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…Deutschlands Jugend zum Vermächtnis – Die Kriegerdenkmal-Manie nach dem Ersten Weltkrieg

Den toten Helden zum Gedächtnis…

Das Denkmal, das wir heute seiner Bestimmung übergeben, soll uns kräftigen im Andenken an diese Helden, soll ferneren Geschlechtern eine Mahnung und Warnung sein, dass sie nicht die teuren Toten vergessen, die für uns gelitten und gestritten haben“, rief Festredner Pastor Irmer vor 90 Jahren seinen Bückeburger Zuhörern zu.

veröffentlicht am 24.11.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Anlass des vom Ex-Pfarrer des Jägerbataillons „mit weithin schallender Stimme und durchdrungen von nationalem Geist und Liebe zum Vaterlande“ vorgetragenen Appells war die Einweihung des neuen, in der Nähe des Schlosses errichteten Kriegerdenkmals. „Der 1. Oktober des Jahres 1922 wird ein ewiger Gedenktag für die Stadt bleiben“, zeigte sich die Landes-Zeitung von der bleibenden Bedeutung des Mahnmals überzeugt.

So wie in Bückeburg ging es damals überall im Lande zu. Nach Ende des Ersten Weltkrieges sei im Reich eine regelrechte (Denkmal-) „Manie“ entstanden, heißt es in einem 2001 veröffentlichten Beitrag des Ex-Staatsarchiv-Chefs Dr. Hubert Höing (s. Quellenhinweis). Auch im Schaumburgischen kam es bis in die 1930er Jahre hinein zu Einrichtung und Bau zahlreicher Erinnerungsstätten. In einer vom heimischen Kreisverband der Deutschen Volksgräberfürsorge 1987 herausgegebenen Zusammenstellung sind mehr als 80 Einzelobjekte aufgelistet.

Ursache und Auslöser des Booms war der Frust, der seit 1918 wie ein Albtraum auf den Deutschen lastete. Die Tatsache, dass die eigene Nation, obwohl militärisch unbesiegt, tief gedemütigt und mit saftigen Reparationszahlungen belegt worden war, wurde als Schande empfunden. Der Freudentaumel bei Kriegsbeginn war in Trotz, Trauer und Wut umgeschlagen. Fast zwei Millionen Männer und Söhne waren gefallen. Mehr als doppelt so viele waren krank oder als Krüppel vom „Felde der Ehre“ zurückgekehrt. Besonders schmerzlich war es, dass es keinen Ort gab, an dem man die irgendwo in Feindesland verscharrten Ehemänner, Väter und Brüder hätte besuchen und beweinen können. Die Zahl der zwischen 1914 und 1918 außerhalb der Reichsgrenzen umgekommenen Schaumburger wird auf mehr als 600 geschätzt.

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Das vor 90 Jahren in der Nähe des Schlosses und auf fürstlichem Grund und Boden errichte Bückeburger Kriegerdenkmal.

Je weniger der Sinn des Krieges und der Kriegsopfer erkennbar wurde, desto stärker wuchs das Verlangen, den fernen Toten einen Ort des Erinnerns in der Heimat zu schaffen. Dabei spielte es keine Rolle, dass die öffentlichen Kassen leer waren und die Menschen unter Hunger, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot zu leiden hatten. Jedes, auch das kleinste Dorf, wollte sein eigenes Mahnmal haben.

Den Anstoß gaben fast überall die „ortsgemeinschaftstragenden“ Vereine. Das waren neben Feuerwehr, Liederkranz und Schützenbrüdern vor allem die Kriegervereine. Zur Umsetzung und Finanzierung gründete man einen „Denkmalausschuss“. Die Einweihung gedieh zum feierlichen Ritual. Pastor und Bürgermeister hielten patriotischen Reden. Junge Einwohner verlasen die Namen und sagten Gedichte auf. Dann wurden Kränze niedergelegt und die Fahnen gesenkt. Spätestens, wenn der Posaunenchor das Lied vom guten Kameraden spielte und der Gesangverein das Lied „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod“ anstimmte, stellte sich laut Zeitungsberichterstattung „eine weihevolle Stimmung unter den Zuhörern ein“.

Größe und Aussehen der Denkmale hingen naturgemäß von der Spendenbereitschaft der Einwohner und vom Geschmack der Denkmalausschuss-Mitglieder Spender ab. Bevorzugte Grundmodelle waren Obelisken, Pfeiler und aufrecht stehender Quader in jedweder Form. Obendrauf kam ein Adler (als Symbol für den Stolz des Reichs), ein brüllender Löwe (als Zeichen von Macht und Stärke) oder ein abgelegter Stahlhelm (drückte das Ende des Kampfes aus). Daneben fanden und finden sich verschiedene figürliche Darstellungen. Besonders beliebt scheint hierzulande der kniende, betende Soldat gewesen zu sein. Er ist unter anderem in Exten, Lauenau, Rehren A/O, Luhden, Lindhorst und Auhagen zu sehen. In Rinteln zog man einen mit der Waffe in der Hand gegen den Feind anrennenden Krieger („Stürmender Jäger“) vor.

Häufigster, weil preiswertester, Zierrat auf Schaumburgs Kriegerdenkmalen ist das sogenannte „Tatzenkreuz“ (Kreuz mit sich verbreiternden Balkenenden). Das sowohl militärische als auch christliche Symbolik verbindende Motiv kommt in mehr als 20 Orten vor, so zum Beispiel in Meinsen, Heuerssen, Ottensen, Ohndorf, Niedernwöhren, Wiedensahl, Goldbeck, Hohenrode, Reinsdorf und Wendthagen).

An den Außenflächen der meisten Denkmale wurden die Namen der aus dem Ort stammenden Gefallenen eingraviert. Nicht fehlen durfte auch die Widmungsinschrift. Meist finden sich Verse wie die auf dem Mahnmal im Bückeburger Schlossgarten: „Den toten Helden zum Gedächtnis, Deutschlands Jugend zum Vermächtnis“. Weit verbreitet war auch der Spruch „Niemand hat größere Liebe, als wer sein Leben lässet für seine Brüder“. Und nicht selten wurden auch Krieg und Heldentod verherrlichende und/oder revanchistisch anmutende Sprüche ausgesucht. „Süss und ehrenvoll ists fürs Vaterland zu sterben“ und „Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, kommenden Generationen zur Nacheiferung“, heißt es auf den Anlagen in Hohenrode und Evesen. Und bei der Einweihung in Bückeburg gab Festredner Pastor Irmer der Hoffnung Ausdruck, „dass die Blutsaat eines Tages doch noch aufgehen wird“.

Denkmale, die das Verlangen nach Frieden und Versöhnung zum Ausdruck bringen, sucht man nach den Recherchen Höings (auch) im Schaumburger Land vergebens. Nicht umsonst ist seine Untersuchung über die Kriegerdenkmäler deshalb mit der Frage „Unfähig zu trauern?“ überschrieben.

Quellenhinweis:

Dr. Hubert Höing: „Unfähig zu Trauern?“, Band 33/1972 „Schaumburg-Lippischen Mitteilungen“;

Hermann Banser: „Kriegsgräber, Gedenkstätten und Mahnmale im Landkreis Schaumburg“, Hg. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Kreisverband Schaumburg, 1987.

Zu den beliebtesten Gestaltungselementen der hiesigen Kriegerdenkmale gehört der Helm. Auf dem in Vehlen aufgestellten, von vier rechteckigen Säulen mit einer umlaufenden Pergola umgebenen Sandsteinquader thront eine „antike Version“.



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