stunde lang. Dann ertönt das Horn. Erst einmal zur Vorwarnung. Dann zweimal. Es wird ernst. Und still. Der gewaltige Donnerschlag, der dann folgt, muss in ganz Holzminden zu hören gewesen sein. Langsam sackt der Schornstein erst ein Stück in sich zusammen, dann neigt er sich, legt sich wie in Zeitlupe in sein vorbereitetes Bett.

Die befürchtete große Staubwolke bleibt aus. Dem feuchten Wetter sei Dank. Und Rolf Wischnat ist zufrieden. Seine Arbeit ist getan. In den nächsten Tagen wird es ans Abräumen gehen.

Langsam geht der Koloss in die Knie … zerbricht in mehrere Teile … und landet schließlich wie geplant in seinem Bett.

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