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Denk - Mal - An...

Es gibt Worte, die erscheinen träge und scheinbar voll mit der Last, die sie mittransportieren. "Gedenken" gehört dazu. Eins der selten gebrauchten Worte. Wenn die Erinnerungen an leidvolle Vergangenheit und an die Opfer grauenvollen Terrors wieder ins Bewusstsein dringen, dann gedenken wir.

veröffentlicht am 08.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Pastor Reinhard Koller

Die "Reichskristallnacht", in welcher der nationalsozialistische Machtapparat am 9. November 1938 sein wahres Gesicht unverblümt und in einer bis dahin nicht da gewesenen Brutalität zeigte, gehört dazu. Die Juden waren seit dieser Verfolgungsnacht die öffentlich erklärten Feinde. Menschen, denen man jede Würde absprach und die ein initiierter Volkshass treffen sollte. Dieser unglaubliche Hass führte zur Vernichtung von sechs Millionen Juden. Was heißt da Gedenken? Wie kann das vermittelt werden, was so folgenschwer passierte? Haben wir, die Nachkriegs-Geborenen, persönliche Schicksale nachgelesen? Gibt es im Schulunterricht nicht nur die notwendigen Fakten, sondern auch die Momente der Betroffenheit? Haben wir als Eltern genug getan, um unseren Kindern mehr als einen coolen Umgang mit dem Leid von Menschen zu ermöglichen? Kannten die Älteren vielleicht Juden, die unter den Opfern waren? Ich finde es wichtig - und das geschieht ja auch in den Medien - wenn diese Menschen und Holocaustüberlebende von dem Umfeld und der Verirrung der Menschen in dieser Zeit erzählen - seien sie selbst mit hineingezogen worden in den Sog des Wahnsinns oder als damals schon kritische Zeitgeister. Nur unser persönliches Interesse an diesen Einzelschicksalen bewahrt uns vor einem "coolen Gedenken", in dem Geschichte pflichtgemäß abgehakt wird. Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinden, Kommunen, Kirchen und Vereine an diesem Wochenende rufen uns dazu auf, das Gedenken als aktiven Teil unseres Lebens zu begreifen. Das kann auch an anderen Tagen geschehen. Meine Frau und ich besuchten während des Urlaubs auf Korfu ein Denkmal für die letzten bis 1944 dort lebenden 2000 Juden. Sie wurden alle in die KZs deportiert. Nur etwa 150 von ihnen entgingen der Ermordung. Wir trafen einen Mann, dessen Großmutter ein jüdisches Mädchen in die Familie aufgenommen und so gerettet hatte. Ein Denkmal erinnert und mahnt uns. Darüber hinaus brauchen wir aber auch in Zukunft lebendige Denk-Mal-Personen. Wir können den Toten ihr Leben und ihre Würde nicht zurückgeben, aber wir können in Liebe an sie denken - eben gedenken - mit der Bitte um Vergebung durch Gott und mit dem Willen zu einer gelebten und stabilen Toleranz und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Reinhard Koller ist evangelisch-lutherischer Pastor in Steinbergen.



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