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Kabarettist Jockel Tschiersch seziert als Galapagosechse das Singleleben der Generation 50-Plus

Denkt man mit 50 immer nur an Sex?

Ottenstein. „Ist es eigentlich normal, mit 50 immer nur an Sex zu denken?“ Ein Mittfünfziger aus der ersten Reihe nickt zustimmend, verständnisvoll, aufmunternd hinauf zur Bühne – und gibt damit den Startschuss für die wort- wie detailreiche Aufklärungskampagne „Pubertät mit 50“, für die der Schauspieler und Kabarettist Jockel Tschiersch trotz Erkältung auf die Hochebene gereist ist.

veröffentlicht am 30.01.2011 um 19:09 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 20:41 Uhr

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Autor:

Sabine Weiße
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Im gemütlichen Saal des Gasthauses Hahn ist das Publikum ganz „Ohr“. Erwartungsvoll blicken die Gäste nach vorne, um hautnah den zweiten Pubertätsschub des Kabarettisten Tschiersch auf der Bühne mitzuerleben, und um die vielen Schweißperlen auf seiner Stirn studieren zu können. Tschiersch liest zwar keine Bravo, auch Pickel und eine Zahnspange hat er nicht. Dafür ist dieser „Fifty-plus-Held mit der Brigitte-Sonderbeilage „Pubertät“, einem kritischen Blick auf den eigenen Körper und einer gewissen Ratlosigkeit dem anderen Geschlecht gegenüber ausgestattet. So trudelt er durch seine trostlose Singlewelt.

In seiner 38,3 Quadratmeter großen Behausung plagen ihn Unzufriedenheit, ein permanenter Zustand latenter Erregtheit und starker Harndrang, was ihm die letztlich unbefriedigende Bekanntschaft zu einer Urologin einbringt. In seinem Bemühen, dem Leben wieder ein paar Höhepunkte abzutrotzen, greift er auch zu Ratgebern. Der Knigge für den unrasierten Freiberufler, ein Ratgeber für „präsenil“ Entscheidungsschwache und das Kochbuch „Dünste Dich gesund und glücklich“ machen ihm Mut. Seiner Einladung zum Bio-Rindsgulasch mit Spinat, die er als Rundmail an 130 Empfänger verschickt, folgen lediglich Boris aus Niederbayern (er leidet an einer Bio-Inkompatibilität und Chlorophyll-Allergie) und die Ernährungsneurotikerin Hanna.

Während der Küchenchef den Abwasch erledigt, beschäftigen sich die Gäste auf dem Futonbett. Sprachlich brillante Betrachtungen zur Spezies der Alpha-Weibchen und zu Teilzeit-Patchwork-Papas, deren Zeugungsfähigkeit er infrage stellt, lassen die anhaltende Orientierungslosigkeit des Kampfplauderers mit seinem unverhohlenen Macho-Gehabe erahnen. „Mit 50 kann man mit seinem Werkzeug umgehen. Das Problem ist vielleicht die Akquise“, markiert er seinen Zustand.

Die „Operation Goodyear“ in einer Schönheitsklinik („wie eine Rundum-Erneuerung“) sorgt zwar für eine gestraffte Optik und bessere Vermittlungschancen im Dienstleistungssektor, „wo man Knitter-Zombis schließlich nicht auf die Young-Shopping-Generation loslassen kann“. Aber die Frauen machen sich trotzdem rar.

Angesichts eines hartnäckig verwechselten Codewortes endet der Besuch eines SM-Studios in einem Fiasko. Im Swingerclub – umgeben von bemühten Ärzten, Psychologen und Personalcoaches – kommt der Mann zum verdienten, betreuten Organismus. Mit Zertifikat.

Auch wenn an diesem Abend manche Pointe nahe der geschmacklichen Schmerzgrenze balanciert, die Herren Westerwelle und Wowereit für allzu platte Gags herhalten müssen: Jockel Tschiersch beweist vielfach Wortfindungsgenialität, liefert verblüffend skurrile Gedanken-Feuerwerke und schlüpft meisterlich in eine Vielzahl von Figuren: Willy Brandt, Professor Grzimek, den Boris Schweinsfelder, die Urologin Frau Dr. Schnitte, die Orgasmus-Trainerin, den Patchwork-Papa. Wie er alle diese Akteure sprachlich und mit allen regionalen Zungenschlägen, aber auch gestisch inszeniert, das verdient Hochachtung. Als Paraderolle für Tschiersch erweist sich übrigens die Galapagosechse, Lieblingstier des Tierfilmers Grzimek: In angedeuteter Kriechhaltung züngelt und lechzt das Tier im Einkaufsmarkt nach Bück- und Grapsch-Ware – und im übrigen Leben nach einer Gelegenheit...

„Pubertät mit 50“: Wertvolle Aufklärungsarbeit leistet der Schauspieler und Kabarettist Jockel Tschiersch. Wichtige Tipps holt er sich aus der Brigitte-Sonderbeilage „Pubertät“. Foto: saw



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